Pensionierter Chefinspektor terrorisierte Familie: Angeklagter gab sich bei Prozess als Opfer

Der Chefinspektor soll seine Familie tyrannisiert haben - was er aber bestreitet
Der Chefinspektor soll seine Familie tyrannisiert haben - was er aber bestreitet ©APA (Sujet)
Am Dienstag begann im Wiener Straflandesgericht der Prozess gegen einen pensionierten Chefinspektor der Wiener Polizei, der seiner Ehefrau und seinen drei Töchtern das Leben zur Hölle gemacht haben soll. Der mutmaßliche Täter stellte sich dabei als Opfer dar und bestritt sämtliche Vorwürfe.
Prozessbeginn am Dienstag
Details zum Fall

Unter regem öffentlichen und medialen Interesse hat am Dienstag der Prozess gegen den pensionierten Chefinspektor begonnen, der seine Ehefrau und seine drei Töchter jahrelang tyrannisiert haben soll. Die Verhandlung wurde wegen des großen  Andrangs kurzfristig in einen Schwurgerichtssaal verlegt. Nachdem Staatsanwältin Ursula Kropiunig ihre auf fortgesetzte Gewaltausübung, Freiheitsentziehung, schwere Nötigung und gefährliche Drohung lautende Anklage skizziert hatte, stilisierte sich der 64-jährige Angeklagte mit Hilfe seines Verteidigers zum Opfer.

Angeklagter spricht von Manipulation

“Die Geschichte weist einige Regiefehler auf”, betonte Rechtsanwalt Thomas Krankl. Betrieben von “staatlichen Institutionen, die der Frau zur Seite stehen”, werde “hier eine Geschichte gepusht, die keinen Wahrheitsgehalt hat”. In seiner Zeit als aktiver Polizist, wo er geraume Zeit für Sittlichkeitsdelikte und Jugendkriminalität tätig war, habe der Angeklagte Anzeigen von Frauenhäusern “oft kritischer als andere Kollegen” gesehen. “Es besteht daher großes Interesse, dass man den Kritiker ausschaltet”, meinte Krankl.

Die älteste Tochter seines Mandanten, die den Vater im Ermittlungsverfahren massiv belastet hatte, bezeichnete der Verteidiger als “Meisterin der Manipulation”. Der Polizist im Ruhestand sei “ein ordentlicher, rechtschaffener Mensch, dem man etwas Falsches unterstellt, weil man massiven Druck auf die Kinder ausgeübt hat”.

“Hab’ Angst g’habt, dass mich meine Frau erschießt”

“Es ist nichts geschehen. Ich habe meine Frau und meine Kinder weder misshandelt noch bedroht”, gab der Angeklagte zu Beginn seiner Einvernahme zu Protokoll. Er behauptete, zum Zeitpunkt seiner Festnahme nur deshalb mehrere illegale Schusswaffen und Munition im Kofferraum seines Pkw gehabt zu haben, weil er sich vor seiner Frau gefürchtet hätte: “Ich hab’ Angst g’habt, dass mich meine Frau erschießt.”

Die 42-Jährige, die er 1997 während eines Kuraufenthalts kennengelernt und nach längerer Lebensgemeinschaft geheiratet hatte, habe nach der Geburt eines Sohnes im Frühjahr 2011 psychische Probleme entwickelt. Sie sei auch auf ihn losgegangen, behauptete der pensionierte Polizist: “Zum Schluss war es ganz arg. Sie hat mich auch geohrfeigt und geschlagen.”

Laut Anklage sollen unter dem Regiment des Familienvaters Psychoterror und Schläge – etwa mit einer Fliegenklappe und einem Hosenspanner – für die drei Töchter im Alter von acht, elf und 14 Jahren sowie die Ehefrau beinahe auf der Tagesordnung gestanden sein.

War Chefinspektor ein Kontrollfreak?

Der Beamte dürfte im Lauf der Jahre systematisch den freien Willen seiner Familie gebrochen haben. Der als Kontrollfreak beschriebene Mann soll den Alltag seiner Frau streng überwacht haben, der er den Kontakt zu ihren Eltern verbat und das Verlassen der Wohnung nur zu Einkaufszwecken oder der Erledigung dringend nötiger Geschäfte gestattete. Auch den Reisepass hatte er der Frau abgenommen. Den Kindern gestattete er ebenfalls nur einen eingeschränkten Bewegungsspielraum.

Wenn sich seine Angehörigen ihm widersetzten, wurde der Familienvater laut Anklage handgreiflich, wobei vor allem die älteste Tochter regelmäßig Ohrfeigen und Schläge versetzt bekam. Er spielte auch gern den starken Mann, indem er mit seinen insgesamt fünf Schusswaffen hantierte, wobei er zwei Pistolen und ein halbautomatisches Gewehr illegal besaß. Durch demonstratives Drehen an der Trommel eines Revolvers brachte er die Familie dazu, sich seinen Wünschen zu beugen.

Situation spitzte sich gefährlich zu

Die für die Betroffenen unerträgliche Situation verschlechterte sich weiter, als der Kriminalbeamte pensioniert wurde und der kleine Sohn zur Welt kam. Im Herbst 2011 holte die älteste Tochter die Polizei zu Hilfe, weil es zu Hause zu einer äußerst bedrohlichen Eskalation kam. Eine Woche darauf kündigte der 64-Jährige seiner Frau an, er werde sie in die Psychiatrie bringen, indem er die gemeinsamen Kinder vor ihren Augen töten werde.

Am darauffolgenden Tag präzisierte er seine Drohung, indem er der Frau erklärte, er werde die Kinder betäuben, sie erschießen, ihnen dann den Bauch aufschlitzen und diese zum Zeichen seiner Liebe mit roten Rosen bedecken. Seine Worte untermauerte er, indem er seinen Revolver auf einen Wäscheständer legte und neben dem Bild seiner verstorbenen Mutter eine Grabkerze anzündete.

Flucht ins Frauenhaus

Weil seine Frau befürchtete, der Polizist werde seine Pläne in die Tat umsetzen, flüchtete sie mit ihren Kindern ins Frauenhaus und erstattete Anzeige. Der pensionierte “Kieberer” wurde am 7. Dezember 2011 wegen Tatbegehungsgefahr in U-Haft genommen, aus der er nach sieben Monaten entlassen wurde, obwohl ihn sogar das Wiener Oberlandesgericht (OLG) noch erkennbar für brandgefährlich hält. Im Fall eines anklagekonformen Schuldspruchs drohen dem 64-Jährigen fünf bis 15 Jahre Haft.

“Hab’ mich immer im Griff”

“Bitte kommen Sie! Mein Vater will uns alle umbringen!” – mit diesen Worten, untermalt von heftigem Schluchzen und Schreien, hatte die älteste Tochter des pensionierten Chefinspektors im Oktober 2011 den Notruf der Polizei kontaktiert, nachdem zu Hause die Situation wieder einmal eskaliert war. Im Zuge der Einvernahme des 64-Jährigen wurde nun dieses erschütternde Tondokument, das die verzweifelte und aufgelöste Verfassung des 14 Jahre alten Mädchens anschaulich machte, im Verhandlungssaal abgespielt.

Er wisse nicht, weshalb das Mädchen damals die Polizei kontaktiert hätte, nahm der Angeklagte zu dem Anruf Stellung: “Ich hab’ keine Ahnung. Ich hab’ keine Erklärung dafür. Es war nichts, Frau Rat!” Seine Älteste sei “an und für sich ein hysterisches Mädchen”. Er habe seine Kinder nie geschlagen, ihnen allenfalls einmal einen “leichten Klaps von unten auf den Popo” gegeben. Er habe auch “nie Maßnahmen ergriffen, wenn sie der Mama nicht gefolgt haben”. Der Angeklagte räumte ein, grundsätzlich “ein Häferl” zu sein: “Aber ich hab’ mich immer im Griff. Es ist nie zu Aggressionen gekommen.”

Die Verhandlung, zu der insgesamt rund 50 Zeugen geladen sind, wird am 22. Oktober fortgesetzt. Der pensionierte Polizist ist mittlerweile von seiner Frau und seinen Kindern verlassen worden. Diese haben sich vor dem Ex-Chefinspektor an einen unbekannten Ort zurückgezogen “und sind derzeit für ihn nicht greifbar”, wie die Staatsanwältin erklärte.

(apa/red)

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