Über 780.000 Ukraine-Flüchtlinge kamen nach Polen

Zahlreiche Ukraine-Flüchtlinge kamen nach Polen.
Zahlreiche Ukraine-Flüchtlinge kamen nach Polen. ©REUTERS/Kai Pfaffenbach (Symbolbild)
Über 787.300 Flüchtlinge aus der Ukraine sind seit Kriegsausbruch nach Polen bekommen, so der Grenzschutz.
LIVE-Blog am Samstag

Allein am Freitag hätten 106.400 Menschen die Grenze passiert, teilte die Behörde am Samstag per Twitter mit. Dies sei der höchste Wert innerhalb eines Tages seit Kriegsausbruch, sagte Vize-Außenminister Pawel Szefernaker. Es herrsche starker Andrang an den Aufnahmepunkten an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Errichtung von Aufnahmepunkten in Polen

Polens Regierung hat nach Angaben Szefernakers landesweit 30 solche Aufnahmepunkte eingerichtet. Weitere wurden in vielen Städten und Gemeinden von der kommunalen Selbstverwaltung aufgebaut.

Am Grenzübergang Medyka-Schehyni trafen auch am Samstag wieder viele Flüchtlinge ein, wie ein dpa-Reporter berichtete. Die Aufnahme sei geordnet verlaufen. Zudem habe sich am Grenzübergang in Richtung Ukraine ein langer Stau gebildet. Hilfsinitiativen und Privatleute aus Polen, Litauen, Deutschland und anderen Ländern seien unterwegs, um humanitäre Hilfe in die Ukraine zu bringen.

Polnische Grenzregion zu Ukraine

Die polnische Grenzregion zur Ukraine befindet sich im Ausnahmezustand. Am Bahnhof in Przemysl, wenige Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt, kommen rund um die Uhr Menschen an, die vor dem Krieg fliehen. Waren es in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn noch mehr jüngere Leute, die Familie und Bekannte in Polen haben, sind nun mehr ältere und kranke Menschen darunter - und viele, die alles verloren haben und nun nicht wissen wohin, erzählt eine freiwillige Helferin.

Der Empfang in Polen ist erst einmal herzlich: "Hier seid ihr in Sicherheit" steht auf einem riesigen Transparent am Bahnsteig auf Polnisch und Ukrainisch. Auch in der Nacht herrscht noch Hochbetrieb in dem kleinen Bahnhof in Przemysl. Kurz vor Mitternacht kommt ein Zug aus der südukrainischen Stadt Odessa an. Es sind fast nur Frauen und Kinder, die aussteigen. Niemand hat viel Gepäck: Manche ziehen kleine bunte Rollkoffer nach, andere haben nur einen kleinen Rucksack und Plastiksackerl dabei. Einige Kinder tragen ein Kuscheltier unter dem Arm. Eine Frau trägt sogar eine verängstigte kleine Katze in einer Gitterbox.

Polnische Helfer verteilen Essen

Im Bahnhof warten zahlreiche freiwillige polnische Helfer. Sie verteilen warmes Essen, Getränke und kostenlose SIM-Karten. Mit Bussen werden Flüchtlinge zu einem nahegelegenen, leerstehenden Einkaufszentrum gebracht. In den leeren Gängen warten tausende Menschen auf eine Weiterfahrt. Es ist chaotisch und laut. Viele liegen erschöpft am Boden und schlafen oder warten. Viele Kinderwagen sind zu sehen, einige Rollstühle.

In einem der leerstehenden Geschäftslokale ist eine provisorische Krankenstation eingerichtet. "Die meisten kommen mit ihren Kindern oder haben selbst kleinere medizinische Probleme, wie Fieber, Durchfall oder Corona, schlimmer ist ihr psychischer Zustand", erzählt eine Ärztin, die für das Rote Kreuz im Einsatz ist. "Die Frauen sind auf der Flucht meist allein unterwegs mit ihren Kindern und haben ihre Männer zurückgelassen, weil sie in der Ukraine kämpfen." Seit einigen Tagen kämen auch vermehrt behinderte, alte und kranke Menschen an.

"Warten auf Babys"

"Wir warten auf Babys, nachdem wir die Information bekommen haben, dass in der Ukraine ein Kinderkrankenhaus evakuiert werden soll", sagt Udi Cohen, der mit einem Ärzteteam aus Israel angereist ist. Sie haben Urlaub von ihrer Arbeitsstelle in Israel genommen und helfen in der Krankenstation mit. Genaues wissen die Ärzte aber nicht, die Informationen, die aus dem Kriegsgebiet kommen, sind spärlich und ändern sich ständig.

An die ankommenden ukrainischen Frauen werden Infoblätter mit Warnungen vor Menschenhändlern ausgeteilt. "Manche Menschenhändler nützen die Gelegenheit aus und bieten jungen Frauen oder Frauen mit Kindern Mitfahrgelegenheiten oder Unterkünfte an", erklärt Cohen. Auch von den Behörden heißt es, dass alle die freiwillig Unterkünfte für Flüchtlinge bereitstellen, erst genau geprüft werden müssen, weil es auch immer wieder zweifelhafte Angebote gibt.

Hunderttausende Ukrainer kamen nach Polen

Die Lage ist unüberschaubar. Mehr als 600.000 Ukrainerinnen und Ukrainer sind innerhalb der letzten sieben Tage in Polen angekommen. Wie viele noch im Land sind und wie viele davon bereits in andere EU-Länder - darunter nach Österreich - weitergereist sind, ist nicht leicht zu bestimmen, weil sich ukrainische Staatsbürger im Schengenraum visafrei und meist ohne Kontrollen bewegen können. Es wird davon ausgegangen, dass viele zu Verwandten und Freunden wollen. Die größten ukrainischen Communities in der EU lebten bisher in Polen (300.000) und Italien (229.000), gefolgt von Tschechien (143.000) und Deutschland (133.000). In Österreich waren es laut Eurostat im Jahr 2020 11.585.

Während in der letzten Woche Hunderttausende Frauen und Kinder im Polen angekommen sind, sind viele von den ukrainischen Männern, die bisher in Polen arbeiteten, in die Ukraine zurückgekehrt um zu kämpfen. Sie fehlen nun dort als Arbeitskräfte.

Große Hilfsbereitschaft in Polen

Die Hilfsbereitschaft in Polen ist riesig. Überall sind ukrainische Fahnen zu sehen. Vor dem Erstaufnahmezentrum in Przemysl türmen sich Kleider- und Sachspenden. Windeln können viele der Mütter gut gebrauchen - und SIM-Karten. Auch eine islamische Hilfsorganisation aus Wien verteilt vor der Halle Papiersackerl mit Proviant an die herein- und hinausströmenden Menschen.

In dem leeren Einkaufszentrum in Przemysl sind sie nach ihrer Flucht erstmals sicher. Wie es nach der Ankunft in Polen weitergehen soll, wissen viele aber nicht. Zwei junge Mädchen knapp 20 stehen in einer Schlange an für einen Bus, der laut Aufruf nach Prag fahren soll. Auf die Frage, wo sie hin wollen, schauen sie sich kurz an und sagen nach einem verzweifelten Lachen: "Wir wissen es nicht."

(APA/Red)

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