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Strindberg bei den Wiener Festwochen: "Julia" und das Spiel der Leinwände

"Julia" - Strindbergs "Fräulein Julie" im neuen Gewand bei den Wiener Festwochen
"Julia" - Strindbergs "Fräulein Julie" im neuen Gewand bei den Wiener Festwochen ©Marcelo Lipiani
"Julia", die Christina Jatahy-Variation von August Strindbergs Drama "Fräulein Julie", feierte am Montagabend bei den Wiener Festwochen Premiere. Das Stück punktete im brut mit szenischer Dynamik, litt aber ein wenig unter Naivität.
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Ein kleines Mädchen spielt in der Sonne, idyllische Klänge mischen sich unter die Anweisungen des filmenden Vaters, der aufgebracht Dienstboten aus dem Bild scheucht. Schnitt. Das Kind sitzt in sich versunken am Wasser, in schwarz gekleidet. “Ich will nicht, dass du mich filmst.” Was bei Christina Jatahys Variation von August Strindbergs “Fräulein Julie” als vorsichtiges, cineastisches Herantasten an das Thema beginnt, wuchs sich bei der Gastspiel-Premiere am Montag im Wiener brut in ein Beziehungsdrama voll gesellschaftlicher Zwänge aus.

Naiv und von der Kamera blockiert: “Julia”

Ihrer “Julia” stand dabei nicht nur die eigene Naivität im Weg, sondern oft auch der eigentliche Star des Abends: die Kamera. Sie ist es, geführt von David Pacheco, die bei dieser erstmals im deutschsprachigen Raum gezeigten Produktion (Portugiesisch mit deutschen Übertiteln) den Takt vorgibt und dem Zuschauer Türen und Räume ebenso öffnet wie verschließt.

Denn das eigentliche Geschehen spielt sich oft im scheinbar Verborgenen, im Privaten dieser brasilianischen Villa ab, wo die junge Tochter des Hausherren ein Auge auf Jelson, den Chauffeur, geworfen hat. Zwei raumgreifende Leinwände, durch Flaschenzüge verstellbar, dienen dabei ebenso als Projektionsfläche für die Live-Videos wie vorgefertigte Sequenzen, versperren im nächsten Augenblick aber wieder die Sicht, nur um die intensive Liebesszene dann doch groß und direkt erfahrbar zu machen.

Zu wenig Gesellschaftskritik bei Christina Jatahy

Julia Bernat in der Titelrolle und Rodrigo dos Santos als ihr “Untergebener” mühen sich gut eineinhalb Stunden nahe an Strindbergs Kammerspiel über Klassenunterschiede, das Jatahy behutsam adaptiert und ins heutige Rio de Janeiro versetzt. Er will fortgehen, ein Hotel aufmachen, sie wiederum nur ihren Namen hören. “Es gibt doch keine Mauern mehr zwischen uns.” Aber die Grenze, das Trennende wird immer wieder deutlich, physisch wie akustisch. Doch wo man sich deutlichere Worte in einem gesellschaftskritischen Kontext wünschen würde, schreckt Jatahy zurück und verlässt sich auf ihre effektvolle Mischung aus Film und Theater.

Dass sie dabei zumindest aus inszenatorischen Gesichtspunkten beinahe alles richtig macht, täuscht aber nicht über eine gewisse Beliebigkeit der Arbeit hinweg. Bernat triumphiert geradezu mit Szenen, in denen sie aus dem Korsett des Stücks ausbricht, das Publikum direkt anspricht oder aus dem brut vor den Musikverein stürmt. Gegen Ende verschwimmen die Grenzen, werden Aufführung und Werkreflexion eins und bleibt dennoch ein etwas schaler Nachgeschmack.

“Was machen wir jetzt?”

“Es ist aus. Aber was machen wir jetzt? Was mache ich jetzt?”, fragt diese Julia, die dann doch das tödliche Schicksal ihrer Namensvetterin teilt – wenn auch nur in einer abschließenden Videoeinspielung. Dass Jatahy keine Lösungen bietet, ist dabei nachvollziehbar und konsequent. Aber einige zusätzliche, ins heute transponierte Fragen hätten dem Stück, bei dem die heftig akklamierten Darsteller ebenso wie die technische Raffinesse der Inszenierung hervorstachen, jedenfalls gut getan.

Weitere Highlights der Wiener Festwochen

Fragen – oder besser gesagt: das Nichtstellen von Fragen steht im brut ab 18. Mai bei einer anderen Produktion im Mittelpunkt: Oliver Frljic inszeniert in “Mrzim istinu!” (Ich hasse die Wahrheit!) seine ganz persönliche Familiengeschichte. In weniger als einer Stunde werden hier Beziehungen dekonstruiert, Kriegswirren aufgedröselt und Unaussprechliches zur Disposition gestellt. Der Autor selbst wird dabei von seinen Darstellerkollegen immer wieder zur Rechenschaft gezogen, darf doch auch im vermeintlich sicheren Familienraum längst nicht alles gesagt und gefragt werden.

Kaum eine halb Stunde länger braucht hingegen die Londoner Gruppe GetInTheBackOfTheVan für eine “Broken Genre Performance”. Unter dem Titel “Big Hits” (Premiere: 28. Mai) begegnet man in der Regie von Hester Chillingworth einer sich in einen Wahn singenden Lucy, während ihr Gegenüber Jennifer als riesiger Plüschhase durch den Abend führt und zusehends in wirre Vorträge über Selbstverbesserung und Selbstliebe abdriftet. Wohl nicht ganz zufällig als “Late Hour”-Vorstellung zwischen Live Art und Theater um 22 Uhr angesetzt.

(apa/red)

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