Österreichs Nachbarländer singen beim ESC über Liebe, Krieg und Selbstfindung

Ann Sophie, Mélanie René, Boggie und Maraaya treten beim ESC an.
Ann Sophie, Mélanie René, Boggie und Maraaya treten beim ESC an. ©APA/RTV SLO/JANI UGRIN/AP/ KEYSTONE/ENNIO LEANZA
Nicht alle Nachbarländer Österreichs nehmen heuer am Song Contest teil: Liechtenstein und die Slowakei haben abgesagt. Wir haben uns die Beiträge von Deutschland, Ungarn, Slowenien, Tschechien, Italien und der Schweiz näher angeschaut.
Beiträge der Big Five
Alle 40 ESC-Songs
Ähnlichkeit mit Coldplay-Song
Startreihenfolge im Halbfinale

Höchst unterschiedlich sind die Song Contest-Beiträge der österreichischen Nachbarländer heuer: Deutschland versucht noch einmal auf den Lena-Effekt zu setzen, Ungarn setzt auf eine zu ruhige Anti-Kriegs-Hymne, Slowenien tritt mit massentauglichem Radio-Pop an, Italien fällt mit schmalzigem Opern-Pop aus der Reihe, Tschechien bringt einen düsteren Lovesong und die Schweiz schickt eine starke Sängerin mit einer schwachen Nummer. Die Themen, die in den Songtexten behandelt werden, sind Liebe, Krieg und Selbstfindung.

Ann Sophie tritt für Deutschland an

Eine junge, dunkelhaarige Sängerin mit knallroten Lippen und einer furchtbar schlechten englischen Aussprache, die nicht jeden Ton perfekt trifft, dafür aber unheimlich nett wirkt – das hat Deutschland 2010 den Sieg beim Song Contest den Sieg gebracht. Davon, dass der Lena-Effekt noch einmal den Erfolg garantiert, darf man heuer aber nicht ausgehen. Stattdessen wird es für Ann Sophie vermutlich viele Sympathie-Votings geben: Die 24-Jährige war nämlich nicht die erste Wahl des deutschen TV-Publikums und darf nur zum Song Contest nach Wien fahren, weil der eigentliche Sieger Andreas Kümmert einen Rückzieher gemacht und so ESC-Geschichte geschrieben hat – das gab es noch nie. “Black Smoke” handelt von der Liebe, bzw. von einer Liebe, die schon lange nicht mehr ist, einer Trennung und davon, wie schwer es sein kann, die berühmten drei Worte zu sagen.

Ann Sophie tritt mit dem Song “Black Smoke” für Deutschland an und hat ihren Startplatz im Finale fix, da Deutschland zu den “Big Five” gehört

Ungarn schickt Boggie ins Rennen

Boglarka Csemer tritt unter dem Namen Boggie mit einem ruhigen Anti-Kriegs-Song an. Begleitet wird sie bei “Wars For Nothing” von ruhiger Gitarrenmusik und kräftigen Stimmen im Background. Wer glaubt, das Gesicht von Boggie von irgendwo her zu kennen, irrt nicht: Sie war in dem millionenfach geklickten
YouTube-Video
zu sehen, in dem mit Hilfe einer Bildbearbeitungssoftware ein Gesicht nach und nach an die gängigen Schönheitsideale angepasst wird. Der ESC-Song der 28-jährigen ist fast schon zu ruhig und klingt ein bisschen nach einem Lagerfeuerabend der Pfadfinder. Außerdem ist die Stimme der Sängerin leider nicht so stark wie die Message. “Dass du in Frieden lebst, heißt nicht, dass es okay ist, den ganzen Schmerz zu ignorieren”, heißt es beispielsweise in dem Song.

Ungarn tritt im 1. Halbfinale am 19. Mai mit der Startnummer 10 an und schickt Boggie mit “Wars For Nothing” ins Rennen.

Massentauglicher Dance-Pop aus Slowenien

Slowenien setzt heuer beim Song Contest auf massentauglichen Pop: Der Song “Here For You” klingt so, als hätte man ihn schon oft so oder so ähnlich im Radio gehört – sicher auch, weil die Stimme der Sängerin sehr an die der walisischen Pop-Soul-Sängerin Duffy (“Mercy”) erinnert. Ob das eher ein Vor- oder ein Nachteil ist, wird sich im Halbfinals-Voting zeigen. Das Pop-Duo Maraaya, bestehend aus Marjetka und Ales Vovk, setzt auf tanzbare Beats und Elektrogeigen. Optisch auffallend ist ihr Markenzeichen: Die beiden tragen auf der Bühne stets riesengroße Kopfhörer – das hat es auf der ESC-Bühne so auch noch nicht gegeben.  Das Liebeslied handelt vom Geben und Nehmen in einer Partnerschaft, davon, immer für den anderen da zu sein – insbesondere in Zeiten, in denen es dem Partner schlecht geht. Die Aussage des Textes wird viele Anhänger finden, die Performance vermutlich eher nicht – ein Song fürs Radio eben, nicht für die Bühne.

Sloweniens Beitrag “Here For You” von Maraaya hat die Startnummer 16 im 2. Halbfinale am 21. Mai 2015.

Große Gefühle aus Italien

Große Gefühle ausgedrückt durch große Stimmen: Italien fährt heuer schwere Geschütze auf, indem das Opern-Pop-Trio Il Volo zum ESC geschickt wird. Auch wenn der Song zunächst nur von Klavier-Geklimper begleitet wird, konnte man doch auf ein komplettes Orchester nicht ganz verzichten – also keine Angst, die Geigen setzen schon noch ein und sorgen zusammen mit E-Gitarren für das für eine aufgeblasene Song Contest-Ballade nötige Drama. Dramatisch ist auch der italienische Text, der von der einzigen großen – vielleicht sogar unerwiderten – Liebe, für die es sich zu kämpfen lohnt, handelt. Gianluca Ginoble, Piero Barone und Ignazio Boschetto haben sich übrigens 2009 über eine Casting-Show kennengelernt und treten seitdem gemeinsam auf, 2011 haben sie es schon einmal in die österreichischen Charts geschafft – ihr Musikstil kommt hierzulande also an.

Für Italien singen heuer die drei Tenöre von Il Volo “Grande Amore” – sie müssen im Halbfinale nicht um einen Platz rittern, da Italien zu den “Big Five” zählt, die fix im Finale dabei sind.

Die Schweiz schickt Mélanie René zum ESC

Hymnen der Befreiung und Selbstfindung und -bestimmung gehören zum Song Contest einfach dazu. Eine solche liefert mit “Time To Shine” auch die Schweiz. “Ich bin in der Dunkelheit gegangen, habe mich immer versteckt”, heißt es im Songtext unter anderem. Mit Mélanie René hat man eine starke Sängerin gefunden, der man allerdings eine Nummer geschrieben hat, die einfach nicht maßgeschneidert ist: Die hohen Töne werden vermutlich eine Herausforderung in der Live-Show werden, die nicht so ohne weiteres gemeistert werden kann. Und der Part, in dem der Gesang mehrstimmig wird, klingt auch in der Studio-Version des Songs schon grenzwertig bis schief. Sollte das Arrangement jedoch noch überarbeitet worden sein und mit einer entsprechenden Bühnenshow kombiniert werden, sollte dem Finale nichts im Wege stehen – “the sky is the limit”.

Im 2. Halbfinale am 21. Mai 2015 ist Mélanie René mit “Time To Shine” für die Schweiz mit der Startnummer 14 vertreten.

Eine düstere Nummer aus Tschechien

Evanescence trifft Musical – so könnte man “Hope never Dies” von Marta Jandová and Václav Noid Bárta in ein Genre einordnen, wenn man denn unbedingt wollte. Eine Männer- und eine Frauenstimme, die erst im Wechsel singen, bevor der Song im Duett seinen Höhepunkt erreicht. Ein düsterer Lovesong, der mit Sicherheit viele Anhänger finden wird. “Finde mich, wo die Nacht zum Tag wird, deine Liebe wird uns als Fackel den Weg weisen”, lautet der Text in der Bridge des Songs. Die Stimme von Marta Jandová kommt nicht nur bekannt vor, sondern ist es auch: Die Sängerin ist Mitglied der Band “Die Happy”.

Für Tschechien treten Marta Jandová and Václav Noid Bárta mit “Hope Never Dies” im 2. Halbfinale am 21. Mai 2015 mit der Startnummer 8 an.

Punkte aus den Nachbarländern?

Im Vorjahr konnte sich Österreich nicht über Höchstwertungen aus allen Nachbarländern freuen: Aus Deutschland gab es nur 7 Punkte, Ungarn gab 10. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass das Nachbarschaftsvoting beim ESC immer mehr an Bedeutung verliert.

Mehr Infos rund um den Eurovision Song Contest finden Sie in unserem Special. (SVA)

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