“Bezirkowitsch”, Sexismus-Vorwürfe: Der Wien-Wahlkampf im Rückblick

Der Wahlkampf hatte einige Aufreger zu bieten.
Der Wahlkampf hatte einige Aufreger zu bieten. - © 3x APA, facebook.com/Maximilian Zirkowitsch
Am Sonntag hat das Ringen um Stimmen ein Ende. Dann sind knapp 1,2 Millionen Wienerinnen und Wiener zur Gemeinderatswahl 2015 aufgerufen. Kurz vor dem Urnengang blicken wir auf die thematischen, medialen und teils skurrilen Highlights des Wahlkampfs zurück.

Bussi-Plakate, Oktober-Revolution, Stenzel-Überlauf und das Flüchtlingsthema: Mit den offiziellen Abschlüssen der Parteien geht ein langer Wien-Wahlkampf zu Ende. Plätscherte die Buhlerei um Stimmen Ende des Sommers noch gemächlich dahin, nahm die Schlacht nicht zuletzt wegen des Flüchtlingsthemas und der von SPÖ und FPÖ einmal mehr befeuerten Duell-Inszenierung ordentlich an Fahrt auf.

Die Bürgermeister-Partei SPÖ, die mit allen Mitteln gegen den allseits prognostizierten Absturz deutlich unter die 40-Prozent-Marke strampelt, versuchte sich schon im Vorwahlkampf klar gegen die Freiheitlichen abzugrenzen. Zu diesem Zweck publizierten die Roten schon im Juni ein “Blaubuch FPÖ”, um den Genossen ein Argumentarium gegen den gefährlichsten Herausforderer in die Hand zu drücken. Partei- und Stadtchef Michael Häupl trommelte zudem bei jeder Gelegenheit, niemals mit der FPÖ gemeinsame Sache zu machen.

Da bald klar war, dass die Flüchtlingsdebatte das wohl dominanteste Thema bis zum Tag des Urnengangs bleiben würde, legten sich die Roten früh auf eine konsequente Linie fest. Man werde jedem helfen, der Hilfe brauche, so die Botschaft. In der letzten Plakatwelle goss man diese auch noch in einen Slogan. “Für Haltung. Gegen Unmenschlichkeit”, lautete die Message. Mitte September dankte Häupl den Wienern für ihre Hilfsbereitschaft gar per Inserat.

Blaue “Oktober-Revolution” und Stenzel-Coup

Die FPÖ indes schoss sich bei dieser Wahl erwartbar auf die SPÖ ein und blies – nicht zum ersten Mal – zum “Duell um Wien”. Heinz-Christian Strache, Spitzenkandidat, Bundes- und Landesparteichef in Personalunion, rief gar die “Oktober-Revolution” und zugehörige Parole aus: “Tauschen wir Häupl gegen HC Strache”. Um das jugendliche Image des Chef-Blauen zu pflegen, durfte der obligatorische Rap inklusive gesampeltem O-Ton von Bruno Kreisky nicht fehlen. Der Bürgermeister-Aspirant sah sich zudem offenbar genötigt, den Rathausbeamten eine notariell beglaubigte Jobgarantie auszusprechen.

Den Blauen gelang außerdem die einzige Personalüberraschung im Vorfeld der Wahl. Mit Ursula Stenzel holte man die Noch-City-Bezirksvorsteherin an Bord und hievte sie auf den dritten Listenplatz. Die vormalige ÖVP-Bürgerliche durfte daraufhin bei zahlreichen Veranstaltungen Fähnchen schwenkend die blaue Hymne “Immer wieder Österreich” trällern, wobei sich die volle Inbrunst bei ihr nie so ganz einzustellen schien. Strache bediente erneut das Ausländerthema, wetterte gegen “Wirtschaftsflüchtlinge” und trat erst am Dienstag mit dem umstrittenen deutschen Publizisten Thilo Sarrazin auf, wo er wissen ließ, dass es für Menschen aus Kriegsländern kein Recht auf Asyl gebe.

Sexismus-Vorwürfe gegen die Grünen

Die Grünen versuchten, das Flüchtlingsthema positiv zu besetzen. “Man wählt nur mit dem Herzen gut”, ließ der kleine Koalitionspartner plakatieren. Für weit mehr Gesprächsstoff sorgte allerdings jenes Sujet, das den mit roten Kussmündern bedeckten Nachwuchs-Grünen Julian Schmid – der im Übrigen für die Wiener Partei gar nicht kandidiert – zeigte. “Ich bin Öffi für alles”, hieß der Slogan dazu.

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Posted by Die Grünen Wien on Dienstag, 6. Oktober 2015

Ansonsten setzten die Rathaus-Ökos unter anderem auf einen aufblasbaren Hai, um symbolisch gegen die “Miethaie” ins Feld zu ziehen, und auf Selbstironie, indem man Spitzenkandidatin Maria Vassilakou mit dem Bekenntnis “Lieber Zahnlücke als Bildungslücke” affichierte. Zuletzt stieg aber offenbar doch die Angst, im Häupl-Strache-Duell auf der Strecke zu bleiben, weshalb die Vizebürgermeisterin geradezu mantraartig appellierte, Grün zu wählen, wenn man Rot-Grün weiterhin wolle. Die Jungen Grünen mischten sich ebenfalls kurz in den Wahlkampf ein, parodierten das parteieigene Jugendmagazin “Eva” mit einer eigenen “Moony”-Ausgabe und machten sich für die Cannabis-Legalisierung stark.

ÖVP: Autofahrer-Kampagne und Personalrochaden

Deutlich schwieriger gestaltete sich das Buhlen um Aufmerksamkeit für die ÖVP und deren – nach wie vor kaum bekannten – Spitzenkandidaten und Parteichef Manfred Juraczka. Die Stadt-Schwarzen gerierten sich vorrangig als Schutzpatrone des motorisierten Wiens und forderten “Stopp den Autofahrerschikanen”. Der Versuch, sich als Jobmotor in Szene zu setzen, führte unter anderem zum Vorschlag, die transsibirische Eisenbahn bis in die Bundeshauptstadt zu verlängern.

Personell platzierte Juraczka vor allem junge Kandidatinnen an vorderer Front – etwa Caroline Hungerländer, die es mit ihren eigenwilligen Youtube-Clips zu einiger Bekanntheit schaffte. Die Rochaden brachten dem Parteichef aber auch intern gehörige Kritik ein. ÖVP-Urgestein Ingrid Korosec und Bauernbund-Direktor Norbert Walter – beide jahrelang im Landtag – müssen um Vorzugsstimmen laufen.

Moderatoren-Versprecher und “Bezirkowitsch”

Als Mischung aus junge Wilde und Systemerneuerer probierten sich die NEOS zu inszenieren. Im Sommer als Kraft gegen “g’stopfte Politiker” in den Wahlkampf gestartet, kämpften die Pinken mit viel Straßenpräsenz und Guerilla-Aktionen von Dampfwalzeneinsatz bis Bildprojektionen auf die Fassade der SPÖ-Zentrale um Aufmerksamkeit. Korruption und Intransparenz versprachen die NEOS im Falle eines Einzugs ins Stadtparlament ebenfalls zu beseitigen.

Hier im wilden Westen von Wien weht ein rauer Wind. Als Mann des Volkes spreche ich Volkes Sprache und das Volk spricht…

Posted by Maximilian Zirkowitsch on Dienstag, 15. September 2015

Wobei ihre diesbezügliche Glaubwürdigkeit etwas Schaden nahm, als bekannt wurde, dass die Partei offenbar mit Medien je nach Wahlergebnis gestaffelte Werbehonorare vereinbart hatte. Zuletzt ließ sich Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger – die spätestens seit ihrem Auftritt bei der TV-Elefantenrunde dank des “Reinl-Meisinger”-Versprechers von ORF-Moderator Paul Tesarek ordentlich an Bekanntheit zugelegt haben dürfte – in Fight-Club-Pose als Strache-Verhinderin ablichten.

Für humorvolle Abwechslung abseits der Spitzenkandidaten sorgte zudem ein gewisser “Bezirkowitsch” – mit bürgerlichem Namen Maximilian Zirkowitsch. Der 31-Jährige, in der SPÖ-Rudolfsheim-Fünfhaus an aussichtsloser 50. Stelle gereiht, sorgte mit einer Satirekampagne für Erheiterung und wurde gewissermaßen zum unverhofften medialen Shootingstar. Vor allem sein Sujet “Fünfhaus, du Opfa, gib Stimme!” inklusive obligatorischer Ärmelaufkrempel-Pose kursierte fleißig in den sozialen Medien.

(APA, Red.)

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