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Wasser in Wien wird teurer: Zahlen, trinken, Bergen winken

Wiens Wasser wird nächstes Jahr teurer. Das nährt die Frage nach dem "Wofür bezahlen". Das Wiener Bezirksblatt hat an der Quelle geforscht, die Mehrkosten für das kühle Nass durchleuchtet und das "Wie lange noch" hinterfragt.
Wasser um 33 Prozent teurer
Wien will Gebühren erhöhen
Friedhöfe erhöhten Gebühren
Auch Fernwärme wird teurer

Als die zweite Wiener Hochquellwasserleitung 1910 die entlegene Gemeinde Wildalpen mit der Hauptstadt der Weltmacht Österreich- Ungarn verband, stand die Donaumonarchie nur wenige Jahre vor ihrem Fall durch den Ersten Weltkrieg. Wer die im Eigentum der Stadt stehenden Forste und kristallklaren Bäche und Seen durchstreift, muss den Eindruck gewinnen, dass diese „Kolonialisierung“ durch Wien eine immerwährende ist. So stehen vor den unscheinbaren, alarmgesicherten Zugängen zu den gebirgigen Quellspalten nicht nur Häuschen mit Wassermessgeräten, sondern auch Wettermessgeräte. „Hier wird Klimaforschung betrieben, da die Wassernutzung auch nach langfristigen Gesichtspunkten abgesichert sein soll“, erklärt Betriebsleiter Ing. Christoph Rigler von der Dependance der Wiener Wasserwerke. Das kleine Amtsgebäude beherbergt knapp vier Dutzend Mitarbeiter, die alles – vom Messgerät über die zahlreichen Gefälle- Stromkraftwerke bis zum Aquädukt – in Schuss halten. Ebenso viele Menschen stellen im Forstamt vis-à-vis den Erhalt der als Wasserfilter wirkenden Oberflächenvegetation der Berge und Wälder sicher.

Im fernen Wien hat Wasser einen Preis

Hier, wo ein winterlicher Felssturz die Hauptstraße zum nächsten Ort schon einmal für einen Monat lahmlegen kann, ist die Preiserhöhung für das kostbare Nass im fernen Wien kein Thema. Man denkt in Generationen und nimmt gerade einmal vom gehäuften Interesse der Nachrichtenagenturen am Ursprung des kostenpflichtigen Produkts Notiz. In der einzigen Metropole der Welt, die Hochquellwasser genießt, schlägt die Tariferhöhung auf 1,73 Euro pro Kubikmeter Wellen. Man rechnet. Die Erhöhung des Verbraucherpreisindex seit 1995 würde eine Erhöhung der Wassergebühr von 39 % rechtfertigen. Die 1995 noch gleich hohen Kanalgebühren wurden mittlerweile zweimal erhöht und betragen aktuell 1,78 Euro (nach Valorisierung 1,89/m3). Die Gebühren für 1 m3 Wasser liegen in Wien aktuell noch immer bei 1,30 Euro – ein international außerordentlich niedriger Wert. Um die Trinkwasserversorgung mit glasklarem Hochquellleitungswasser auch künftig garantieren zu können, ist eine Erhöhung der Wassergebühr mit 1. Jänner 2012 um 33 % unerlässlich, argumentieren die Verantwortlichen. Der Preis pro m3 liegt künftig bei 1,73 Euro. Die geplante Erhöhung wird pro Monat und Person im Durchschnitt 1,7 Euro betragen. Der Süden wird durch die Finanzierung der notwendigen Investitionen in die Rohrnetzsanierung profitieren. Vor allem die aus Ziegeln errichteten Aquädukte sind Kostentreiber.

Ein Teil der Gebühr wird quasi begraben

Der größte Sanierungsbedarf liegt jedoch unter Wien begraben: Die alten Graugussrohre, die vergleichsweise leicht brechen, gehören rasch heraus. Der Lohn für die Mehrgebühr ist einhundertprozentige Versorgungssicherheit auch für die Enkel unserer Enkel – selbst die Veränderung der Vegetation wurde in Modellberechnungen und Planungen bereits vorweggenommen. In Wildalpen kann man die Versorgungssicherheit auch daran messen, dass neben den derzeit fünf liefernden Quellen vier weitere bereitstehen. „Sie werden vor allem dann ergänzend genutzt, wenn es durch Sedimentausschwemmungen zu Trübungen des Wassers kommt. Außerdem haben Quellen unterschiedliche Eigenschaften, wie sie beispielsweise auf starken oder ausbleibenden Niederschlag reagieren“, erklärt Rigler, der beachtliche 2.500 Liter Wasser in der Sekunde mit Schrittgeschwindigkeit auf das Gefälle nach Wien losschickt. 36 Stunden später erreicht es das – größtenteils in Liesing und Favoriten angesiedelte – Wannensystem Wiens, wo eine leichte Chlorierung die Hygiene im Rohrsystem garantiert. Den restlichen Bedarf an Wasser können Rax und Schneeberg über die erste Hochquellwasserleitung decken. Bei Wartungen und zu den Sommerspitzen gewinnen die Grundwasserwerke Lobau und Moosbrunn sowie andere kleine Brunnen an Bedeutung.

H2O als Geschäft füllt nur dicke Taschen

Was passiert, wenn der Staat den Krug aus der Hand legt, zeigte Ende der 1980er die Privatisierung des Wassernetzes in London: Preise, Profite und Direktorengehälter explodierten, die Investitionen in das marode Rohrnetz stockten. Heute versickern dort täglich 1.000 Millionen Liter Wasser ungenutzt im Erdreich oder tröpfeln dorthin zurück, wo es herkommt: aus der Themse. Die Wildalpler haben indes ihr Bezugsrecht an einer Quelle versilbert und bieten einen Liter „wildalp“ in der Flasche um knapp 1,40 Euro pro Liter an. Zum Vergleich: Der Wiener füllt nächstes Jahr seine Literkaraffe aus der Leitung um das Sechstel eines Cent.

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