Russland setzt sich mit Präsenz in Wien auseinander

"Mich hat im positiven Sinne immer wieder erstaunt, mit welcher Liebe man in Russland und in Moskau Wien wahrnimmt", so Michail Gussman.
"Mich hat im positiven Sinne immer wieder erstaunt, mit welcher Liebe man in Russland und in Moskau Wien wahrnimmt", so Michail Gussman. ©REUTERS/Leonhard Foeger (Symbolbild)
Das Palais Nassau in Wien-Landstraße wurde vor 1891 vom russischen Kaiserreich erstanden. Das Gebäude war von da an Botschaft - nun widmet sich ein Buch 130 Diplomatiegeschichte in Wien.

Inhaltlich bleibt die Publikation mit vielen Details aus russischen Archiven im offiziellen Rahmen, manche brisante Aspekte spart sie dabei aus.

Bedeutung von Wien für Russland

Wien war und bleibt für Russland eine wichtige Metropole. Während Touristenströme einstweilen ausbleiben, verdeutliche am Dienstagabend die Anwesenheit hochrangiger Gäste, die sich trotz Pandemie im Zusammenhang mit anderen Projekten in der Stadt aufhielten, die große Relevanz und Attraktivität von Wien für die russischen Eliten.

So waren zur Präsentation von "Moskau in Wien. Das Palais Nassau - Botschaft der Russischen Föderation in der Republik Österreich" etwa der Rektor der russischen Diplomatenschmiede MGIMO, Anatoli Torkunow, der auch mit Partnern in Österreich für 2025 ein Projekt zu 50 Jahren Schlussakte von Helsinki vorbereitet, der Gazprom-Aufsichtsratsvorsitzende Viktor Subkow oder Maestro Waleri Gergijew in die Reisnerstraße gekommen. Letzterer unterhielt sich auch kurz mit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), der bekanntlich auch selbst als Dirigent auftritt.

Wiener Walzer und Russland

"Mich hat im positiven Sinne immer wieder erstaunt, mit welcher Liebe man in Russland und in Moskau Wien wahrnimmt", erzählte Michail Gussman, Vizedirektor der russischen Nachrichtenagentur TASS, die formal für die Serie von Publikationen über russische Botschaften zuständig ist. Wien sei eine sehr warmherzige und angenehme Stadt, mit Wiener Walzer und Oper werde man in Russland schon in der Kindheit konfrontiert, sagte Gussmann im Gespräch mit der APA.

Dass die österreichische Metropole seit dem 18. Jahrhundert einen Anziehungskraft für die russischen Eliten hatte, illustriert freilich auch die Diplomatiegeschichte. Frühe russische Botschafter wie Dmitri Golizyn (1702-1792) und Andrej Rasumowski (1801-1806) richteten es sich in Wien häuslich ein, letzterer ließ seinerzeit das nach ihm benannte Palais Rasumofsky im 3. Wiener Gemeindebezirk errichten. Doch erst ein weiterer russischer Aristokrat als Botschafter, Aleksej Lobanow-Rostowski, veranlasste erst 1891 den Ankauf des Palais Nassau in der Reisnerstraße. Das repräsentative Gebäude im Neorenaissance-Stil, das seinerzeit eine halbe Million Goldrubel kostete, fungiert seit damals als Botschaft - zunächst des Russischen Kaiserreichs, dann der Sowjetunion und schließlich ab Ende 1991 der Russischen Föderation.

Besonderheit von Botschaft

Eine der wichtigsten Besonderheiten der Botschaft, so führt die neue Publikation detailliert aus, ist eine russische-orthodoxe Kathedrale, die in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hier "auf russischem Boden" errichtet wurde. Für das Fundament der Kirche waren eigens 30 Fuhren Schwarzerde nach Wien transportiert worden.

1914 sorgte der 1. Weltkrieg für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und Russland kehrte in Form der jungen Sowjetunion in den frühen Neunzehnzwanzigern wieder in das Gebäude zurück. Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde die sowjetische Botschaft geschlossen, nach dem Überfall des Dritten Reichs auf die Sowjetunion im Juni 1941 konfisziert. Was genau zwischen 1938 und 1941 passierte, bleibt in der Publikation unerwähnt. Keine Rede ist daher von der zumindest in einem Gestapo-Akt aus dem März 1939 referierten Darstellung, dass es Versuche gegeben habe, die Immobilie zu verkaufen, jedoch kein Käufer gefunden werden konnte.

Rückkehr von sowjetischer Diplomatie nach Wien

Mit der Befreiung Wiens durch die Rote Armee kehrte auch die sowjetische Diplomatie wieder zurück nach Wien und in den folgenden Jahrzehnten sollte das Palais, das im Februar 1945 durch zwei Bombentreffer massiv beschädigt worden war, zu einem diplomatischen Hotspot avancieren. Stolz erinnert "Moskau in Wien" an Gespräche von Parteichef Nikita Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy 1961 sowie Parteichef Leonid Breschnew und US-Präsident Jimmy Carter 1979 in der Reisnerstraße.

Spionagefolklore aus der Zeit des Kalten Kriegs bleibt indes ausgespart, darunter die in Wiener Diplomatenkreisen erzählte Anekdote über einen betrunkenen österreichischen Spionagechef. Dieser soll bei einem Empfang vor vielen Jahrzehnten mit dem Korken einer Champagnerflasche aus Versehen auf einen Luster im Botschaftsgebäude geschossen haben und zum Entsetzen der Anwesenden dadurch Abhörgeräte offengelegt haben.

Aus für Sowjetunion

Mit dem Ende der Sowjetunion wurde vor fast genau 30 Jahren am 26. Dezember 1991 wieder die russische Trikolore über dem Palais gehisst und spielte das Haus danach für die diplomatischen Bemühungen des neuen Russlands in Wien eine wichtige Rolle. Bevor das Gebäude jedoch offiziell in den Besitz der Russischen Föderation überging, gab es unfreundlichen Gegenwind aus Österreich: Die Gerichte verweigerten die diesbezügliche Eintragung im Grundbuch mit Verweis auf Probleme mit der Aufteilung des sowjetischen Vermögens unter den 15 Nachfolgerepubliken der UdSSR. Erst nach einer Verbalnote des österreichischen Außenministeriums im August 2008 konnte der entsprechende Eintrag im Grundbuch von "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" auf "Russische Föderation" korrigiert werden. In "Moskau in Wien" bleibt dieser Aspekt diplomatisch unerwähnt.

Jelena Ljubinskaja (Hrsg.): "Moskau in Wien. Das Palais Nassau - Botschaft der Russischen Föderation in der Republik Österreich", Boslen Verlag, Moskau, 152 Seiten, ISBN 978-5-91187-396-7

(APA/Red)

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