Ukraine inzwischen militärisch stark geschwächt

Der Krieg in der Ukraine brach im Februar aus.
Der Krieg in der Ukraine brach im Februar aus. ©APA/AFP/FADEL SENNA (Symbolbild)
Der Krieg in der Ukraine dauert nun bereits mehrere Wochen - aber: "Die Ukrainer sind nicht in der Lage die Russen aus dem Land zu werfen. Das kann man im Moment ausschließen", meint Oberst Markus Reisner.
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Nach einem Monat Krieg ist die Ukraine aus Sicht der verfügbaren militärischen Kapazitäten zunehmend geschwächt. Den Verteidigern gehen langsam, aber sicher die schweren Waffen aus. Und gerade hier sind auch von westlicher Seite keine Waffenlieferungen zu erwarten. "Wesentliche Elemente der Einsatzführung der ukrainischen Streitkräfte sind bereits schwer getroffen." Diese ernüchternde Bilanz zog Oberst Markus Reisner im Gespräch mit der APA am Freitag.

Krieg in Ukraine schon ein Monat alt

Den Ukrainern gelinge es zwar immer wieder punktuell, teils spektakuläre Nadelstiche gegen die Russen zu setzen, ohne verfügbare schwere Waffensysteme könne sie aber keine umfangreiche Offensive zur Zurückeroberung von Gebieten durchführen. "Die Ukrainer sind nicht in der Lage die Russen aus dem Land zu werfen. Das kann man im Moment ausschließen. Dazu fehlen ihren Streitkräften bereits wesentliche Angriffsfähigkeiten", so der Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie. So sind auch in den vielen ukrainischen Videos aus den Kampfgebieten nur mehr Bilder von Soldaten mit Panzerabwehr- und Fliegerabwehrlenkwaffen zu sehen, aber keine Angriffe von größeren Panzerverbänden. "Es fehlen ihnen Panzer, geschützter Transportraum, Fliegerabwehr, ballistischer Raketen, Kampfflugzeuge."

Russen schalten Waffenlager von Ukrainern aus

Die Russen schalten nun durch den Einsatz von Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen bereits täglich gezielt Waffenlager der Ukrainer aus und ein möglicher Nachschub mit schweren Waffen sei schwer durchzuführen. "Panzer, Artillerie und weitreichende Flugabwehrsysteme (z. B. vom Typ S-300) sind so groß, dass man sie nicht versteckt ins Land bringen kann." Die Russen würden zudem rasch versuchen, solche Lieferungen zu unterbinden. Die russischen Soldaten sind gekommen um zu bleiben. Trotz der erstarrten Frontlinie und trotz der Verluste, fließt steter Nachschub aus Russland an die Front.

Problem für Ukrainer

Für die Ukrainer komme noch das Problem der in den Städten eingeschlossenen Zivilisten dazu. "Trotz des großen Widerstandswillens wird die Situation für die eingeschlossene Bevölkerung immer verheerender. In den belagerten Städten bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an. Das ergibt einen zusätzlichen Druck für die Regierung." Das dritte Dilemma sei die "zunehmende Verdrossenheit des Westens". "Die gestrigen Gipfeltreffen in Brüssel haben erste Risse in der Einigkeit Europas gezeigt." Es gebe mit Großbritannien, den Niederlanden, Polen und den Baltischen Staaten eine Gruppe, die ein härteres Vorgehen gegen Russland fordern. Italien, Deutschland und Frankreich seien zurückhaltender, zu diesem Block gehöre auch Österreich. Die Frage nach der zukünftigen Rohstoffversorgung der eigenen Bevölkerung lässt die Staaten auseinanderdriften. Man sucht "smarte" Alternativen und zeigt demonstrativ Einigkeit.

"Das ist das Problem des Abnützungskrieges: Die ukrainische Regierung muss den Kampfeswillen aufrecht erhalten während der Verdrossenheit steigt und die Unterstützung schwindet", so Reisner. Die große Gefahr bestehe nun darin, dass beide Seiten versuchen könnten, durch ein besonderes Ereignis eine Entscheidung herbeizuführen. Das könnte auf russischer Seite etwa der Einsatz von chemischen Waffen sein, davor warnt der Westen seit mehreren Tagen. Von den eingesetzten russischen Kommandeuren haben viele in Syrien gedient. Diese, dort von den Assad-Truppen angewandte Taktik ist ihnen nicht fremd."

Ukraine: Mariupol praktisch in Hände von Russen

Feststehe nach einem Montag Kampf jedenfalls, dass es kein schneller Blitzkrieg, sondern bereits ein Abnützungskrieg sei, "der solange geführt werden wird, bis es zu Verhandlungen kommt". "Es ist eine Art 'Syrianisierung' eingetreten." Die russische Seite müsse nach einem Monat mit Ernüchterung feststellen, dass der kurze Feldzug nicht funktioniert habe, sie in umfangreiche Kämpfe verwickelt sei und empfindliche Verluste erlitten habe. "Aber sie haben einiges erreicht und vor allem im Süden große Geländegewinne gemacht." Die Hafenstadt Mariupol sei praktisch in den Händen der Russen. Die letzten zwei Videobotschaften des ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj seien im Bunker aufgenommen worden. Das bedeute, dass die Situation in der Hauptstadt Kiew so gefährlich geworden sei - unter anderem durch den laufenden Einsatz von russischen Drohen - dass er kaum noch ins Freie gehen könne.

Hoffnung, dass Russen Ukraine verlassen

Wie viele Menschen schon gestorben sind, wisse man nicht. Experten gehen davon aus, dass zehntausende Soldaten und tausende Zivilisten bereits Opfer des Krieges geworden seien. Dass der Angreifer dabei höhere Verluste hat, sei in der militärischen Norm. Theoretisch brauche es auf einen Verteidiger drei bis vier Angreifer, so Reisner. Die Ukrainer versuchen nun jeden Meter Boden erbittert zu verteidigen. Wo möglich, sollen den Russen schwerste Verluste beigebracht werden. In der Hoffnung, dass sie Einlenken und das Land verlassen. "Der Gewinner wird der sein, der nun den längeren Atem hat. Und dies bedeutet weitere tausende Tote, Verletzte und Vertriebene. Der Schrecken des Krieges ist wieder in Europa angekommen. Und auch er ist gekommen um zu bleiben", stellt der Militärexperte fest.

(APA/Red)

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