Sebastian Kurz: Spitzenkandidat der ÖVP im Porträt

Sebastian Kurz tritt als ÖVP-Spitzenkandidat an.
Sebastian Kurz tritt als ÖVP-Spitzenkandidat an. ©APA/HANS PUNZ
Sebastian Kurz will das Alt vor dem Kanzler wieder loswerden, die Chancen dafür stehen bestens. Ohne Ibiza wäre der ÖVP-Chef wohl noch drei Jahre bequem im Kanzleramt gesessen, nun muss er ein zweites Mal liefern. Der ÖVP-Spitzenkandidat im Porträt.
Die Spitzenkandidaten im Kurzporträt

Bis Mai dieses Jahres dürfte Sebastian Kurz die Rekordliste als jüngster Staatssekretär, Außenminister, ÖVP-Obmann und Bundeskanzler ein wenig geschmeichelt haben. Dass er dann jedoch per Misstrauensantrag zum jüngsten Altkanzler wurde, könnte doch einen Zacken aus der Krone gebrochen haben. Umso mehr wird der 33-Jährige bemüht sein, möglichst bald wieder am Ballhausplatz zu residieren.

Sebastian Kurz liegt mit ÖVP in Umfragen klar auf Platz eins

Die Chancen dafür stehen bestens. Seine ÖVP liegt in Umfragen meilenweit voran, auch eine realistische Mehrheit an der Volkspartei vorbei zeichnet sich nicht ab. Vielmehr sollte Kurz' Hauptproblem sein, einen Partner zu finden, mit dem er dann auch fünf Jahre durchregieren kann. Denn nachdem er bereits zwei Mal eine Koalition platzen hat lassen, dürfte diese Option fürs die nächste Zeit vom Tisch sein.

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Dass Kurz Mehrheitsbeschaffer findet, ist mehr als wahrscheinlich. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner ist freilich nicht unbedingt zu erwarten. Denn der ÖVP-Chef hat sich mittlerweile den Ruf des Tricksers erworben, der Schwächen anderer Parteien zu seinem Vorteil nützt.

ÖVP-Spitzenkandidat mehr Kontrollfreak als Gambler

Dabei ist Kurz vom Typus her weniger Gambler als Kontrollfreak. Er ist bereit Risiko zu gehen, das muss aber kalkuliert sein. Zwar hat sich die ÖVP vermutlich vorgestellt, dass sie in den Umfragen angesichts des Zustands der anderen Parteien noch höher liegt, aber für Platz eins als Minimalziel sollte es reichen.

Dass der VP-Obmann zumindest für österreichische Verhältnisse ein politisches Ausnahmetalent ist, gilt mittlerweile als Common Sense. Gerade einmal 24 war der aus einer Wiener Mittelschicht-Familie stammende JVP-Chef und Landtagsabgeordnete, als ihm der damalige Vizekanzler Michael Spindelegger das Integrationsstaatssekretariat überantwortete. Spott und Hohn ergossen sich über Kurz, doch der belehrte das Publikum rasch eines besseren, versachlichte die Debatte und stieg rasant zu einem der beliebtesten Politiker des Landes auf.

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Steile Karriere: Vom Polit-Jüngling zum Bundeskanzler

Weiter ging es ins Außenministerium, wieder Zweifel und wieder überraschte Kurz, der als Ausbildung bis heute nur ein begonnenes Jus-Studium vorweisen kann. An der Seite der Mächtigen aus aller Welt ließ es sich für ihn gut leben und mit den Atomgesprächen USA-Iran in Wien gelang dem stets von einem kompetenten Team servicierten Polit-Jüngling ein veritabler PR-Coup. Die von ihm verkündete Schließung der Balkan-Route ließ ihn dann endgültig von der politischen Mitte einen kräftigen Schritt nach rechts machen.

Nebenbei zimmerte Kurz mehr und mehr an seiner Karriere. Die nicht gerade freundliche Machtübernahme von Reinhold Mitterlehner an der ÖVP-Spitze war minutiös vorbereitet. Sein Messias-Standing ausnützend ließ sich Kurz allerlei Vollmachten von seiner Partei überreichen, die er dann auch bei der Erstellung von Wahllisten und Ministerteam nützte. Das wichtigste für den neuen Obmann: das Team sollte zu 100 Prozent loyal sein, ebenfalls wohl nicht ungewollt, allzu hell sollte neben dem Chef keiner strahlen.

Fehlerarm und bescheiden im NR-Wahlkampf

Der Erfolg gab ihm fürs erste recht. Fehlerarm, stets kontrolliert, betont bescheiden und freundlich tourte Kurz durch den Wahlkampf, ließ die politische Schmutzarbeit andere machen und verschaffte der ÖVP das heiß ersehnte Comeback im Kanzleramt. Der Abschluss des Koalitionsabkommens mit der FPÖ war nur noch Formsache.

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Den Kanzler legte der ohnehin ideologiearme Kurz weniger neoliberal an, als es die Linke strategisch gehofft hätte, wobei ihm die gute Konjunktur eine freundliche Helferin war. Von Einschnitten betroffen waren in der Regel Zuwanderer, der 12-Stunden-Tag war letztlich kein gar so großer Aufreger, die Umfärbung der Sozialversicherung interessierte nur Funktionäre und darüber hinaus konnte der VP-Chef mit Maßnahmen wie dem Familienbonus oder der Wiedereinführung der Ziffernnoten der eigenen Kernklientel die ein oder andere Freude machen.

Hätte also der damalige FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache seinen fatalen Ibiza-Trip ausgelassen, wäre Kurz wohl noch drei Jahre bequem im Kanzleramt gesessen. Nun muss er ein zweites Mal liefern. Der ganze Wahlkampf ist darauf zugeschnitten, dass Kurz Kanzler bleiben muss. Sollte das wider Erwarten schief gehen, würde das an ihm selbst kleben bleiben und eine hoffnungsfrohe Karriere wohl abrupt beenden. Ohnehin hat der mit einer öffentlichkeitsscheuen Ministeriumsmitarbeiterin liierte VP-Chef stets versichert, nicht sei ganzes Leben in der Politik verbringen zu wollen.

Sebastian Kurz (33): Zur Person

Sebastian Kurz, geboren am 27. August 1986 in Wien.

2007-2012 Vorsitzender der Wiener JVP, 2009-2017 Obmann der Bundes-JVP. 2010-2011 Abgeordneter zum Wiener Landtag. Ab Juni 2011 Staatssekretär für Integration, seit Dezember 2013 Außen- und seit März 2014 Außen- und Integrationsminister.

Seit Mai 2017 ÖVP-Obmann, von Dezember 2017 bis Mai 2019 Bundeskanzler.

Sebastian Kurz (33 Jahre) im Steckbrief

  • Geboren am 27. August 1986
  • Beruf: Politiker
  • Wohnort: Wien
  • Familienstand: in einer Beziehung mit Lebensgefährtin Susanne
  • Hobbys: Sport, Lesen, mit Freunden Zeit verbringen
  • Lieblingssong: Uprising von Muse
  • Lieblingsbuch: Die Kunst der Freiheit - eine Biografie über den polnischen Bergsteiger Voytek Kurtyka
  • Beruflicher Werdegang:
    • Juni 2004 Matura am Gymnasium Erlgasse in Wien Meidling
    • 2005 Studium der Rechtswissenschaft am Juridicum Wien begonnen
  • Politischer Werdegang:
    • 2003 trat er der Jungen ÖVP bei
    • 2008 - 2012 Landesobmann der JVP Wien
    • 2009 - 2017 Bundesobmann der Jungen ÖVP
    • November 2010 - April 2011 Landtagsabgeordneter, Gemeinderat in Wien
    • April 2011 - Dezember 2013 Staatssekretär für Integration
    • Dezember 2013 - Dezember 2017 Bundesminister für Europa, Integration, Äußeres
    • Dezember 2017 - Mai 2019 Bundeskanzler
    • September 2015 - März 2018 Präsident der Politischen Akademie der ÖVP
    • seit Mai 2017 Bundesobmann der ÖVP

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(APA/Red)

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