Druck auf Kreditkunden steigt: Moratorien laufen aus

Die OeNB warnt vor steigenden Insolvenzzahlen.
Die OeNB warnt vor steigenden Insolvenzzahlen. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Die Stundungen von Krediten läuft langsam aus, warnt die Oesterreichische Nationalbank. Banken sollen sich darauf gefasst machen, 2021 auch mehr Insolvenzen abwickeln zu müssen.

Die Banken müssen sich darauf vorbereiten, dass Stützungsmaßnahmen von Regierung und Aufsicht - auch die in der Coronakrise forcierten Kreditmoratorien - auslaufen. Dann steigt der Druck auf Kreditkunden. Auch die Nationalbank erwartet 2021 zunehmende Insolvenzen, was die Kreditqualität in den Bankbilanzen merklich verschlechtern werde. Die Geldhäuser begannen bereits, mehr Geld für Risikokredite zurückzulegen, was im ersten Halbjahr 2020 schon Gewinne einbrechen ließ.

Die Banken seien inmitten der Coronakrise jedoch in robuster Verfassung, die Risiken für die Finanzmarktstabilität aus Notenbanksicht aus heutiger Sicht daher bewältigbar - wenngleich im anhaltenden Niedrigzinsumfeld auch von umfassenden Herausforderungen die Rede ist.

Geringerer Wirtschaftseinbruch im zweiten Lockdown

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie führten im ersten Halbjahr 2020 zu einem massiven Rückgang der Wirtschaftstätigkeit im Land. Nach einer kräftigen Erholung im dritten Quartal kam der konjunkturelle Aufholprozess zum Erliegen. Der zweite Lockdown im November wird - so rechnet die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) - voraussichtlich einen neuerlichen, wenngleich im Vergleich zum Frühjahr 2020 geringeren Wirtschaftseinbruch bewirken.

Die umfangreichen Unterstützungsmaßnahmen federten die Auswirkungen der Pandemie auf die Realwirtschaft ab. Die Firmeninsolvenzen entwickelten sich im zweiten und dritten Quartal sogar rückläufig, wenngleich dies auch aufgrund der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung der Fall gewesen sei, wie die OeNB am Mittwoch zur Vorlage des Finanzmarktstabilitätsberichts schrieb.

Heuer weniger Insolvenzen als normalerweise

Auf Sicht werde der Verschuldungsgrad der Unternehmen steigen, gleichzeitig würden sinkende Unternehmensgewinne als Folge des Wirtschaftsabschwungs die Mittel verringern, die für den Schuldendienst zur Verfügung stehen, und überdies den Eigenkapitalaufbau belasten. Ein von der OeNB entwickeltes Modell zur Abschätzung der zu erwartenden Unternehmensinsolvenzen zeige, dass die umfangreichen Hilfsmaßnahmen die Anzahl der Insolvenzen im heurigen Jahr um rund zwei Drittel reduzierten.

Neben den schon seit längerem bestehenden massiven Herausforderungen aufgrund des Niedrigzinsumfelds belasten nun auch höhere Wertberichtigungen die Profitabilität des österreichischen Bankensektors. In dem Umfeld empfahl die Notenbank der heimischen Kreditwirtschaft, in Anbetracht weiter steigender Kreditrisiken und erhöhter Unsicherheit das Augenmerk auf eine solide Kapitalbasis zu legen, das heiße auch in Übereinstimmung mit europäischen Empfehlungen Abstand von Aktienrückkäufen zu nehmen und Gewinnausschüttungen sorgfältig abzuwägen, sich auf das Auslaufen von Zahlungsmoratorien und staatlichen Garantien für Kredite vorzubereiten und die operative Effizienz weiter zu steigern.

Anstieg bei Insolvenzen wäre für Banken "bewältigbar"

Wegen der Coronakrise dürfte die Zahl der Insolvenzen laut Prognosen der Nationalbank in den kommenden Jahren ansteigen. Für das heimische Banksystem dürfte dieser Anstieg aber "bewältigbar" bleiben. Sparen sollen die Banken dennoch schon jetzt, um widerstandfähig zu bleiben und einer potenziell sinkenden Kreditqualität etwas entgegensetzen zu können.

Im heurigen Jahr haben die staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen die Zahl der Insolvenzen noch deutlich nach unten gedrückt. Auch das Bankensystem habe hierzu indirekt beigetragen. "Das Bankensystem hat den Unternehmen sehr viel Liquidität zur Verfügung gestellt," so OeNB-Gouverneur Robert Holzmann. Diese Liquidität sei von den Unternehmen vor allem zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs, weniger aber für neue Investitionen verwendet worden.

Ohne jegliche fiskalische Maßnahmen wären 5,5 Prozent der Unternehmen insolvent geworden, rechnet die Direktorin der Hauptabteilung Volkswirtschaft der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Doris Ritzberger-Grünwald, vor. Mit den Maßnahmen sinke diese Quote jedoch um zwei Drittel. "Überschuldung ist im Moment kein Insolvenzgrund", so Ritzberger-Grünwald.

Die effektivsten Hilfsmaßnahmen seien dabei die Kreditgarantien sowie der Fixkostenzuschuss und die Kurzarbeit. Dagegen könnten Stundungen von Sozialversicherungsbeiträgen nur zwischenzeitlich für einen Rückgang der Insolvenzen sorgen. Diese Stundungen werden im kommenden Jahr aus heutiger Sicht auslaufen und die Insolvenzen werden dann voraussichtlich wieder steigen, so Ritzberger-Grünwald. Wie stark der Anstieg ausfallen werde, darüber könne man noch keine genauen Prognosen treffen.

Banken mit mehr Kapital als in der Finanzkrise

Die Nationalbank berechnet jedoch, dass auch unter verschärften konjunkturellen Bedingungen - also unter der Annahme, dass die Wirtschaft stärker einbricht als angenommen - "eine etwaige Covid-19-bedingte Insolvenzwelle für das österreichische Bankensystem bewältigbar" wäre. Grund dafür sei vor allem, dass die Banken mit deutlich besserer Kapitalausstattung in die Krise gegangen sind als bei der Finanzkrise, sagte Abteilungsdirektor Markus Schwaiger. Auch im europäischen Vergleich sei das heimische Bankensystem derzeit solide kapitalisiert.

Die Kreditqualität der Institute würde aber unter den steigenden Insolvenzen allerdings klar leiden. Auch wenn die Quote der notleidenden Kredite derzeit noch niedrig ist, empfiehlt die OeNB den Banken deshalb, bereits jetzt zu sparen und ihre Effizienz zu erhöhen. "Eine gute Kapitalbasis ist von allergrößter Bedeutung", so Vize-Gouverneur Gottfried Haber. Die Banken müssten sich bereits jetzt auf das Auslaufen von Zahlungsmoratorien und Staatsgarantien vorbereiten.

Auch bei künftigen Gewinnausschüttungen rät die Notenbank den Geldinstituten weiterhin zu vorsichtigem Vorgehen in Übereinstimmung mit den europäischen Empfehlungen. Derzeit empfiehlt die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken noch bis Ende des Jahres keine Dividenden auszuschütten.

Zum Effizienzgewinn der Banken trägt zunehmend auch die Digitalisierung bei. Im Gegenzug geht die Zahl der Bankfilialen in Österreich zurück. 2019 gab es insgesamt 3.525 Bankfilialen in Österreich, im Jahr 2000 waren es noch 4.192 Filialen. Zudem gab es im Vorjahr bereits in 555 österreichischen Gemeinden (das sind 29 Prozent aller 2.096 Gemeinden) keine Bankfiliale mehr. Zum Vergleich: Im Jänner 2000 lag diese Zahl noch bei 271.

(APA/red)

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