Von der Schmelz zum Allianz-Stadion: Die bewegte Geschichte der Rapid-Heimstätten

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Das Hanappi-Stadion wurde abgerissen, an seiner Stelle entstand das brandneue Allianz-Stadion.
Das Hanappi-Stadion wurde abgerissen, an seiner Stelle entstand das brandneue Allianz-Stadion. - © APA/Herbert Pfarrhofer, SK Rapid
Vor der offiziellen Eröffnung von Rapid Wiens neuem Allianz-Stadion widmen wir uns den bisherigen Heimstätten des Hütteldorfer. Warum sie in der Anfangszeit die “Schmelzer” hießen und was es mit Heimspielen auf dem Franz-Horr-Platz auf sich hatte.

Am Samstag gibt Rapid mit einem Freundschaftsspiel gegen den englischen Topklub Chelsea seine Housewarming-Party im neuen Allianz-Stadion. Mit einer Zuschauerkapazität von 28.300 (national mit Stehplätzen) beziehungsweise 24.300 (international) ist die neue Arena größer als alle bisherigen grün-weißen Heimstätten. Diese waren seit 1912 durchwegs in Hütteldorf im Westen Wiens zuhause.

Heimspiele trug Rapid im Lauf der Jahrzehnte freilich auch an anderen Orten aus, allen voran im größeren Prater- bzw. Ernst-Happel-Stadion. Am 29. Juli 1991 musste Rapid das Heimspiel gegen VSE St. Pölten (4:1) sogar in Krems bestreiten, nachdem bei einem Meisterschaftsspiel gegen Vorwärts Steyr im Gerhard-Hanappi-Stadion ein gegnerischer Spieler von einem Gegenstand am Kopf getroffen worden war. Andere Heimstadien waren der Dornbacher Sportclub-Platz und – horribile dictu – der Franz-Horr-Platz, unter dem Namen Generali-Arena heute das Zuhause vom Stadtrivalen Austria.

Es folgen Kurzporträts der bisherigen Heimstätten des SK Rapid.

Auf der Schmelz

Ist seit über 100 Jahren der Begriff “die Hütteldorfer” ein Synonym für “Rapidler”, war in der Urzeit von den “Schmelzern” die Rede. Die Urahnen der Grün-Weißen, die anfangs noch Blau-Rote waren, verdienten sich nämlich nach der Vereinsgründung 1899 auf der Schmelz in Wien-Rudolfsheim (15. Bezirk) ihre ersten Sporen.

Das Bild ist durchaus treffend, befand sich hier doch das Exerzierfeld der k.u.k-Armee, in direkter Linie über die heutige Johnstraße mit dem kaiserlichen Schloss Schönbrunn verbunden. Das Spielfeld und die Tore mussten auf dem von Pferdehufen zertrampelten Boden vor jedem Spiel neu begrenzt beziehungsweise aufgebaut werden. Die Baukosten für 200 bis 300 Meter Spagat, Eisenstangen und einer Gießkanne mit Kalkmilch betrugen zwei Kronen, wie in zeitgenössischen Chroniken nachzulesen ist.

Sportplatz Rudolfsheim

1903 pachtete Rapid in Rudolfsheim einen billigen Grund, um dort einen ständigen Sportplatz einzurichten. Die Schmalseite lag an der Hütteldorferstraße, die Längsseite grenzte an die Selzergasse. Das Spielfeld war abschüssig und steinig, mit einem Höhenunterschied von zwei Metern von einem Tor zum anderen. Eine Matchuhr gab es damals noch nicht, dafür lugte der Turm der Rudolfsheimer Kirche vom Kardinal-Rauscher-Platz herüber.

Der Legende nach soll sie auch bei der Geburt der legendären Rapid-Viertelstunde Pate gestanden sein. Historisch zweifelsfrei belegt ist dies freilich nicht. Das rhythmische Klatschen in der 75. Spielminute wurde erst später nachweislich in Medienberichten erwähnt.

1910 wurde der Pachtvertrag des Grundstücks, auf dem nun auch schon seit vielen Jahrzehnten eine Wohnhausanlage steht, von der Gemeinde Wien gekündigt. Nach längerer Suche übersiedelte Rapid auf die Pfarrwiese. Die alte Holztribüne aus Rudolfsheim nahm man gleich mit, sie versah in Hütteldorf bis 1921 ihre Dienste.

Pfarrwiese

Von 1912 bis letztlich 1978 waren Rapid und die Hütteldorfer Pfarrwiese auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Allein der Name war für einen Fußballtempel prädestiniert und über die Jahre wurde Rapid für manchen Fan hier zur Religion. Die Wiese verdankte ihren Namen dem Umstand, dass es von der Pfarre Hütteldorf (damals im 13. Bezirk, heute 14. Bezirk) verpachtet wurde. Eigentümer war das Salzburger Stift St. Peter. Anfangs hatte der Platz ein Zuschauervolumen von 4.000 bis 6.000 Zuschauer, nach einem Umbau im Jahr 1921 fasste die Pfarrwiese offiziell 20.000 bis 25.000 Rapid-Jünger, bisweilen notierten zeitgenössische Chronisten sogar 30.000 Besucher. Es ist aber unwahrscheinlich, dass diese Zahlen wirklich Realität waren.Mit Sicherheit war aber der Lärmpegel, der an Matchtagen über Hütteldorf waberte, so hoch, dass er den damals in der Nähe wohnenden Schriftsteller und späteren Literaturnobelpreisträger Elias Canetti zu seinem philosophisch-essayistischen Lebenswerk “Masse und Macht” inspirierte. Die Pfarrwiese erlebte die Glanzzeiten von Rapid in den 1950er-Jahren und kam dabei auch zu Europacupehren. 1956 sahen etwa 20.000 Zuschauer im Meistercup ein 1:1 gegen den AC Milan. Dieser war auch im November 1973 zu Gast. Trotz eines 0:0 im Hinspiel pilgerten nur 4.000 Zuschauer auf die Pfarrwiese, Rapid verlor letztlich 0:2.

Der nostalgische Charme der Hütteldorfer Holztribünen währte bis in die späten 1970er-Jahre. Am 22. April 1978 wurde das Kapitel Pfarrwiese für Rapid endgültig geschlossen. Rapid deklassierte Admira Wacker dank fünf Toren von Hans Krankl mit 6:0. Die Grün-Weißen waren vorübergehend auf ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, weil das im Mai 1977 eröffnete Weststadion wegen Rissen im Beton der Tribünenpfeiler gesperrt worden war. Zuvor hatte Rapid eine veritable Odyssee hinter sich gebracht und Heimspiele auch auf dem Sportclub-Platz oder sogar dem Franz-Horr-Platz, dem Vorläufer von Austrias heutiger Generali-Arena, ausgetragen.

Gerhard-Hanappi-Stadion

Das Weststadion – später nach seinem Erbauer, dem früheren Rekordinternationalen Gerard Hanappi (1929 – 1981), benannt, wurde offiziell mit einem Derbysieg Rapids gegen die Austria (1:0) am 10. Mai 1977 eröffnet. Trug anfangs auch die Wiener Austria hier Heimspiele aus, mauserte sich das für damals topmoderne Sitzplatzstadion für ursprünglich 20.000 Zuschauer zu Rapids “St. Hanappi”. 1982 wurde mit einem 5:0-Sieg gegen Wacker Innsbruck der erste Meistertitel seit 1968 eingefahren, im völlig überfüllten Stadion drängten sich über 25.000 Menschen.

In den 1980er-Jahren war das Hanappi-Stadion nicht zuletzt wegen der Renovierung des größeren Praterstadions Schauplatz legendärer Europacup-Partien. In der Saison 1984/85 wurde durch Siege in allen Heimspielen im Cup der Cupsieger (4:1 gegen Beşiktaş Istanbul, 3:1 gegen Celtic Glasgow, 5:0 gegen Dynamo Dresden und 3:1 gegen Dinamo Moskau) der Grundstein zum Finaleinzug (1:3 gegen Everton) gelegt. Im September 1990 schlug Rapid im UEFA-Cup Inter Mailand – unter anderem mit dem späteren Rapid-Coach Lothar Matthäus – vor 15.000 Zuschauern mit 2:1 und schied letztlich im Rückspiel erst in der Verlängerung aus.

Das Gerhard-Hanappi-Stadion war auch Heimspielstätte der österreichischen Fußballnationalmannschaft, etwa in der EM-Qualifikation 1984 und in der WM-Qualifikation 1986. Aber auch danach wurden in Hütteldorf freundschaftliche Länderspiele ausgetragen. Acht Mal fand hier auch das Finale des ÖFB-Cups statt. Anfang der 2000er-Jahre wurde das Hanappi-Stadion generalsaniert und neu überdacht, die Kapazität sank in Folge auf maximal 17.500 Besucher.

In der Saison 2007/08 sicherte sich Rapid dank eines 3:0-Siegs im abschließenden Heimspiel gegen Altach den 32. Meistertitel. Ein unrühmliches Kapitel erlebte das Hanappi-Stadion am 22. Mai 2011: Das 297. Wiener Derby endete nach nur 26 Minuten mit einem Skandal, die Partie wurde nach einem Platzsturm einiger hundert gewaltbereiter Rapid-Fans beim Stand von 2:0 für die Wiener Austria abgebrochen. Am 6. Juli 2014 bestritt Rapid sein Abschiedsspiel vom Gerhard-Hanappi-Stadion gegen Celtic Glasgow (1:1).

Allianz-Stadion

Das neue Heim von Rapid wird am 16. Juli offiziell in Beschlag genommen. Es bietet 28.300 Zuschauern Platz. Bei internationalen Bewerbspielen sind es allerdings 4.000 Zuschauer weniger, da laut UEFA-Normen keine Stehplätze zugelassen sind. Der Ostdeutsche Architekt Guido Pfaffhausen stattete das Stadion mit betont steilen Tribünen aus. Es gehört dem SK Rapid, der Grund ist Eigentum der Stadt Wien. Die Bauzeit betrug ziemlich exakt zwei Jahre, die Kosten werden mit 53 Millionen Euro angegeben.

Im Vergleich zum Hanappi-Stadion wurde das Stadion um 90 Grad gedreht. Die traditionelle Fan-Tribüne hinter einem Tor heißt weiterhin “Block West”, obwohl sie nun in Richtung Süden liegt. Um konsistente Fan-Choreografien zu ermöglichen, gibt es hier auch keine Zugänge inmitten der Tribüne. Ein bedeutsames Novum ist der opulente VIP-Bereich. An der östlichen Breitseite des Stadions wurde eine massive Röhre außen an das Gebäude angebaut. Darin befinden sich unter anderem 41 Logen und zwölf Sky-Boxen (Logen). Bis zu 2.500 Gäste können hier bewirtet werden. An “St. Hanappi” erinnert nur noch ein Lichtmast des alten Stadions. Er ragt neben dem neuen Bau über diesen hinaus. Das Erinnerungsstück ist aber auch funktional, es dient als Handymast.

(APA, Red.)

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