Ölpreis könnte wegen Nahost-Unruhen auf 200 Dollar hochschnellen

Die angespannte Lage im Iran macht vor allem den Ölmarkt nervös.
Die angespannte Lage im Iran macht vor allem den Ölmarkt nervös. ©AP
Die angespannte Lage im Iran macht vor allem den Ölmarkt nervös. "Die Stimmung in der ganzen Region ist sehr, sehr explosiv", konstatierte am Montag der Rohstoffexperte Ronald Stöferle von der Erste Group. Sollte der Iran wie angedroht die Straße von Hormus sperren, könnte der Ölpreis für die Sorte Brent im ersten Halbjahr 2012 neue Rekordhöhen von 150 bis 200 Dollar je Barrel erreichen.

Stöferle bezweifelt auch, dass Saudi-Arabien so große Reservekapazitäten hat wie angenommen. Neuer Hoffnungsträger ist Schieferöl.

Ölpreis im Höhenflug

Im Schnitt dürfte sich der Ölpreis in den kommenden zwölf Monaten bei 123 Dollar je Fass (159 Liter) bewegen, so die Erste-Analysten in ihrem neuen Ölreport. In etwa so viel kostet ein Barrel auch heute schon – am frühen Montagnachmittag waren es 123,7 Dollar. Sollte tatsächlich das bisherige Allzeithoch von 147 Dollar im August 2008 überschritten werden, hätte dies einen signifikanten Nachfragerückgang im zweiten Halbjahr zur Folge.

Stöferle hält es aber ohnehin nicht für sehr wahrscheinlich, dass der Iran die Meeresenge von Hormus blockiert. Denn “cui bono? Der Iran würde sich ins eigene Fleisch schneiden.” Aufgrund der militärischen Kapazitäten würde der Iran, der weltweit drittgrößte Ölexporteur, eine Blockade nur für kurze Zeit durchhalten, sagte Stöferle vor Journalisten. Durch die Meeresenge fließen am Tag rund 20 Millionen Barrel oder ein Fünftel der Weltölproduktion. Rund vier bis fünf Millionen Fass könnten mit Hilfe von Pipelines umgeleitet werden – “aber das geht nicht auf Knopfdruck”.

75 Prozent Öl-Reserven in Saudi-Arabien

Auch, was die Reservekapazitäten der OPEC betrifft, ist Stöferle äußerst skeptisch. Die Annahme basiere darauf, dass Saudi-Arabien, dem 75 Prozent der gesamten Reserven zugeschrieben werden (rund 2,5 mb/d), seine Produktion kurzfristig auf 12 Millionen Barrel am Tag ausweiten kann. Bisher habe das Königreich aber noch nie nachhaltig mehr als 10 Millionen Barrel am Tag produziert. Selbst, als die Saudis im Vorjahr versprochen hatten, die Ausfälle in Libyen zu kompensieren, sei das Maximum im August 2011 mit 9,94 mb/d erreicht worden. Von daher sei zu befürchten, dass Saudi-Arabien über weniger Reserven verfügt als angenommen, sagte Stöferle.

Dramatisch wäre eine Sperre der Straße von Hormus jedoch allemal. Am stärksten bekäme dies der Flüssiggasmarkt (LNG) zu spüren, hier vor allem Japan, der größte LNG-Importeur. Europa sei gar nicht so stark vom Iran abhängig, wichtigste Handelspartner des Nahostlandes seien China, Japan, Korea und Indien. Diese Länder, vor allem China und Indien, seien es auch, die die Nachfrageseite dominierten. Chinas Energiehunger ist riesig. Im Vorjahr habe das Reich der Mitte die USA bereits als größten Energieverbraucher der Welt überholt.

“Panikmache” als Umweltgefahr

Als Zukunftshoffnung sieht Stöferle Schieferöl und Schiefergas. Puncto Umweltgefahren ortet er in Europa übertriebene “Panikmache”. Bei der neuen Gasabbaumethode des “clean fracking” würden die Risiken deutlich verringert; die Bohrkosten fielen signifikant, der Wasserverbrauch sinke. In Europa, resümierte Stöferle, stecke die Schiefergasentwicklung noch in den Kinderschuhen. Wegbereiter seien Polen und die Ukraine. “Die Polen nennen sich schon das Scheichtum an der Weichsel”, träumten davon, zum großen Gasexporteur zu werden, so Stöferle.

Auf der Ölangebotsseite könnte Schieferöl für etwas Entspannung sorgen, meint der Experte. Viele gingen davon aus, dass die USA bereits in diesem Jahrzehnt komplett energieautark werden. Dank Schieferölförderung hätten die USA ihre seit 1970 rückläufige Ölproduktion seit dem Tiefpunkt 2008 wieder deutlich gesteigert. Allein der Bundesstaat North Dakota produziere heute mittlerweile fast so viel Öl wie das OPEC-Mitglied Ecuador. Auch in Texas werde “intensiv exploriert”. Die Ölgewinnung aus Ölschiefer sei bereits ab einem Ölpreis von 60 Dollar je Barrel profitabel. Bis 2020 könnte die US-Ölproduktion aus unkonventionellen Quellen auf 3 mb/d steigen, glauben Experten.

Bestand in Europas Rohöllagern sinkt

Schon jetzt sind die Rohöllagerbestände der Vereinigten Staaten prall gefüllt – im Gegensatz zu jenen in Europa. Hauptsächlich wegen der Libyen-Krise seien hier die Bestände im vergangenen Jahr kontinuierlich gesunken. Im November 2011 wurde überhaupt das niedrigste Niveau seit 2003 erreicht. Das ist auch der Grund für den großen Preisunterschied zwischen der Nordseeölsorte Brent und dem US-Öl WTI (West Texas Intermediate). “Der Spread wird weiterhin hoch bleiben”, so Stöferle. Aktuell kostet ein Fass Brent 123,7 Dollar, ein Barrel WTI 106,2 Dollar.

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