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Vorwürfe gegen Wiener Ballettakademie: "Demütigung fördert keine Leistung"

Die Vorwürfe gegen die Wiener Ballettakademie bleiben weiter bestehen.
Die Vorwürfe gegen die Wiener Ballettakademie bleiben weiter bestehen. ©APA/DPA/FRISO GENTSCH
Am Sonntagabend gingen die Diskussionen rund um die Vorwürfe gegen die Ballettakademie der Wiener Staatsoper in die nächste Runde.
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"Wir haben zu spät reagiert"
Vorwürfe gegen Ballettakademie
Solotänzer #ußern sich zu Vorwürfen

Die Vorwürfe gegen die Ballettakademie der Wiener Staatsoper, die Gewalt und Demütigung der Schüler umfassen, wurden Sonntagabend in der ORF-Sendung “Im Zentrum” diskutiert. Die Runde bei Moderatorin Claudia Reiterer war sich einig, dass man Kinder grundsätzlich behutsam behandeln müsse. “Demütigung fördert keine Leistung”, befand etwa Olympiasieger Felix Gottwald.

Der frühere Nordische Kombinierer meinte hinsichtlich intensiver Trainings, die für Spitzenleistungen notwendig seien: “Idealerweise macht man es aus eigenem Antrieb heraus.” Talent spiele im Vergleich zum Umfeld keine Rolle: “Wenn das Umfeld genährt und gebettet ist in Respekt und Wertschätzung, man sich auf Augenhöhe begegnet, mit Würde den Weg gemeinsam geht, dann ist man leidensfähig.” Gerade Kinder dürfe man nicht “in gut oder schlecht” einteilen. “Die soziale Kompetenz sollte eigentlich der höchste Fokus in jeder Trainerausbildung sein.”

Seyfried plädiert für ein Loslösen der Ballettakadmie von der Wiener Staatsoper

Das Stichwort Ausbildung war auch für Jolantha Seyfried, ehemalige Leiterin der Ballettschule, zentral. “Es muss eine verpflichtende Ballettpädagogenausbildung aufgebaut werden”, appellierte sie an die Politik. Ein Kind müsse sich dem Lehrpersonal anvertrauen können. Sie selbst sei beim Versuch, die Strukturen in der Schule zu ändern, gescheitert: “Weil ich kein Gehör gefunden habe.” Letztlich plädierte sie für ein Loslösen der Ballettakademie von der Staatsoper. “Die Interessen passen nicht zusammen.”

“Für mich ist das Wort ‘Drill’ nicht negativ besetzt”, meinte wiederum Günter Bresnik. Der langjährige Trainer von Tennisprofi Dominik Thiem sieht diesbezüglich vielmehr “eine Notwendigkeit in allen Bereichen, wenn ich Außergewöhnliches leisten möchte”. Dennoch dürfe man nicht übers Ziel hinausschießen. Aber: “Erfolglossein ist auch eine Form von Leiden.” Spitzensport sei grundsätzlich nicht einfach, man müsse auch an den Druck gewöhnt werden – “aber langsam und schrittweise”.

Tanz auf diesem Niveau verlangt “Druck und Disziplin”

Sehr ähnlich sah das Ballerina Karina Sarkissova, der die aktuellen Vorwürfe gegen die Ballettakademie zu stark aufgebauscht werden. “Es muss einem bewusst sein, was das für ein Beruf ist. Das Wichtigste ist, dass die Eltern das Kind davor aufklären, dass es nicht nur das hübsche Tanzen im Tutu ist. Ballett ist ein sehr körperfeindlicher Beruf.” Sie selbst sei als junges Mädchen von Russland nach Österreich gekommen, habe kein Wort Deutsch gesprochen und sich dennoch durchgesetzt. Tanz auf diesem Niveau verlange einfach “Druck und Disziplin”.

Überrascht vom Ausmaß der Vorwürfe, die nach Recherchen der Wochenzeitung “Falter” bekannt geworden sind und neben Gewalt und Drill sowie dem Propagieren eines ungesunden Körperbilds auch einen möglichen sexuellen Übergriff umfassen, war Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. “Es ist wichtig, dass überall, wo Menschen mit Kindern arbeiten, ein Kinderschutz betrieben wird”, forderte sie. Es brauche neue Strukturen, Institutionen müssten sich dezidiert gegen Gewalt an Kindern aussprechen. “Leider hat es in diesem Fall – wie in vielen Fällen – ein Beispiel geben müssen, damit sich etwas ändert. Und ich erwarte mir jetzt auch Änderungen.”

Regisseur Domanig: “Kind nicht mit Bad ausschütten”

2012 hat Regisseur Stephanus Domanig seinen Film “Just Ballet” veröffentlicht, für den er ein Jahr lang eine Klasse der Wiener Ballettakademie begleitete. Angesichts der aktuellen Diskussion um die Lehrmethoden der Traditionsschule sprach der Filmemacher mit der APA über den Zeitgeist gegen Elitensysteme, die Ambivalenz des Themas und Probleme großer Institutionen, Reformen auf den Weg zu bringen.

APA: Sie sind für Ihren Dokumentarfilm tief in das System der Ballettakademie eingetaucht. Sind Sie von der aktuellen Debatte über die Usancen der Schule überrascht?

Stephanus Domanig: “Just Ballet” zeigt aus beobachtender, wertfreier Perspektive die Härte der Ballettausbildung, die man sich als Außenstehender nicht vorstellen kann. Als unser Film damals auf 3sat lief, hatten wir eine sehr gute Quote. Das Feedback war ausnahmslos positiv, und es gab keine Rückmeldungen, die die Art der Ausbildung dieser jungen Tänzerinnen infrage gestellt hätten. Aber es ist mir auch während der Dreharbeiten nichts in der nun thematisierten Form untergekommen, sonst hätte ich es damals wohl angesprochen.

APA: Wie erklären Sie sich, dass der Umgang mit den Schülerinnen jetzt zu einer breiten Debatte wird?

Domanig: Ich glaube, es entspricht unserem Zeitgeist, dass die Gesellschaft sensibler geworden ist und mit anderen Augen auf alle Elitensysteme blickt. Der Anlass mag die Ballettschule sein, aber letztlich diskutiert man etwas anderes. Die Frage, die sich die Gesellschaft stellen muss, ist, ob man diese stark leistungsorientierten Ausbildungen haben möchte. Auch der Begriff “Leistung” wird da zu diskutieren sein. Und es muss klar sein, dass es kein Ballett in dieser Form gibt, wenn man nicht sehr früh mit einer derartigen Ausbildung beginnt. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich Fehlverhalten im Umgang mit diesen Jugendlichen gutheiße. Natürlich nicht, und das muss lückenlos aufgearbeitet werden. Aber das Thema hat wohl eine große Ambivalenz, und es gibt da keine schnellen, einfachen Antworten.

APA: Sie sehen die Debatte also nicht aufs Ballett beschränkt?

Domanig: Wie will man mit Leistungssport und allgemein mit jenen Bereichen umgehen, in denen Kinder und Jugendliche sehr früh einen derartigen Weg einschlagen oder einschlagen müssen, um ein Ziel zu erreichen? Alle diese Institutionen werden sich diese Fragen stellen müssen, mit denen sich die Ballettakademie nun konfrontiert sieht. Man muss nur aufpassen, dass man dabei das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet.

APA: Sind die Jugendlichen in dieser Hinsicht Getriebene oder selbstbestimmt?

Domanig: Ich hatte damals von den Mädchen den Eindruck, dass sie sehr starke Persönlichkeiten und für ihr Alter unheimlich reif sind. Sie wollen ihren Traum verwirklichen und sind bereit, dafür ihre Jugend zu opfern – teils gegen den Willen der Eltern. Bei Jugendlichen, die dann noch dazu in die Pubertät kommen, reicht es nicht mehr, die typische “Ballettmami” daheim zu haben. Ab einem gewissen Punkt muss das ein Kind wirklich wollen, sonst wird es diese Bereitschaft nicht aufbringen. Aber das ist beim Ballett nicht anders, als wenn jemand Fußballer oder Konzertpianistin werden will. Auch Marcel Hirscher hatte vermutlich nicht immer Lust, am Hang zu stehen. Aber er hat es durchgezogen.

APA: Muss ein solches System den Betroffenen schaden?

Domanig: Nein, schaden soll und darf keine Schule. Aber es gibt sicherlich Situationen, in denen man dabei an Grenzen stößt. Was für die eine noch positiver Druck bedeutet, kann bei dem anderen schon negative Folgen haben. Natürlich ist das eine elitäre Ausbildung in einem kompetitiven System, das auf unterschiedlichen Ebenen viel von ihnen verlangt. Da gehören Unsicherheiten und Krisen auch dazu. Und das in einem Alter, das ohnehin nicht leicht ist. Man muss mit 14 Jahren nicht Ballett tanzen, und dennoch steht die Welt bisweilen Kopf. Aber eine Schule muss natürlich für ein entsprechendes Umfeld sorgen, das mit solchen Situationen umgehen kann.

APA: Haben Sie den Glauben, dass sich in der Ballettakademie durch die aktuelle Debatte etwas ändern kann?

Domanig: Ich habe den Eindruck, dass große Institutionen mit großer Tradition sich prinzipiell schwerer tun, Reformen auf den Weg zu bringen und im 21. Jahrhundert anzukommen. Aber zumindest scheint aufseiten der Staatsoper nun die Bereitschaft sehr groß, wirklich etwas zu verändern. Und dass man bestimmte Dinge professionalisieren will, ist sicherlich gut und wichtig.

(APA/Red)

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