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Umgang mit der Angst nach dem Anschlag in Wien: Das raten Experten

Wer infolge des Anschlags in Wien Angst und Panik hat, sollte sich Hilfe holen
Wer infolge des Anschlags in Wien Angst und Panik hat, sollte sich Hilfe holen ©Pexels/Anna Shvets (Sujet)
Nach dem Anschlag in Wien vom Montagabend herrscht vielerorts Angst und Verunsicherung. Die psychische Belastung ist nicht nur für direkt Betroffene groß. Wie man mit der Situation am besten umgeht und auch mit Kindern darüber spricht, darüber informieren aktuell Experten.
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Der gestrige Terroranschlag in der Wiener Innenstadt, die Coronakrise insgesamt und der zweite Lockdown im speziellen, bilden für die Psychologin Brigitte Lueger-Schuster eine "extrem ungute Kombination".

Psychologin: Konstruktiver Umgang mit traumatischer Belastung

Dazu komme, dass relativ viele Menschen direkt mit dem Angriff konfrontiert waren. Diese direkt Betroffenen seien einer "durchaus traumatischen Belastung" ausgesetzt, der man aber konstruktiv begegnen kann, so die Wissenschafterin im Gespräch mit der APA.

Der Montagabend war der letzte Abend vor einer Corona-bedingt "hochnotwendigen Isolierungsphase, die alle schon stresst und nervt", so die Forscherin von der Arbeitsgruppe Psychotraumatologie an der Universität Wien. Insgesamt bedeute die Coronakrise für viele Menschen bereits eine "massive Verunsicherung", vielfach auch mit finanziellen Problemen: "Das heißt, diese Situation gestern fällt sozusagen auf einen sehr nährstoffreichen Boden."

Reaktionen wie Wut, Ärger, Unverständnis oder "blankes Entsetzen"

Derartige Erlebnisse lösen bekanntlich unterschiedliche emotionale Reaktionen, wie Wut, Ärger, Unverständnis oder "blankes Entsetzen" aus. "Für Menschen, die direkt anwesend waren, ist das natürlich eine ganz massive, akute durchaus traumatische Belastung. Alleine die Vorstellung, dass man plötzlich in einer Stadt lebt, wo Menschen wild schießend mit terroristischem Hintergrund durch die Stadt laufen, und man sich dort nicht sicher fühlen kann, verunsichert ganz massiv", so Lueger-Schuster.

Auch die großangelegte Polizeiaktion könne ein Stück weit angstauslösend wirken. Betroffene "werden das wahrscheinlich jetzt langsam verarbeiten und vielleicht eine Zeit lang Nachbilder haben und sich verunsichert fühlen". Das sei angesichts so einer außerordentlichen Situation und der Schock-, Stress- und Schreckreaktion jedenfalls normal.

So geht man mit Schockreaktionen um

Lueger-Schuster: "Das muss erst mal ein Stück weit verarbeitet und verstanden werden. Problematisch wird es, wenn das länger als einige Wochen andauert. Wenn man sich nicht aus dem Ereignis lösen kann, wenn immer wieder Bilder auftauchen oder man möglicherweise immer wieder eine Albtraum hat." Erkennt man bei sich Tendenzen potenziell ähnliche Situationen auch längerfristig zu vermeiden bzw. zuckt man auch nach längerer Zeit noch bei jeden Folgetonhorn "extrem zusammen" und wähnt sich "wieder genau in der Situation in jener Nacht", sollte man aufmerksam werden und professionelle Hilfe in Betracht ziehen.

Beim Umgang mit Schockreaktionen helfe es, "wenn man sich Ruhe gönnt und nicht nur ständig in den Medien ist, und sich das wieder und wieder anschaut", rät die Psychologin. Man sollte sich dosiert Informationen holen und über das Erlebte sprechen. "Ganz schlecht ist, wenn man versucht, das Ganze zu verdrängen. Das wirkt wie ein Boomerang. Je mehr man das von sich wegzuschieben versucht, desto schneller und intensiver kommt es immer wieder zurück. Das hält dann an", sagte Lueger-Schuster. Auch "Selbstmedikation", etwa mit Alkohol, könne die Problematik verstärken.

Fünf Elemente, die positive Wirkung zeitigen

Wichtig sei, sich nun in den Wohnungen in Sicherheit zu fühlen, soziale Bezüge zu leben, soziale Ressourcen zu nutzen, Ruhe zu erleben und "Dinge tun, die einem gut tun", so die Wissenschafterin. "Wir wissen auch, dass seitens der Sicherheitsorgane alles getan wird, um diese Situation aufzuklären."

Die psychologische Forschung wisse von fünf Elementen, die in solch einer Situation positive Wirkung zeitigen: Dazu zählt das Gefühl der Sicherheit, das Gefühl der Verbundenheit, das Gefühl von Ruhe und Hoffnung und ein Gefühl dafür, dass man sich selbst schützen kann, und sich als effektiv im Umgang mit sich selbst zu erleben. Dazu komme, dass es in Wien ein sehr gutes psychosoziales Auffangnetz gebe, wie Lueger-Schuster betonte: "Die Akutbetreuung der Stadt Wien ist schon an der Versorgung der betroffen Mensch dran. Wir habe eine gute Versorgung, die es zu nützen gilt."

Experten: Kinder nicht unreflektiert informieren

Die seit Monaten anhaltende Coronakrise und nun der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt ist für Kinder nur schwer zu verdauen. Für Eltern ist der Umgang mit der Situation eine Herausforderung. "Bezugspersonen liefern Emotionen mit", sagte nämlich Traumapsychologe Cornel Binder-Krieglstein. "Eltern müssen nicht in jeder Situation souverän sein", betonte gleichzeitig Soziologin Ulrike Zartler von der Uni Wien. Sie sollten nicht tun, als wären sie nicht emotional betroffen.

Binder-Krieglstein rät, die Information über die schrecklichen Nachrichten nicht völlig ungefiltert weiterzugeben, die Botschaft selbst einmal "emotional vorzuverdauen". Die Wortwahl, die Stimmlage und der Affekt - ob etwas ruhig und langsam weitergegeben wird -, sind bei der Erklärung für die Kinder ausschlaggebend. Mit einer "konsistenten, nachhaltigen, gleichbleibenden, lösungsorientierten und ich-syntonen Form" muss das Geschehene übermittelt werden, um es authentisch zu machen.

Kinder vertrauen ihren primären Bezugspersonen

Zunächst muss die Gemütsbewegung der Eltern eingeordnet werden, was bedeutet das für jemand Einzelnen. Dann sollten sich Mutter und Vater überlegen, was das für die Familie bedeutet, gibt es ein Gefährdungspotenzial und wie handelt man. Danach sollte alles dem Kind altersgerecht übermittelt werden. "Einem Zweijährigen werde ich die Situation anders erklären, als einem Zwölfjährigen", sagte Binder Krieglstein.

Kinder vertrauen ihren primären Bezugspersonen - egal ob beim Coronavirus, bei Terror oder bei Liebeskummer. Und sie haben das Recht auf authentische Antworten ihrer Fragen. "Hilflos ausgeliefert sein und kopflos Herumrennen" bringe nichts.

Leiden unter der Coronakrise

Seit Monaten haben Kinder unter der Coronakrise zu leiden, zunächst im Home Schooling und als dann endlich wieder der Unterricht mit physischer Anwesenheit begonnen hat, wurde der zweite Lockdown verkündet. "Seit März haben wir eine außergewöhnlich Lage, die Verzicht und neue Regeln mit sich bringt", meinte der Traumapsychologe. Und nun kam das laut Binder-Krieglstein "Tüpfelchen auf dem I", der Terroranschlag in Wien.

Die Coronakrise unterscheidet sich allerdings von dem Terroranschlag, der sehr schnell akut und bedrohlich gekommen sei, sich aber auch schnell wieder abflachen werde. Aber die Pandemie "wird uns noch länger beschäftigen", sagte Binder-Krieglstein. Während man sich bei der Coronakrise an die Umstände gewöhnt - wie etwa das Maskentragen - "an Gewalt- und Bedrohungszenarien gewöhnen wir uns nicht", meinte er.

Ausnahmesituation schon vor Anschlag in Wien

Man dürfe nicht unterschätzen, dass die Kinder aufgrund der ständigen Unsicherheit während der Coronapandemie schon vor dem Anschlag in einer Ausnahmesituation waren, betonte auch Zartler gegenüber der APA. Die Eltern seien ebenfalls "schon am Anschlag", so die Soziologin, die seit März die Auswirkungen der Pandemie auf Familien beforscht. Dass nun zusätzlich noch dieses bedrohliche Ereignis auftrete, könne für Kinder durchaus traumatisierend sein. "Das ist nicht zu unterschätzen."

Das Phänomen der Terroranschläge sei zwar nicht neu. "Aber es erzeugt eine massive Verunsicherung, dass so etwas auch bei uns möglich ist", so Zartler. Vor allem für Kinder in Wien sei der Anschlag an Orten, die sie selbst kennen und an denen sie schon waren, "auch ein Anschlag auf die eigene persönliche Integrität".

Mit Kindern altersgerecht sprechen

Auch für Zartler ist das Wichtigste, dass Eltern mit ihren Kindern die Situation ausführlich altersgemäß besprechen und ihnen Stabilität geben, indem sie ihnen versichern, dass sie in Sicherheit sind und die Polizei sich darum kümmert, die Situation zu klären. Fantasien der Kinder, etwa von Angeifern vor der Haustüre, müsse man früh besprechen. "Sonst können Ängste und Albträume entstehen."

Ähnlich die Empfehlungen, die das Kinderschutzzentrum "Die Möwe" am Dienstag ausgeschickt hat: Eltern sollten in altersadäquater Sprache sachlich erklären, was passiert ist, und zwar ohne zu übertreiben oder die Aufregung ins Lächerliche zu ziehen. "Kinder gehen meist sehr pragmatisch mit solchen Ereignissen um", so "Möwe"-Geschäftsführerin Hedwig Wölfl.

So gibt man Kindern Sicherheit

Außerdem sollen Eltern ihren Kindern Sicherheit geben, indem einerseits das Vertrauen in die Gefahrenabwehr durch die Polizei gestärkt wird, andererseits durch Aufrechterhalten von Normalität (Frühstück wie immer, Pläne für den Tag machen). Die Entscheidung, ob die Kinder in Schule oder Kindergarten gebracht werden, sollten die Eltern treffen und die vereinbarten Uhrzeiten auch einhalten.

Eine besondere Herausforderung sieht Zartler für die Pädagoginnen in den Wiener Kindergärten und Schulen. Immerhin müssten diese bei jedem Kind, das dort heute betreut wird, zunächst herausfinden, was ihre Eltern ihnen über den Anschlag erzählt haben und ihnen dann erklären, wieso die meisten anderen Kinder und Jugendlichen nicht da sind.

Psychiater zum Anschlag in Wien: Klarheit für Menschen nun wichtig

Der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt am Montagabend ist ein prägendes Ereignis für die Menschen in der Bundeshauptstadt und in ganz Österreich gewesen. "Es wird schon ein Stück weit ein Gefühl der Unsicherheit hinterlassen", sagte Georg Psota, der Chefarzt der Wiener Psychosozialen Dienste (PSD) im Interview mit der APA. Aber er geht auch davon aus: "Unterkriegen lassen werden wir uns da ganz sicher nicht." Wichtig sei nun, Klarheit für die Menschen zu schaffen.

Derzeit gibt es einen massiven Andrang auf die verschiedenen Krisenhotlines des PSD, wie Psota erzählte. Den ersten Schwung an Anrufern bemerkte man gegen Mitternacht, dann wieder heute, Dienstag, früh. Die Gründe für die Kontaktaufnahmen sind unterschiedlich: Bei einem Teil der Anrufer handle es sich um Menschen, die nicht dabei gewesen seien, "aber denen es schlicht und einfach Angst macht", erzählte Psota. "Gerade in so einem schwierigen Jahr."

Nicht nur unmittelbar Betroffene haben große Angst

Dann gebe es Menschen, die sich melden, weil sie in der Nähe der Anschläge waren und damit unmittelbarer betroffen seien und schließlich würden auch jene anrufen, "die uns auch sonst immer wieder mal kontaktieren, in einer Behandlung sind und eine spezifische Angst dazu entwickelt haben". Das dominante Gefühl bei den Anrufern sei Angst, und vielfach auch Panik.

Eine generelle Diagnose, wie es den Menschen in Wien nach dem Terroranschlag nun geht, könne man nicht erstellen. Es gebe kein "All-Fits-One-Modell", so Psota. "Das ist sehr von der spezifischen Situation und vom spezifischen Menschen abhängig. Aber je näher man dran war, je mehr man Furchtbares gesehen hat, je mehr man Furchtbares gehört hat, je mehr man sozusagen in dem Bereich der Panik und des Chaos war, desto mehr ist es natürlich auch etwas, was einen berührt hat. Desto mehr ist man auch berührt."

Umgang mit Traumatisierung "sehr individuell"

Klar ist natürlich auch, dass jene, die besonders nah dran waren - Augenzeugen und Betroffene - die Kriterien einer akuten Traumatisierung erfüllen könnten. Inwieweit damit umgegangen werden kann, komme auf die Umstände jedes Einzelnen an: "Das ist schon sehr individuell."

Inwieweit sich die Situation wieder beruhigt und die Menschen in der Lage sind, das Geschehene für sich selbst zu verarbeiten, hat auch mit den nächsten Entwicklungen zu tun: "Es wird in den nächsten Stunden darauf ankommen, was wir alles erfahren", sagte der Psychiater - etwa über die Hintergründe, oder ob die Täter schon alle gefasst sind. Wichtig sei, dass Klarheit entstehe. "Das ist eine ganz andere Voraussetzung, um das psychisch verarbeiten zu können, wenn man mehr weiß und die Sache geklärt ist."

Terroranschlag hinterlässt Spuren in Österreich und Wien

Und er beruhigt auch jene, die am heutigen Dienstag, einen Tag nach dem Anschlag, mit einem mulmigen Gefühl durch die Stadt spazieren. Wenn es Klarheit gebe und wieder Ruhe einkehre, dann klinge dieses Gefühl bei den allermeisten Menschen wieder ab.

Nichtsdestotrotz ist Psota überzeugt, dass der Terroranschlag Spuren in Österreich und Wien hinterlassen wird. "Das ist etwas in einer Dimension, wo ich schon glaube, dass es ein Gefühl der Verwundbarkeit hinterlassen könnte. Aber es geht auch darum, dass wir uns davon ein Stück weit frei machen."

Wie lange dieses Gefühl der Unsicherheit bleiben wird, das konnte Psota nicht prognostizieren. "Die Dauer wage ich nicht zu sagen. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, vor zwei Tagen hat uns noch der Lockdown enorm beschäftigt. Und auf einmal beschäftigt uns etwas anderes, der Lockdown ist in den Hintergrund getreten. Im Moment zumindest."

(APA/Red)

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