Vollcrash

Österreich entwickelte sich vom Corona-Musterschüler zum Nachzügler.
Österreich entwickelte sich vom Corona-Musterschüler zum Nachzügler. ©APA/HANS PUNZ
Gastkommentar von Johannes Huber. Gut, dass es eine Impfung gibt. Österreich ist bei der Bekämpfung der Pandemie komplett gescheitert.

Es gibt Länder, denen es in der ersten Welle dieser Pandemie furchtbar schlecht gegangen ist. Italien und Schweden beispielsweise. Gerne hat man in Österreich dorthin verwiesen, um zu unterstreichen, wie gut wir durch die Krise gekommen seien. Das war nicht nur ein bisschen selbstgefällig, sondern auch sehr dumm. Heute muss man feststellen, dass wir zu viel falsch gemacht haben. In allen Vergleichen sind wir abgestürzt, es gibt viel zu viele Todesfälle und die Wirtschaft bricht stärker ein als ohnehin schon befürchtet.

Für diesen Vollcrash kann man nicht allein Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und andere Regierungsmitglieder verantwortlich machen. Es muss allen zu denken geben, also auch ihnen: Die Mehrheit der Länder scheint aus der ersten Welle gelernt zu haben. Italien zum Beispiel. Dort hat man den Herbst vorerst ohne flächendeckenden Lockdown so weit überstanden, dass die Zahl bestätigter Infektionen wieder deutlich zurückgegangen ist.

Oder Schweden: Den Skandinaviern ist im Frühjahr weniger ihre Freizügigkeit zum Verhängnis geworden. Sie haben es verabsäumt, Ältere in den Heimen zu schützen. Das führte zu extrem vielen Toten. Daraus sind jedoch Konsequenzen gezogen worden, in den vergangenen Monaten gab es viel weniger Opfer.

Vielleicht hätte Österreich nach der ersten Welle nicht so überheblich sein und sich der Analyse widmen sollen: Wie könnten wir uns auf eine zweite Welle vorbereiten? Gibt es, wenn wir über den Tellerrand schauen, Methoden, aus denen wir im Guten wie im Schlechten lernen können?

Sehr viel Schlimmes wäre uns dann wohl erspart geblieben: Zwei Monate nach Beginn der ärgsten Phase dieser zweiten Welle bzw. ab dem ersten Tag mit mehr als zehn Todesfällen hat Österreich mehr zu beklagen (4425) als Schweden zu diesem Zeitpunkt in der ersten Welle (4357). Und da ist noch nicht einmal berücksichtig, dass Schweden um über eine Million mehr Einwohner hat.

Die Nachrichtenagentur „Bloomberg“ führt einen Index, der zum Ausdruck bringen soll, wie sicher bzw. gefährlich es in rund 50 Staaten der Welt in Bezug auf die Pandemie ist. Ganz vorne liegen wenig überraschend Neuseeland, Taiwan und Australien. Weiter unten folgen Deutschland, Schweiz, Ägypten, Großbritannien, die USA – und erst auf Platz 41 Österreich. Darüber kann man sich ärgern, das Ranking ungerecht finden, zumal bei uns möglicherweise mehr getestet wird etc.; der Punkt ist, dass wir miserabel dastehen.

Ein Glück ist, dass jetzt eine Impfung kommt. Sie wird helfen, die Pandemie zu besiegen. Ernüchternd ist jedoch, was dann bleiben wird. Eine Wirtschaftskrise nämlich, die außerordentlich ist: Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird in der EU nur eines ihrer Mitgliedsländer stärker abstürzen als Österreich; das ist Portugal. In Österreich könnte das BIP heuer um acht Prozent zurückgehen und in den kommenden zwei Jahren nur um 1,4 und 2,3 Prozent wachsen. Das würde bedeuten, dass Ende 2022 noch nicht einmal die Verluste ausgeglichen sind. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen dafür, dass in absehbarer Zeit genügend Jobs für die Zehntausenden entstehen, die ihren Job bereits verloren haben oder es demnächst tun werden.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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