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Ümit Korkmaz im Interview: "Es ist sicher nicht zufriedenstellend"

Ümit Korkmaz, seit Jänner 2017 beim SKN St. Pölten, stand im Interview mit VIENNA.at Rede und Antwort.
Ümit Korkmaz, seit Jänner 2017 beim SKN St. Pölten, stand im Interview mit VIENNA.at Rede und Antwort. ©APA/Hans Punz
Österreich-Rückkehrer Ümit Korkmaz im VIENNA.at-Interview über seine bewegte Karriere, den Abstiegskampf mit dem SKN St. Pölten, das "phänomenale" Fußball-Deutschland, schwindelerregende Kontoauszüge, Probleme bei Rizespor und was er Zoran Barišić in der Türkei zutraut.

Knapp neun Jahre im Ausland haben bei Ümit Korkmaz Spuren hinterlassen. Beim Interviewtermin in einem Café im 14. Bezirk, in “seinem” Hood, sitzt uns nicht mehr der wilde Käfigkicker, dessen unwiderstehliche Tempodribblings ihn einst im Eiltempo vom Unterhaus-Kicker zum Meister, EM-Teilnehmer und Deutschland-Legionär machten, gegenüber.

Wohl überlegt wählt der 31-jährige seine Worte. Und immer wieder schlägt die bundesdeutsche Sprachfärbung durch. Fünfeinhalb Jahre in Frankfurt, Bochum und Ingolstadt haben den Wiener nicht nur fußballerisch verändert.

Wir lauschen einem gereiften jungen Mann, der auf jede Frage bedacht, aber ausführlich und ohne sich in Floskeln zu flüchten, antwortet. Im ausführlichen Gespräch mit VIENNA.at nimmt Korkmaz zu seinem Karriereverlauf mit Höhen und Tiefen Stellung, erzählt von schwindelerregenden Gehaltsschecks, blickt auf schwierige sechs Monate in der Türkei zurück und erinnert sich, wie ihn eine “Lokomotive” namens Markus Katzer in einem seiner ersten Trainings bei Rapid Wien regelrecht überfuhr.

Ümit Korkmaz: Das Interview

VIENNA.at: Ümit, du bist im Winter nach achteinhalb Jahren im Ausland wieder nach Österreich zurückgekehrt und hast beim SKN St. Pölten unterschrieben. Wie kam dieser Wechsel zustande?

Ümit Korkmaz: Es war so, dass sich die Lage bei Rizespor in der Türkei für mich zugespitzt hatte. Ich wurde von der Kaderliste gestrichen und habe sechs Monate kein Spiel gemacht. Die Situation war wirklich nicht mehr schön für mich. Dann war eben die Rede davon, dass ich nach Österreich zurückkommen könnte und wir machten uns auf die Suche nach einem passenden Verein. Mit St. Pölten hat sich eine Tür geöffnet, was insofern praktisch war, als dass ich im Westen Wiens, also nicht allzu weit entfernt, wohne. Aber auch beim SKN musste ich mich erst einmal beweisen, denn wenn du sechs Monate keinen Fußball gespielt hast, wird ganz genau auf die Fitness geschaut, ob du fett geworden und in die Breite gewachsen bist (lacht). Schlussendlich hat es geklappt.

Was ist in der Türkei schiefgelaufen?

Die ersten zweieinhalb Jahre bei Rizespor waren sehr schön, dann passierten halt gewisse Dinge und da merkst du, dass es in der Türkei eben doch anders läuft. Dort ist es für Vereine sehr einfach, einen Spieler aufs Abstellgleis zu stellen. In Österreich wäre das auf diese Weise unmöglich. Ich durfte nicht einmal mit dem Amateurteam trainieren, weil ich keine Spielerlizenz mehr hatte. Also musste ich alleine mit einem Personaltrainer Runden laufen. Das war hart, du fühlst dich nicht mehr als Profifußballer.

Die Rückkehr nach Österreich und die Nähe zu Wien auf der einen Seite – was hat aus sportlicher Sicht für eine Unterschrift bei St. Pölten gesprochen?

Ich wollte nach drei Jahren in der Türkei wieder nach Hause, aber in der Situation, in der ich war, ist es nicht einfach, per Fingerschippen einen Verein zu finden. Es ist ja die Frage: Wer braucht mich? Da kommt es auch auf die Spielweise der Mannschaft an und die Fußballphilosophie von Trainer Jochen Fallmann passt zu mir. Ich denke, dass ich jetzt voll angekommen bin. Im Cup gegen Rapid hatte ich noch etwas schwere Beine, aber jetzt bin ich von der Fitness her voll da. Ich bin überglücklich, dass ich hier sein kann und fühle mich in der Mannschaft sehr wohl.

Ihr habt in der Rückrunde bisher 13 Punkte geholt, die restlichen Abstiegskandidaten schreiben aber auch immer wieder an. Wie geht die Mannschaft mit der Drucksituation des Kampfs um den Klassenerhalt um?

Kurz nach dem Match schaue ich schon, wie die Konkurrenten gespielt haben, aber sonst denke ich überhaupt nicht an die Gegner. Wenn die Mannschaft ständig sagen würde “Jetzt hat Ried wieder gewonnen”, “Jetzt hat der wieder gewonnen”, würden wir nur ins Trudeln kommen. Wenn wir selbst von Spiel zu Spiel punkten, können die hinter uns machen, was sie wollen. Wir haben keine schlechte Ausgangsposition.

Was spricht im Abstiegskampf für St. Pölten? Warum bleibt der SKN in der Bundesliga?

Ich denke – nein, ich weiß – dass wir es einfach verdient haben, in der ersten Liga zu bleiben. Vom ganzen Umfeld und der Struktur her, von den Fans her, ist der Verein super aufgestellt. Das neue Stadion, die Anlage mit der Akademie, das ist alles top. Uns in der Mannschaft gelingt das Spielerische nun auch immer besser, wir spielen guten Fußball und haben einen Kader, in dem jeder mitzieht, egal ob Stamm- oder Wechselspieler. Ich bin ja schon etwas länger im Geschäft und kenne auch Mannschaften, wo Reservisten Unruhe reinbringen und das Team spalten. Das ist bei uns überhaupt nicht der Fall. Es gibt hier eine große Harmonie und keiner ist dem anderen etwas neidisch. Es steht nichts im Wege, dass wir in der Liga bleiben und das werden wir schaffen.

Kommen wir zu deinem persönlichen Werdegang. Du wurdest Mitte der 2000er vom Oberliga-Kicker (fünfte Leistungsstufe, Anm.) zum Profi, österreichischen Meister und EM-Teilnehmer – innerhalb von etwas mehr als drei Jahren. Wie blickst du heute auf diese unglaublich rasante Entwicklung zurück?

Es war eine schöne Zeit. Der Meistertitel war ein Wahnsinn! Stell’ dir vor, ich war bei Slovan in der Oberliga. Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich irgendwo in der zweiten Liga spielen möchte, wäre ich dort hingelaufen. Und nach drei Jahren wurde ich mit Rapid Meister. Darauf bin ich stolz.

Dann kamen die Heim-EM 2008 und der Wechsel nach Frankfurt.

Die EM war das Zuckerl und ich persönlich kann jedem Fußballer nur wünschen, einmal in Deutschland zu spielen, sei es in der 1. oder 2. Bundesliga. Das ist phänomenal! Wenn ich auf meine eigene Karriere zurückschaue, muss ich sagen: Es ist sicher nicht zufriedenstellend, wie es dann für mich gelaufen ist. Ich hatte Pech mit den Verletzungen, aber da kann man nichts machen. Trotzdem: Diese fünfeinhalb Jahre in Deutschland, die habe ich genossen.

Begonnen hat das Abenteuer Deutschland für dich denkbar schlecht. Direkt nach dem Transfer brach dein Mittelfußknochen und du hast die gesamte Vorbereitung verpasst. Wie hast du diesen Rückschlag weggesteckt?

Ich hatte sechs, sieben Wochen einen Gips, also hat mich Eintracht Frankfurt gleich wieder nach Hause geschickt. Oberkörper trainieren konnte ich auch in Wien und ich wäre als junger Spieler ganz alleine in Frankfurt gewesen. Den ersten Bruch konnte ich sehr gut wegstecken, weil ich wusste, dass er das Resultat der Überanstrengung der Meister- und EM-Saison war. Als ich wieder fit war, hatte ich ein paar gute Spiele. Wirklich schlimm war der zweite Bruch ein paar Wochen später. Da bist du gut drauf, fühlst dich nahe an der Mannschaft und plötzlich bist du wieder draußen. Das war brutal.

Was hast du aus deiner Zeit in Deutschland mitgenommen?

Professionalität. Ich hatte auch schon bei Rapid professionelle Rahmenbedingungen, aber Deutschland ist einfach eine ganz andere Liga. Unglaublich, was dort in den Fußball investiert wird. Dazu habe ich ungemein viel Fußball-Erfahrung mitgenommen. Ich hab’ gegen Stars wie Ribéry oder Robben gespielt, in Stadien mit teilweise 80.000 Zuschauern – das kann mir keiner mehr nehmen. Früher hieß es, dort wo man hinschaut, spielt man auch hin. In Deutschland ist das nicht so. Der schaut durch dich durch und du weißt nicht, wo der Ball hingeht.

Wer war der beste Gegenspieler, auf den du je getroffen bist?

Carlos Eduardo, damals bei Hoffenheim. Ich war einmal im vollen Sprint gegen ihn, er mit dem Ball, ich ohne. Plötzlich stoppt er den Ball mit einem kurzen Trick aus vollem Lauf, wo ich mir gedacht hab’: Wenn ich jetzt stehen bleib’, breche ich mir beide Knöchel. Der Junge war ein riesen Kicker. Mein Angstgegner war Guy Demel, rechter Verteidiger vom HSV. Ich als junger Mann gegen ein Monster von einem Abwehrspieler. Alles tolle Erfahrungen.

Ein ehemaliger Mitspieler von dir bei den Rapid Amateuren, der es leider nicht ins Profigeschäft geschafft hat, erzählte mir nach deinem Wechsel zu Frankfurt, wie du beim Anblick deines ersten Gehaltszettels von der Eintracht fast aus allen Wolken gefallen bist. Wie bleibt man nach so einem schnellen Aufstieg am Boden, wenn man plötzlich solche Summen verdient?

(Überlegt lange) Ich sage so: Ich bin kein Muttersöhnchen, aber die Kontrolle über die Finanzen behielt immer die Mama. Ich hatte natürlich meinen Freiraum und es ergeben sich sehr viele Möglichkeiten, aber ich hatte auch das Bewusstsein für einen gewissenhaften Umgang mit Geld. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und weiß, was meine Eltern geleistet haben. Ich habe mich nicht verrückt machen lassen.

Was ändert sich trotzdem, wenn man plötzlich ein Vielfaches dessen verdient, was man vorher bekam?

Klar hab’ ich mir schöne Sachen gekauft, in einer teuren Wohnung gewohnt und gut gelebt. Das ist auch so eine Sache: Wenn du dort in die Kabine reinkommst und jeder trägt Gucci, Prada oder was auch immer, ist es klar, dass du nicht jeden Tag mit No-Name-Gewand reinkommst. Das alles bedeutet aber nicht, dass du überheblich bist. Ich will nicht von Anpassung sprechen, aber es gehört irgendwie dazu.

Welchen Stellenwert hat Geld allgemein für dich?

Wie gesagt, es hat mich nicht verrückt gemacht. Geld kommt und geht. Aber klar ist es wichtig – für die Familie, für eine finanziell abgesicherte Zukunft. Doch hatte ich immer im Hinterkopf, wie wir früher gelebt hatten und mit meiner Mutter habe ich das Geld so angelegt, dass ich den Lebensstil von heute auch später weiterführen kann. Es gibt ja auch Beispiele von Spielern, die aus ähnlichen, bescheidenen Verhältnissen wie ich kommen, zehn Jahre lang sehr gut verdient haben und dann plötzlich nichts mehr da war. Das sollte mir nicht passieren.

©AP Photo/Fabian Bimmer

Ein anderer Ex-Rapidler, Christopher Trimmel, erzählte mir bei einem Interview in Berlin, wie wichtig es für seine Entwicklung war, nicht den Nachwuchsbereich eines Topklubs zu durchlaufen, sondern früh in einer unteren Liga gegen Erwachsene zu spielen. Du hast klassisch in Wien im Käfig mit dem Kicken begonnen und spieltest später im Wiener Unterhaus. Auch da muss man sich altersunabhängig durchsetzen. Wie war das für dich?

Genau! Du spielst gegen Männer, da geht’s ordentlich zur Sache. Im Nachwuchsbereich bekommst du zwar eine super Ausbildung, aber du spielst Kinderfußball. Wenn man aus dem Erwachsenenfußball kommt, ist man automatisch stärker abgehärtet. Diese Männertruppe war so etwas wie die Vorschule. Als ich dann von den Rapid Amateuren in die Erste hochgezogen wurde, war das aber noch einmal etwas ganz anderes. Ich kann mich erinnern, wie mich der Markus Katzer in einem meiner ersten Trainings einmal richtig mitgenommen hat. Da dachte ich: Oh mein Gott, mich hat gerade eine Lokomotive überfahren.

Kommen wir noch einmal auf deine Zeit in der Türkei zurück: Du kanntest das Heimatland deiner Eltern zuvor nur aus dem Urlaub. Wie war es für dich als Austro-Türken, dort zu leben?

Damit hatte ich kein Problem. Samsun, die Heimatstadt meiner Eltern, liegt 400 Kilometer westlich von Rize, ebenfalls am Schwarzen Meer, ist also nicht wirklich weit entfernt. Meine Großmutter lebt immer noch dort. Ich habe überhaupt kein Problem, türkisch zu leben. Natürlich hatte ich vorher mit Freunden gesprochen und teils auch schlechte Erfahrungen gehört, dass es manchmal Probleme mit den Gehaltszahlungen gibt. Aber Rizespor ist ein sehr gut geführter Verein und bis auf die letzten sechs Monate hatte ich dort eine sehr angenehme Zeit.

Als du bei Rapid spieltest, war Zoran Barišić Co-Trainer von Peter Pacult. Jetzt coacht “Zoki” seit Februar Karabükspor in der Türkei. Was traust du ihm in der Süper Lig zu?

Sehr viel! Die Türken lieben solche Trainer. Die Türken darfst du nicht hetzen. Wenn du sie unter der Woche schleifst, sind sie am Wochenende leer. Deshalb kann ich mir zum Beispiel einen Felix Magath nicht in der Türkei vorstellen. Die türkischen Spieler wurden so aufgezogen. Ich hab’ während meiner Zeit bei Rizespor nie einen 45-Minuten-Lauf gemacht. Das Maximum an Ausdauertraining waren zwei Mal zwölf Minuten, und da haben schon ein paar Spieler gekeucht und zu sudern begonnen. Im Match ist das dann aber ganz anders, da können sie komplett umschalten.

Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Mitspielern von Rapid?

Mit Markus Katzer und Andreas Dober telefoniere ich hin und wieder, Steffen Hofmann habe ich jetzt bei den Spielen gegen Rapid gesehen. Mit Stefan Maierhofer rede ich, wenn wir uns sehen. Aber viele vom aktuellen Kader kenne ich nicht, meine Generation ist ja auch schon etwas älter.

Dein Vertrag läuft vorerst bis Saisonende, mit vereinsseitiger Option für St. Pölten. Wie sieht deine Zukunftsplanung aus?

Ich bin jetzt wieder zu Hause angekommen und glücklich hier. Schauen wir, was passiert.

Diese Frage muss ich jetzt stellen, das Allianz-Stadion ist schließlich nur einen Steinwurf von uns entfernt: Wird man dich noch einmal bei Rapid sehen?

Ich habe in der Vergangenheit auf einen Anruf gewartet, ja. Aber jetzt habe ich überhaupt keine Erwartungen. Ich spiele für den SKN und mache das mit Herz und Seele. Im Moment habe ich keinen anderen Verein im Kopf. Was Rapid macht, ist deren Sache, ich habe meinen Job in St. Pölten, habe mit dem Klub Ziele und diese möchte ich erreichen.

Am letzten Spieltag der Saison gastiert der SKN in Hütteldorf. Wie groß ist die Freude auf deine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte, die ja jetzt in ganz neuem Gewand erstrahlt? Über 20.000 Rapidler, die “Ü-Ü-Ümit” schreien – das hätte doch was.

Wir werden sehen, ob sie das machen (grinst). Mittlerweile hört man das in St. Pölten ja auch, das freut mich. Es ist auch eine Bestätigung für mich, dass ich willkommen bin. Dafür bin ich dankbar. Im neuen Rapid-Stadion war ich bereits, es ist wirklich schön geworden. Jetzt heißt es ja Allianz-Stadion. Für mich wird es immer das Hanappi-Stadion bleiben. Die Freude aufs Spiel dort ist natürlich sehr groß.

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