Swan Lake beim ImPulsTanz Festival 2014 in Wien

Wegen des großen Andrangs wurden bereits Zusatztermine für "Swan Lake" fixiert.
Wegen des großen Andrangs wurden bereits Zusatztermine für "Swan Lake" fixiert. ©John Hogg
Zwei Liebende verpassen sich auf der Bühne und tänzeln verträumt umher, bis sie sich doch finden - ein typisches Motiv im romantischen Ballett. Nicht so bei Dada Masilos Inszenierung von Schwanensee beim ImPulsTanz-Festival in Wien. Sie stellt die Muster gehörig auf den Kopf und wurde dafür vom Publikum gefeiert.
Dada Masilo beim ImPulsTanz
Programm des Festivals

“Und dann: Das ‘Niemand liebt mich’-zu-Boden-sinken.” Prompt lässt sich Masilo zur dramatischen Musik Tschaikowskys fallen, die dünnen Beine von sich gestreckt, Kopf und Arme im weißen Tutu vergraben. Der weiße Schwan Odette, sich verzehrend nach dem Prinzen Siegfried: Ein gewohntes Bild aus dem Ballettklassiker “Schwanensee” – wäre dieser weiße Schwan nicht schwarz, und würde er kurz darauf nicht aufspringen und schreien, mit den Füßen am Boden stampfen, mit dem Hintern im knappen Tutu wackeln und die Arme in die Luft strecken.

Adaption von Schwanensee in Wien

Mit ihrer 2010 uraufgeführten und nun erstmals in Österreich gezeigten Adaption des Jahrhundertballetts bricht die 29-jährige Masilo mit Konventionen, passt die Geschichte an in ihrer Heimat Südafrika vorherrschende Themen wie Homophobie, Apartheid und Aids an und kombiniert klassisches Ballett mit zeitgenössischem afrikanischen Tanz – und damit zwei Stile, die auf Papier so gar nicht zueinander zu passen scheinen. Dass das auf der dezent gestalteten, Farbe wechselnden Bühne funktioniert, überrascht und lässt Ballett ebenso wie die Originalkomposition von Tschaikowsky neu erleben – ergänzt durch Stücke von Steve Reich, Arvo Pärt und Camille Saint-Saens.

Dada Masilo mischt Stile und Themen

“That fusion thing” nennt Dada Masilo ihre Leidenschaft, unterschiedliche Stile und Themen zu verbinden. Zuvor machte sie sich bereits “Carmen” und “Romeo und Julia” zu eigen. In “Swan Lake” lässt Masilo, die nach einer professionellen Ballettausbildung u.a. bei Anna Teresa de Keersmaeker lernte und im Vorjahr bei ImPulsTanz als Solotänzerin in “Refuse the Hour” von William Kentridge hervorstach, gemeinsam mit elf Tänzerinnen und Tänzern der Dance Factory aus Johannesburg elegante, scheinbar schwerelose Bewegungen des klassischen Balletts mit erdbezogenem, aggressivem afrikanischen Tanz verschmelzen. Eingeleitet von einer ironischen Einführung in das klassische Ballett, wird hier kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht: Hier tanzen alle gleichermaßen barfuß und in weißen Tutus. Kleine Asynchronitäten oder Fehltritte hier und da stören nicht, es geht um das große, emotionale, bildgewaltige Ganze.

An einer Stelle gibt sich Masilo als Schwan Odette, der um Siegfried wirbt, einem Balztanz hin: Sinnlich, lebensfroh, selbstbewusst und wild schwingt sich die zierliche, kahl geschorene Tänzerin als imposantes Gegenbild zur herkömmlichen Ballerina über die Bühne. Im Laufe des knapp einstündigen, rasant durchchoreografierten Abends gibt es nur einen, der Masilo die Show und den Mann stehlen kann: Der schwarze Schwan auf Spitze – in Masilos Version keine Frau, sondern ein Mann, dem Siegfried erlegen ist. Ihre von Siegfrieds Eltern und der Gemeinschaft verpönte Liebe gipfelt in einem traumhaften Pas de deux zu Musik von Reich und Tschaikowsky.

Alle Tänzer in Tutus und oben ohne

Mit der Liebesbeziehung der beiden Männer und der Besetzung – mit Ausnahme von Siegfrieds Eltern – ausschließlich dunkelhäutiger Tänzer krempelt die im armen Soweto bei Johannesburg geborene und in den letzten Jahren der Apartheid aufgewachsene Masilo das Stück mutig um. Bei ihr tanzen erst alle gleichermaßen in Tutus und später oben ohne, verliebt sich Siegfried in einen Mann und wird infolgedessen von der Gesellschaft geächtet. “In der Tanzwelt sind wir mit dem Klischee konfrontiert, dass tanzende Männer schwul sind. Ich habe einfach dieses Vorurteil hergenommen und gesagt: Was, wenn es so wäre? Was ändert sich dadurch?”, so Masilo, die in ihren Stücken wiederholt gesellschaftspolitisch brisante Themen aufgreift, im Vorfeld der Premiere in London zur APA. “Mir geht es darum, dieses Thema aus der Tabuzone zu holen und zu sagen: Lasst uns darüber reden und sehen, ob wir etwas verändern können.”

Tragisches Ende des Stücks

Für Siegfried und Odile ist es in “Swan Lake” zu spät: Am Schluss sterben mit ihnen alle um sie herum, möglicherweise an Traumatisierung. Den Anstoß dazu gab ein sehr persönliches Solo, das Masilo als erste eigene Choreografie nach dem Tod ihrer Tante in Brüssel kreierte. “Meine Tante war HIV-positiv, starb aber nicht an dem Virus, sondern an dem Stigma – daran, dass die Gemeinde, die Familie sich für sie schämte. Dass sie an Trauer gestorben ist, hat mir das Herz gebrochen.” In “Schwanensee” wird das Solo zum Gruppentanz, bei dem ein Tänzer nach dem anderen umfällt. Denn: “Wenn ein Schwan stirbt, stirbt auch der andere wegen Trauer.”

Zusatztermine für Swan Lake fixiert

Der andächtige Moment im Publikum währt nicht lange: Am Premierenabend gab es lang anhaltenden Applaus, Bravo-Rufe und Standing Ovations für die strahlende Masilo und ihre Compagnie. Die Resonanz des Publikums deckt sich mit jener bei den Kartenverkäufen: Aufgrund des großen Andrangs wurden im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals bereits zwei Zusatztermine (25. Juli um 18 und 21 Uhr) anberaumt. (APA)

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