Obdachloser in Wiener S-Bahn schwer verletzt: Schläger zu Prügeln geständig

Beim Prozess im Straflandesgericht Wien
Beim Prozess im Straflandesgericht Wien ©APA/HERBERT NEUBAUER
Zwei 19-jährige Burschen, die in der Nacht auf den 17. Februar 2017 in einer S-Bahn-Garnitur in Wien-Brigittenau grundlos einen Obdachlosen malträtiert hatten, haben sich am Mittwoch im Landesgericht für Strafsachen schuldig bekannt. Die Gründe für ihr Handeln gaben sie unterschiedlich an.
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Der eine handelte seiner Aussage zufolge aus Frust, der andere, weil er den 55-Jährigen als gefährlich einstufte. Ein dritter, zur Anklage gebrachter Bursch behauptete, er hätte sich nicht aktiv an den Gewalttätigkeiten beteiligt und sei bloß dabei gestanden. “Ich hab’ gar nix gemacht. Ich hab’ nicht hingeschlagen”, versicherte der 18-Jährige. Diese Darstellung wurde vom Opfer – einem 55 Jahre alten Mann, der seit längerem auf der Straße lebt – und einem Augenzeugen gestützt.

Obdachloser lag schlafend in S-Bahn

Die drei Burschen waren gegen 1.20 Uhr in der Station Traisengasse in die S-Bahn eingestiegen, nachdem sie sich untertags in einem Casino in Tschechien und später im Prater vergnügt hatten. Als sie den auf einer Sitzbank schlafenden Obdachlosen wahrnahmen, beschlossen sie diesen zu foppen. Sie rüttelten ihn wach, gaben sich als “Schwarzkappler” aus und verlangten seinen Fahrschein.

Der 55-Jährige reagierte ungehalten. “Ich hab’ ihnen gesagt, sie sollen mich in Ruh’ lassen”, berichtete dieser dem Schöffensenat (Vorsitz: Martina Frank). Die zwei 19-Jährigen ließen darauf hin ihre Fäuste sprechen. Sie droschen dem Mann ins Gesicht und gegen den Kopf, bis dieser blutete. Er kassierte auch erste Tritte ins Gesicht. Ein anderer Fahrgast kam dem 55-Jährigen zu Hilfe. Er rief zunächst lautstark “Kinder, hört’s auf!” Als das nichts fruchtete, griff er ins Geschehen ein, indem er einen der Angreifer am Arm packte und wegziehen wollte. Die 19-Jährigen schlugen allerdings weiter auf den Obdachlosen ein.

Couragierter Fahrgast wollte junge Männer stoppen

Um sie endlich zum Aufhören zu bringen, bot der couragierte Fahrgast dem Haupttäter, dessen eine Hand eingegipst war, schließlich sogar Geld. Der 49-Jährige hielt ihm eine Handvoll Münzen hin. “Er hat mir zu verstehen gegeben, dass das zu wenig ist. Er hat 20 Euro verlangt. Die hab’ ich nicht parat gehabt”, schilderte der Mann als Zeuge dem Gericht.

Dass sich der Fahrgast eingemischt hatte, verschaffte dem Obdachlosen Gelegenheit, sich von seinem Platz zu erheben und Richtung Tür zu bewegen. “Wenn ich nicht aufgekommen wäre, wäre das sehr schlecht ausgegangen. Vermutlich tödlich. Die Tritte waren sehr wuchtig”, gab der 55-Jährige zu Protokoll. Als die S-Bahn in der Station Handelskai anhielt, stieg der Mann aus.

Tritte ins Gesicht mit schweren Folgen

Der Haupttäter – beschäftigungslos, dafür wegen vierfacher Körperverletzung einschlägig vorbestraft – folgte ihm auf den Bahnsteig, brachte den bereits stark blutenden Bann zu Boden und versetzte ihm vier weitere wuchtige Tritte mitten ins Gesicht.

Der 55-Jährige erlitt einen offenen Nasenbeinbruch, Hämatome, Prellungen und eine Rissquetschwunde. “Er hatte wahnsinnig viel Glück, dass nicht weit mehr passiert ist”, hielt Staatsanwältin Katharina Wehle fest.

Hauptangeklagter schlug aus Frust zu

Er sei aus Frust und einer alkohol- und cannabisbedingten Enthemmung auf den Obdachlosen losgegangen, berichtete der Hauptangeklagte in seiner Einvernahme. Der aus dem Schlaf gerüttelte Mann hätte “eine Bewegung gemacht, die ich damals als provozierend empfunden habe”, sagte der 19-Jährige. Darauf habe er “zwei Mal zugeschlagen mit der Faust”.

Gefrustet war der 19-Jährige – er hatte das Gymnasium in der sechsten Klasse abgebrochen -, weil er aufgrund einer Handverletzung, die ihm einen Gips einbrachte, einen Barkeeper-Kurs nicht abschließen konnte. “Den kann man ja nachmachen. Was wäre so schlimm daran gewesen?”, fragte ein Schöffe nach. Es sei einfach schon zu viel in seinem Leben schief gelaufen, erwiderte der 19-Jährige sinngemäß.

“Es tut mir leid, was ich Ihnen angetan habe”

Auf die Frage, weshalb er dem 55-Jährigen auf den Bahnsteig gefolgt sei und diesen dort dann regelrecht zusammengetreten hätte, meinte der Bursch, der Mann habe beim Verlassen der S-Bahn etwas gesagt. Er hätte ein “Hurensohn” gehört und das auf sich bezogen: “Das hat mich derart wütend gemacht, dass ich ihm nachgelaufen bin.”

Nach der zeugenschaftlichen Einvernahme des verprügelten Obdachlosen entschuldigte sich der 19-Jährige bei diesem: “Es tut mir leid, was ich Ihnen angetan habe. Ich kann es leider nicht ändern.” Sein Verteidiger Philipp Winkler legte dem 55-Jährigen zwei 50-Euro-Scheine als vorläufige Schadensgutmachung hin, die er zuvor von im Zuschauerraum sitzenden Freunden des Angeklagten eingesammelt hatte. Der Obdachlose würdigte das Geld keines Blickes und verließ den Gerichtssaal mit den Worten “Das nehme ich ganz sicher nicht”.

Beide Schläger wegen Körperverletzungen amtsbekannt

Der zweite zur Anklage gebrachte Schläger behauptete, er habe deswegen hingelangt, “weil er (der Obdachlose, Anm.) aggressiv rüber gekommen ist. Ich hab’ geglaubt, der will meine Freunde angreifen”. Sein Verfahrenshelfer beschrieb den ebenfalls 19-Jährigen als einen jungen Mann, der sich an sich auf einem guten Weg befunden hätte: “Er war Landschaftsmaler, hat Ausstellungen gehabt.” Nach einer diagnostizierten Diabetes wäre der Bursch aber “ins Uferlose abgeglitten”.

Dem Rugbyspieler und Kickboxer wird neben der Prügel-Attacke auch ein schwerer Raub vorgeworfen. Er soll einen Monate zuvor – exakt am 17. Jänner – vor einer Diskothek in der Donaustadt zwei Burschen mit Gewalt deren Wertgegenstände abgenommen und dabei einem der beiden eine Fraktur der linken Augenhöhle und einen Oberkieferbruch zugefügt haben.

(apa/red)

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