Zwischen Nostalgie und Moderne: Wiens Fußballstadien im Wandel der Zeit

Von David Mayr
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Die fünf großen Wiener Fußballstadien.
Die fünf großen Wiener Fußballstadien. - © APA (1-3), Markus Kubicek (4), fk-austria.at (5).
Von der Pfarrwiese zum Allianz-Stadion, vom “tschechischen Herz” zur Generali-Arena, vom Prater- zum Happel-Stadion und mehr. Wie die Wiener Fußballstadien das vergangene Jahrhundert überdauert haben.

Auch wenn die Wiener Großklubs auf internationaler Ebene längst nur noch bestenfalls die dritte Geige spielen und andere Traditionsvereine aus Österreichs Hauptstadt überhaupt nur noch ein Dasein in der Drittklassigkeit fristen, war die Donaumetropole einst eine große Nummer auf der Karte des europäischen Fußballs.

Rapid (1930 bzw. 1951 den Nachfolgebewerb Zentropacup), die Austria (1933, 1936) und die Vienna (1931) gewannen den Mitropacup – den ersten und bis zum Zweiten Weltkrieg wichtigsten Kontinentalwettbewerb im europäischen Vereinsfußball, der Wiener Sportklub sorgte 1958 mit einem 7:0-Kantersieg über Juventus Turin für Aufsehen. Zur Zeit des dunkelsten Kapitels unseres Kontinents gewannen Rapid und die Vienna auch die Titel der deutschen Meisterschaft (Rapid 1941) und des deutschen Pokals (Rapid 1938, Vienna 1943).

Das “Scheiberlspiel”, das Wiener “Tiqui-Taca”

Bekannt und von Gegnern gefürchtet war das Wiener “Scheiberlspiel”, eine Art historischer Vorgänger des “Tiqui-Taca”, mit dem die Spanier zwischen 2008 und 2012 weltweit die Fans verzückten und eine WM und zwei Europameisterschaften gewannen.

Das “Scheiberlspiel” hat seinen Ursprung im Wien der 1920er-Jahre und charakterisierte sich durch hochpräzises Passspiel, zelebriert von technisch perfekten Fußballern. Eine typische Wiener Mischung von vorstädtischen und urbanen Lebenswelten sowie dem Ineinandergreifen verschiedener Kulturen, durch das sich unsere Hauptstadt bis heute – auch weit abseits des runden Leders – auszeichnet.

Bis in die 1960er-Jahre begeisterte das “Scheiberlspiel” die Fans dies- und jenseits der Donau und das österreichische “Wunderteam” eilte dank ihm Anfang der 1930er-Jahre von einem grandiosen Erfolg zum nächsten. Symbolfigur von “Scheiberlspiel” und “Wunderteam” war die Austria-Wien-Legende Matthias Sindelar, wegen seines zarten Körperbaus “Der Papierene” genannt.

Die Generali-Arena: Die Heimstätte der Wiener Austria

Generali-Arena
Horrplatz 1
1100 Wien

Wie der Fußball an sich, können auch die Stadien auf eine bewegte Geschichte zurück- und, wer weiß, vielleicht wieder auf eine glorreiche Zukunft ausblicken. Seit 2011 steht auf dem Spielbericht der Austria-Heimmatches der Name Generali-Arena. Ursprünglich wurde das Stadion in Favoriten allerdings vom damaligen Erstligisten Slovan Wien als České srdce (Tschechisches Herz)-Platz erbaut. Zum Eröffnungsturnier im August 1925 kamen damals 15.000 Zuschauer.

Bald gab es Pläne, das Stadion durch den Bau von Naturtribünen auf dem Hang des Laaer Bergs auf ein Fassungsvermögen von bis zu 80.000 Zuschauer auszubauen. Finanzielle Kapriolen Slovans ließen diese Überlegungen jedoch schnell wieder verpuffen. 1949 wurde vom Rathaus der Wiederaufbau der durch den Zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogenen Sportanlage beschlossen. Provisorisch hieß die Spielstätte vorerst ASKÖ-X-Platz, der als Heimstätte für verschiedene Unterligisten diente und ab 1967 dem Zweitligisten FC Wien – mittlerweile als WFV-Stadion – ein Zuhause bot.

1973 zog schließlich die Austria, die bis dahin ihre Heimspiele auf dem Sportclub-Platz ausgetragen hatte, an den Verteilerkreis. Ein Jahr später wurde das Stadion nach dem kurz zuvor verstorbenen Präsidenten des Wiener Fußballverbands Franz Horr benannt. Das bisher letzte abgeschlossene Facelift bekam die Heimstätte der “Veilchen” vor acht Jahren, als die neue Osttribüne gebaut wurde, seit 2011 heißt sie nun Generali-Arena. Das aktuelle Großvorhaben heißt S.T.A.R.-Projekt, in dessen Rahmen die Arena zu einem modernen Schmuckkästchen mit Sky-Boxen, Business-Logen und vielem mehr umgebaut und die Kapazität auf 17.500 Zuschauer erweitert wird.

Das Allianz-Stadion: Nachfolger der urigen Pfarrwiese und von St. Hanappi

Allianz-Stadion
Gerhard-Hanappi-Platz 1
1140 Wien

Seit über 100 Jahren prägt die Rivalität zwischen der Austria und Rapid das Fußball-Geschehen Wiens. Während die Violetten erst Mitte der 1970er-Jahre in “ihren” Bezirk zogen, spielen die Grün-Weißen bereits seit 1911, zufällig auch das Gründungsjahr der Austria, in Penzing. Damals wurde in Hütteldorf die Pfarrwiese fertiggestellt, auf die Rapid nach dem Verlust des Platzes in Rudolfsheim zog. Zunächst fasste die Pfarrwiese lediglich 4.000 Zuschauer, mit den Erfolgen wuchs jedoch auch das Interesse, aufgrunddessen sie Anfang der 1920er-Jahre auf eine Kapazität von 20.000 Zuschauer ausgebaut wurde.

Bis 1977 spielte Rapid auf der legendären Pfarrwiese, wo der Klub die meisten seiner Erfolge einfuhr. Nach 25 Meistertitel in den knapp 66 Jahren auf jener Spielstätte, begann für die Grün-Weißen 1977 im Weststadion, das 1981 nach dem Rapid-Spieler und an der Stadionplanung beteiligten Architekten Gerhard Hanappi benannt werden sollte, eine neue, zunächst wenig erfolgreiche Ära. Bereits kurz nach der Eröffnung machten sich im Hanappi-Stadion schwere Baumängel bemerkbar, sodass Rapid vorerst zurück auf die Pfarrwiese und dann auf die Hohe Warte und sogar ins Horr-Stadion ausweichen musste.

In den 2000er-Jahren entstand der – vom Verein durchaus auch forcierte – Kult um St. Hanappi. Nach einer Renovierung, in deren Zuge auch die bis dahin offene Westtribüne überdacht wurde, verfügte das Stadion über eine Zuschauerkapazität von 17.500, packende Europacupspiele und die Meistertitel 2005 und 2008 begeisterten die Fans. Seit 6. Oktober 2014 ist das Hanappi-Stadion Geschichte und es entstand an gleicher Stelle das um 90 Grad gedrehte Allianz-Stadion. Die neue, moderne Arena bietet international 24.200 Zuschauern Platz, bei nationalen Spielen können durch Umrüstung auf Stehplätze im Heim-Sektor 28.300 Fans live dabei sein.

Der Sportclub-Platz: Wiens ältester Fußballplatz in Not

Wiener Sportclub-Platz
Alszeile 19
1170 Wien

Die erfolgreichsten Vereine Österreichs und somit auch Wiens sind Rapid und die Austria, der älteste ist die Vienna, auf dem ältesten Fußballplatz des Landes spielt jedoch der Sportklub. Der Sportclub-Platz – bewusst und richtig mit C geschrieben – wurde 1904 errichtet und liegt in Dornbach im 17. Bezirk. Nördlich grenzt er an den Dornbacher Friedhof, weshalb der dort gelegene Zuschauersektor auch Friedhofstribüne genannt wird. Der Sportclub-Platz mit seinem Fassungsvermögen von knapp 8.000 Zuschauern zeichnet sich durch seine britische Atmosphäre aus, die Zuschauer sind besonders nahe am Spielfeld.

Die Fans halten den Schwarz-Weißen, die längst im grauen Alltag der Regionalliga versunken sind, weiterhin die Treue, finden sich jedoch zunehmend auf erschreckend baufälligen Tribünen wieder. 2011 wurde deshalb die Petition “Rettet den Sportclub-Platz” ins Leben gerufen, eine vernünftige Sanierung ist bisher, auch aufgrund fehlender Unterstützung durch die Stadt, nicht bewerkstelligt worden.

Die Hohe Warte: Die Döblinger Naturarena

Care-Energy Naturarena Hohe Warte
Klabundgasse 11
1190 Wien

Im noblen 19. Bezirk ist Österreichs ältester Fußballklub zu Hause. Die Naturarena Hohe Warte bietet für Sportveranstaltungen eine ganz eigene, ungewöhnliche Atmosphäre und die Heimspiele der Vienna sind seit einiger Zeit auch für ansonsten weniger Fußballbegeisterte zu einer Art In-Treffpunkt geworden.

Bei seiner Eröffnung im Jahr 1921 galt das Hohe-Warte-Stadion als größtes und modernstes Fußballstadion Kontinentaleuropas, in das bei Länderspielen bis zu 80.000 Menschen pilgerten. Über die Jahrzehnte verfiel die Naturarena jedoch zusehends. Nachdem per Magistratsbeschluss der Hang gegenüber der Haupttribüne nicht mehr als Zuschauerraum genutzt werden durfte betrug das offizielle Fassungsvermögen zwischenzeitlich gar nur noch 4.500 Plätze. Aktuell können maximal 5.500 Fans das Aufstiegsrennen der Vienna in Richtung Erste Liga auf der Hohen Warte verfolgen.

Das Ernst-Happel-Stadion: Österreichs Riese mit Ostblock-Charme

Ernst-Happel-Stadion
Meiereistraße 7
1020 Wien

Von keinem Klub als dauerhafte Heimstätte genutzt, dient Österreichs größtes Stadion als Nationalstadion. Das ÖFB-Team bestreitet im Ernst-Happel-Stadion die meisten seiner Heimspiele, zahlreiche Cupfinali wurden hier ausgetragen, zudem weichen Rapid und die Austria während Bauarbeiten an ihren Arenen oder für große Spiele in internationalen Bewerben in den Prater aus. Nach verschiedenen Europacupendspielen wurde 1995 das bisher einzige Champions-League-Finale auf österreichischem Boden im Happel-Stadion gespielt. Ajax Amsterdam setzte sich damals knapp gegen den AC Milan mit 1:0 durch. Auch Popkonzerte nationaler und internationaler Musik-Größen finden hier statt.

Das 1931 eröffnete Oval trug bis 1992 wegen seiner geographischen Lage den Namen Praterstadion und wurde nach dem Tod von Österreichs weltberühmtem Trainer Ernst Happel zu dessen Ehren nach ihm benannt. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Praterstadion stark beschädigt, konnte jedoch schnell wieder aufgebaut werden. Der Zuschauerrekord datiert vom 30. Oktober 1960 (an jenem Tag erblickte übrigens ein gewisser Diego Armando Maradona in einem Vorort des weit entfernten Buenos Aires das Licht der Welt), als 90.726 Zuschauer Österreichs 3:0-Länderspielsieg gegen Spanien live im Stadion verfolgten.

Seine letzte große Modernisierung erlebte das Happel-Oval im Vorfeld der Europameisterschaft 2008, deren Finale zwischen Deutschland und Spanien (0:1) es beherbergen sollte. Das aktuelle Fassungsvermögen beträgt knapp 51.000 Zuschauer. Seit geraumer Zeit wird in Österreich über den Bau eines neuen Nationalstadions debattiert, bisher jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Fakt ist, dass das Happel-Stadion in die Jahre gekommen, das Design mit Leichtathletikbahn um das Spielfeld herum überholt ist. Dass sich Wien mit dieser Spielstätte in Zukunft Chancen auf die Austragung eines großen, internationalen Fußball-Endspiels ausrechnen dürfte, ist praktisch ausgeschlossen.

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