Die Aufreger der Fußball-EM 2016: Traumtore, Fan-Lieblinge, Kuriositäten

Von David Mayr
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Einige der Aufreger dieser EM.
Einige der Aufreger dieser EM. - © twitter.com/Screenshot, AP Photo/Michael Sohn, youtube.com/Screenshot, AP Photo/Antonio Calanni
Während der letzten Wochen haben wir Underdog Island erst verflucht und dann ins Herz geschlossen, mit Italien Coach Antonio Conte mitgefiebert, uns über die Elfmeter seiner Schützlinge lustig gemacht und kreativen Fangesängen gelauscht.

Die Fußball-EM 2016 geht ihrem Finale entgegen, am Sonntag (21:00 Uhr, live auf ORF eins, ARD und SRF zwei) stehen sich im Stade de France von Saint-Denis nördlich von Paris Portugal und Frankreich im Kampf um den Titel des Europameisters gegenüber. Dabei könnte es zu einer Premiere kommen, denn Portugal hat den Kontinentalpokal bisher noch nie gewonnen. Für die Gastgeber wäre es hingegen nach 1984 und 2000 der dritte Titel.

Hinter uns liegen 50 EM-Spiele, die uns mitfiebern, staunen, schmunzeln, fluchen, aber – aus österreichischer Sicht – leider nicht jubeln gelassen haben. VIENNA.at blickt vor dem Endspiel auf die vergangenen Fußball-Wochen zurück und ruft die schönsten Tore, witzige Fangesänge, ausflippende Kommentatoren und Trainer, bewegende Abschiede und die ein oder andere Kuriosität rund um die Endrunde in Erinnerung.

Das schönste Tor der EURO 2016

Die Finalisten müssten am Sonntag ganz tief in die Trickkiste greifen, um das Kunstwerk von Xherdan Shaqiri zu übertreffen. Der Schweizer rettete sein Team im Achtelfinale gegen Polen per unwiderstehlichem Fallrückziehertor in die Verlängerung, wo die Eidgenossen nach dem 1:1 nach 120 Minuten im Elfmeterschießen allerdings den Kürzeren zogen. Shaqiris Tor blieb dennoch das Highlight des Spiels.

Die Sympathieträger der EM

Die Isländer begeisterten nicht nur auf dem Platz mit erfrischender Unbekümmertheit, auch ihre Fans waren schlichtweg 1A. Bei ihrer EM-Premiere drangen die “Wikinger” bis ins Viertelfinale vor, wo ihnen dann von Gastgeber Frankreich die Grenzen aufgezeigt wurden. Dabei hätte auch alles ganz anders kommen können, hätte Österreichs Alessandro Schöpf im letzten Gruppenspiel seine zweite Topchance genutzt und den Doppelpack geschnürt. So aber schoss Rapid-Neuzugang Arnór Ingvi Traustason die Nordlichter zu Gruppenplatz zwei und den isländischen Kommentator Guðmundur Benediktsson in Extase.

Dieser zuckte beim Abpfiff des Achtelfinalspiels gegen England (2:1) noch einmal ähnlich spektakulär aus, für Gänsehaut sorgte aber vor allem das isländische Jubelritual zwischen Team und Fans, das später sogar die französischen Anhänger kopieren sollten. Im folgenden Video ist die Feier nach dem Sieg gegen England zu sehen, nach der Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich wurde die Mannschaft genauso verabschiedet und bei ihrer Rückkehr in der Hauptstadt Reykjavík frenetisch gefeiert.

Die Entdeckung des Turniers

Atlético-Madrid-Star Antoine Griezmann ist die Torjägerkrone mit sechs Treffern vor dem Finale kaum mehr zu nehmen, der Wirbelwind, den im Nachwuchs in Frankreich kein Klub wollte, weil er zu zierlich war und der deshalb über die Grenze nach Spanien zu Real Sociedad ging, hat die “Équipe tricolore” fast im Alleingang ins Endspiel geschossen. Doch Griezmann war bereits vor der EM ein gemachter Star, stand mit Atlético im Finale der Champions League und erzielte in den letzten beiden Jahren 57 Pflichtspieltore für die “Colchoneros” aus der spanischen Hauptstadt.

Jener Spieler, der auf individueller Basis wohl am meisten überrascht hat, war sein Teamkollege Dimitri Payet. Der Offensivspieler hat seinen Marktwert mit bärenstarken Auftritten – gekrönt von bisher drei Toren und zwei Assists – gewaltig in die Höhe geschraubt, weshalb auch West-Ham-Mitbesitzer David Gold klar ist: “Es wird schwer, ihn zu halten.” Im Alter von 29 Jahren steht der Freistoß- und Weitschussspezialist nun bei den ganz großen Klubs auf der Liste, darunter auch Real Madrid und Barcelona.

Die besten Fangesänge

Die Nordiren übernahmen die Version eines Wigan-Athletic-Fans, der den Hit “Freed from Desire” in “Will Grigg’s on fire” umwandelte, worauf Fans des Hamburger SV sogar eine Petition starteten, der deutsche Bundesligist möge den Angreifer, der bei der EM keine einzige Minute zum Einsatz kam, von Wigan holen.

Auch der Schlachtgesang der Waliser stammt eigentlich aus England: “Don’t take me Home” sang dann sogar das Team um Superstar Gareth Bale unten auf dem Rasen, nachdem man im Viertelfinale sensationell die Geheimfavoriten aus Belgien aus dem Bewerb geworfen hatte.

“Don’t take me home, please don’t take me home. I just don’t wanna go to work, I wanna stay here and drink all ya beer! Please don’t, please don’t take me home!” (“Schickt mich nicht nach Hause. Bitte schickt mich nicht nach Hause. Ich will nicht zur Arbeit gehen. Ich will hier bleiben und euer ganzes Bier trinken. Bitte schickt mich nicht nach Hause.”)

An dieser Stelle ist aber auch ein wenig Patriotismus angebracht. So enttäuschend die sportlichen Leistungen des ÖFB-Team in Frankreich waren, so prächtig war die Stimmung vor dem letzten Gruppenspiel im Stade de France. Davon konnte sich auch VIENNA.at live vor Ort überzeugen. Als zur Einstimmung Rainhard Fendrichs “I am from Austria” durch die Arena schallte, hielt es selbst den größten Gesangsmuffel nicht auf dem Sitz.

Antonio Conte und die pure Leidenschaft

Antonio Conte wird nach dem Urlaub das Traineramt beim FC Chelsea übernehmen. Ob er da bei Italien überhaupt noch voll bei der Sache sei, war die Frage. Und Conte konterte mit Körpersprache. Man hatte den Eindruck, der Coach der “Squadra Azzurra” lief während der Matches in der Coachingzone mehr, als so mancher Spieler auf dem Platz. Als Emanuele Giaccherini im Achtelfinale gegen Spanien ein Stopfehler unterlief, drosch Conte den Ball im Eifer des Gefechts weg, beim Jubel über das Tor zum 2:0 durch Graziano Pellè in der Nachspielzeit erklomm er kurzerhand das Dach der Ersatzbank.

Kurioses Elfmeterschießen

Bei all den Emotionen war die Enttäuschung über das Aus im Elfmeterschießen gegen Deutschland im Viertelfinale umso größer. Einem 1:1 nach der regulären Spielzeit folgte eine Verlängerung, in der keine Tore fielen. Dem Ausgleich der Italiener war ein Handspiel von Jérôme Boateng vorausgegangen, das aufgrund seiner Eindeutigkeit schnell viral wurde.

Nach dem Unentschieden nach 120 Minuten musste also das Elfmeterschießen entscheiden. Und da zeigten gleich mehrere Schützen Nerven, besonders peinlich agierten jedoch die Italiener Pellè und Simone Zaza. Ersterer versuchte, DFB-Goalie Manuel Neuer zu verunsichern, indem er ihm anzeigte, er würde den Ball in die Tormitte schupfen. Tat er dann aber nicht, sondern schoss flach, links vorbei. Zaza war extra für das Elferschießen unmittelbar vor Abpfiff der Verlängerung eingewechselt worden und sorgte mit seinem verschossenen Penalty vor allem wegen seines skurrilen Anlaufs für Lacher. Beide entschuldigten sich später bei den Fans für ihre Fehlschüsse.

 

Der Interviewverweigerer der EURO

Mit drei Unentschieden in die K.o.-Runde aufgestiegen, und auch dort bis zum Halbfinale gegen Wales nur remis gespielt. Der portugiesische Minimalistenstil mag effizient sein, ist aber alles andere als nett fürs Auge. Dass da – lange vor dem Erreichen des Finales – hin und wieder eine kritische Journalistenfrage aufkam, hätte nicht überraschen sollen, die Reaktion Cristiano Ronaldos gegenüber diesem Reporter aber auf jeden Fall. Nicht zum Plaudern aufgelegt, warf der Superstar das Mikrofon des Journalisten einfach in den Teich.

Spielverderber UEFA

Es sind Bilder, die bei einem Fußballfest wirklich keiner sehen will. Bengalenwerfende Fans? Brutale Blutgrätschen? Rassistische Rülpser von der Tribüne? Nein, nein! Die Rede ist von Fußballern, die nach Abpfiff mit ihren kleinen Kindern auf dem Platz spielen und feiern. Kann man über die EM-Reform der UEFA, die Endrunde auf 24 Teilnehmer aufzustocken, ja noch diskutieren, sind die von Turnierdirektor Martin Kallen geäußerten Überlegenen schlicht zum Kopfschütteln. Es sei zwar “immer süß, wenn die Kinder auf dem Platz spielen, aber es ist eine Europameisterschaft und zumindest auf dem Rasen keine Familienveranstaltung”, sagte der Funktionär, nachdem Wales’ Superstar Gareth Bale nach dem Achtelfinalsieg gegen Nordirland mit seinen Töchtern auf dem Rasen des Pariser Prinzenpark-Stadions herumtollte.

Die Enttäuschungen der EM

Ohne Wenn und Aber reiht sich die österreichische Nationalmannschaft nahtlos in die Riege der EM-Enttäuschungen ein. Nach der starken Qualifikation war dem ÖFB-Team einiges zugetraut worden und auch das Selbstvertrauen der Spieler angewachsen. Der Start ins Turnier verlief mit einem 0:2 gegen Ungarn denkbar schlecht, beim torlosen Remis gegen Portugal täuschten Österreichs Goalie Robert Almer und das Glück über die Unzulänglichkeiten hinweg. Im entscheidenden Gruppenspiel gegen Island folgte auf eine haarsträubend schlechte erste, eine starke zweite Hälfte – Österreichs beste 45 Minuten des Turniers. Chancen auf den Sieg waren da, am Ende ging auch dieses Spiel verloren. Es war schlicht und ergreifend zu wenig, was die Mannschaft und auch Trainer Marcel Koller in Frankreich leisteten.

Für zwei weitere Enttäuschungen – allerdings jeweils beim Gegner – sorgten die Waliser, indem sie England im Achtelfinale und Belgien im Viertelfinale früher als erwartet heimschickten. Bei England bleibt nach wie vor der Eindruck von gut veranlagten Einzelspielern ohne Kollektiv, die “goldene Generation” der Belgier muss weiter auf einen zählbaren Erfolg warten. Auch für Spanien kam das Aus im Achtelfinale deutlich früher als erwartet, wobei eine Niederlage gegen die Italiener keine Blamage darstellt.

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