Schafhausen-Rücktritt eröffnet Neuanfang in Kunsthalle Wien

Sein Entschluss, die Leitung der Kunsthalle Wien mit 31. März 2019 abzugeben, ermögliche neue Weichenstellungen. Das sagt Nicolaus Schafhausen im APA-Interview. “Es ist nun eine politische Entscheidung, wie es mit der Kunsthalle Wien weitergeht. Diese Möglichkeit eröffne ich mit der vorzeitigen Beendigung meines Vertrages. Die neue Person wird ganz andere Parameter für die Verhandlungen haben.”

Für die von ihm seit 2012 geleitete Institution sei ein Führungswechsel nach dann sieben Jahren sicher kein schlechter Zeitpunkt, sagt der Kurator und Kunstmanager, der vor zwei Wochen überraschend seinen vorzeitigen Rückzug bekannt gegeben hat. Es stünden Budgetverhandlungen für die nächste Drei-Jahres-Planung an, und ein kuratiertes, diskursorientiertes Programm, wie er es verantwortet habe, sei um die bisherigen 3,85 Millionen Euro Jahressubvention, die zudem großteils von Personal- und Betriebskosten aufgefressen würde, künftig kaum mehr leistbar. “Man kann sich ja überlegen, ob man wieder zurückwill zu der Zeit vor mir, als Ausstellungen teilweise einfach eingekauft wurden.”

Zudem stünden dringende Sanierungsarbeiten an den bespielten Räumlichkeiten an. “Alleine, was an unserem Standort am Karlsplatz investiert werden muss, kostet dort mehr als wir im Jahr für Ausstellungen zur Verfügung haben.” Vor diesen Investitionen sei vielleicht der richtige Moment gekommen, die Standortfrage noch einmal gründlich zu überdenken. Schafhausen erinnert daran, dass er auch in der Vergangenheit immer wieder Kritik an der versteckten Lage der Kunsthalle Wien Museumsquartier geäußert habe. “Das Kulturangebot ist viel zu sehr in den Innenstadtbezirken massiert. Wenn der neue Bürgermeister Michael Ludwig nun den Flächenbezirken mehr Aufmerksamkeit schenken will, sollte man eine Institution wie die Kunsthalle mitbedenken.” Die geplante Donaubühne dürfe nicht das einzige neue Kulturangebot bleiben.

Das alles sei aber kein Grund für seinen Rücktritt, versichert der 1965 in Düsseldorf Geborene, der mit seiner per Mail veröffentlichten Begründung allerdings mehr für Verwirrung als für Aufklärung gesorgt hatte. “In der derzeitigen nationalistischen Politik in Österreich und der europäischen Situation sehe ich die Wirkungsmächtigkeit von Kulturinstitutionen wie der Kunsthalle Wien für die Zukunft in Frage gestellt”, war da ebenso zu lesen wie, dass er sich entschlossen habe, “aufzuhören, wenn es am schönsten ist”. Interviews in internationalen Medien, die man als Selbststilisierung zum politischen Opfer lesen konnte, sorgten in der Folge für verwunderte bis hämische Kommentare hierzulande. Als “Opfer” sehe er sich “wirklich nicht”, betont er. Was steckt nun also dahinter?

Mit der schwarz-blauen Regierung hat die von der rot-grünen Stadt finanzierte Kunsthalle Wien im Alltag nichts zu tun, und ein Abgang, weil ihm schon “hypothetische Gespräche mit den Vertretern dieser Regierung undenkbar” scheinen (wie er es in einem Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” formulierte), wirkt – zumal Monate nach deren Amtsantritt – überzogen und unglaubwürdig. Müsste jemand, der mit seiner Programmierung Kunst dezidiert in gesellschaftspolitische Kontexte stellt, nicht gerade in dieser Situation bleiben und weitermachen? “Sie meinen, ob ich kneife?”, fragt Schafhausen und ringt die Hände ob des für ihn offenkundigen Missverständnisses: “Ich will Kunst nicht instrumentalisieren. Wir sind hier kein Ort des Widerstandes! Wir zeigen Kunst, wie sie sich heute global darstellt – und die ist wesentlich komplexer.”

Schafhausen vermisst in der heutigen Politik eine klare Haltung, eine deutlichere Stellung gegen Ausgrenzungs- und Abschottungs-Tendenzen, ein aktiveres Bekenntnis zu jener diversen Gesellschaft der Gegenwart, die sich aus vielen Sprachen und Kulturen zusammensetzt, sowie eine aktive Rolle, die von solchen fortschrittlichen Kräften in diesem Zusammenhang der Kultur zugeordnet wird – so viel lässt sich aus seinen Ausführungen herauslesen. Weiter ungeklärt bleibt, warum er diese politische Analyse als Grundlage seiner Entscheidung über seine persönliche berufliche Zukunft darstellt. Warum seine “sehr persönliche Begründung” eine “so emotionale Debatte” ausgelöst hat, versteht er nicht.

Aber eines kann Schafhausen immerhin klarstellen: Den nächsten Leitungsposten habe er, anders als manche vermutet hätten, keineswegs in der Tasche. Auch neuer Leiter am Haus der Kunst München wird er nicht. Dort hat Direktor Okwui Enwezor wenige Tage nach ihm – und mit teilweise ähnlichen Formulierungen – das Handtuch geworfen.

(APA)

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