Lange Nacht der Bücher 2019: Buch Wien eröffnet

Die österreichische Erfolgsautorin Vea Kaiser trat bei der "Langen Nacht der Bücher" auf
Die österreichische Erfolgsautorin Vea Kaiser trat bei der "Langen Nacht der Bücher" auf ©VIENNA.at
Unter regem Besucherinteresse wurde am Mittwochabend die Wiener Buchmesse "Buch Wien" feierlich eröffnet. Auf dem Programm standen unter anderem Eröffnungsreden von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Falter-Herausgeber Armin Thurnher sowie erste Lesungen. VIENNA.at war vor Ort.
Bei der Eröffnung: Eindrücke
Ein Buchfestival der Superlative
Vielseitiges Programm der Buch Wien

Ob Lesende, Schreibende oder Verlagsmitglieder: Wer in Wien Interesse am Medium Buch hat, für den ist die "Buch Wien" Jahr für Jahr ein Pflichttermin. Am Mittwochabend war es wieder soweit - mit der "Langen Nacht der Bücher" fiel der offizielle Startschuss für die zwölfte Ausgabe der Buchmesse in der Halle D der Messe Wien.

Eröffnung der Buch Wien mit "Lange Nacht der Bücher"

Auf dem Programm standen ab 18:00 Uhr Eröffnungs- und Begrüßungsreden gefolgt von einem Konzert sowie ersten Lesungen und Publikumsgespräche namhafter Autorinnen und Autoren. Benedikt Föger, der Präsident des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels, gab sich eingangs positiv und höchst zufrieden mit dem Status Quo in der Branche: "Der Buchhandel läuft im Moment erfreulich gut." Er fand einige einstimmende Worte auf die künftig notwendige "Ökologisierung unserer Branche".

Danach war Kulturstädträtin Veronica Kaup-Hasler am Wort und erinnerte u.a. an die häufig prekären Arbeitsbedingungen, unter denen Literatur entstünde. "Hier wird weiter beharrlich an der Vielfalt geistiger Hervorbringung gearbeitet."

Van der Bellen: "Bücher sind Lebensbegleiter"

Was folgte und beim Publikum auf höchst positives Feedback stieß, war die launige Rede von Bundespräsident Alexander van der Bellen, der sich höchst nahbar und so manche persönliche Anekdote aus seinem Leben als Leser und bekennender Büchersammler zum Besten gab.

"Für mich persönlich sind Bücher Lebensbegleiter", ließ er wissen und erzählte einen Schwank aus seiner Jugend, als er im Alter von 16 Jahren in einer kleinen Innsbrucker Buchhandlung D. H. Lawrences "Lady Chatterley's Lover" zu erwerben trachtete, und ihm dieses pikante Stück Literatur von einem leicht konsternierten Buchhändler praktisch "unter dem Ladentisch" verkauft wurde. Weiters zitierte Van der Bellen in seiner Rede u.a. Arno Schmidt und Friedrich Nietzsche, dessen Worte "Wer kein Adler ist, soll sich nicht über Abgründen lagern" bei ihm schon als Jugendlicher, ebenso wie dessen ganzes Werk "Also sprach Zarathustra" tiefen Eindruck hinterlassen hätten. Beeindruckt, aber etwas ungläubig zeigte sich der Bundespräsident angesichts aktueller Zahlen: "80.000 Erstveröffentlichungen allein im deutschsprachigen Raum jährlich? Stimmt das? Wer soll das lesen?" Eine große persönliche Herausforderung sieht Van der Bellen nach eigener Aussage auch in der Notwendigkeit der Aufbewahrung der Bücher, die sich im Laufe eines Lebens so ansammelten. In seiner eigenen, "nicht kleinen" Wohnung seien weiterhin etliche Kisten nicht ausgepackter Bücher zu finden. "Wohin mit den Büchern?" wurde er nahezu philosophisch.


Armin Thurnher über Kommunikation in der Krise

Im Zentrum des Auftakts zur Buch Wien stand aber die Eröffnungsrede von Armin Thurnher, die sich unter anderem um "die Krise der Kommunikation" sowie "die sogenannte Handke-Debatte" drehte.

Der "Falter"-Herausgeber und -Chefredakteur, nicht nur Journalist, sondern selbst auch Buchautor, stellte die Krise des öffentlichen Gesprächs" in den Mittelpunkt seiner Rede: "Wir alle meinen, uns in freier Rede äußern zu können, freier, als wir es je konnten. Das können wir auch. Zugleich verdrängen wir, dass wir dabei in einer noch nie da gewesenen Weise überwacht, instrumentalisiert und manipuliert werden."

Falter-Herausgeber kommentierte aktuelle Handke-Debatte

Menschen aller politischen Lager "lesen weniger das, was sie lesen, als vielmehr das, was sie nicht lesen", kritisierte Thurnher und führte als aktuelles Beispiel u.a. "die sogenannte Handke-Debatte" an, in der dem Nobelpreisträger "Zivilisationsverrat, Gutheißung von Völkermord, Rechtfertigung mörderischer Tyrannen, Verhöhnung der Opfer" vorgeworfen worden sei. "Oder, wie es ein programmatisch preisgekrönter, konkurrierender Literat ausdrückte, es ging um 'das, was Handke nicht geschrieben hat'", so Thurnher. "Mir scheint, Handke steht exemplarisch dafür, wie einem in der Öffentlichkeit mitgespielt wird, wenn man nicht mitspielt."

"Kann es nicht sein, dass Handkes Erregung und vielleicht auch die seiner Kritiker aus einer ganz anderen Quelle kommt? Dass Handke einen Zustand verteidigt, den er als antijournalistisch, vorjournalistisch, außerjournalistisch versteht? Eine Art, die Welt möglichst unvoreingenommen anzuschauen und diese Anschauung möglichst unverfälscht auszudrücken?", fragte der Eröffnungsredner. "Handkes dissidente Auffassung des Balkankriegs entwickelte sich wohl in der unheilvollen Mechanik öffentlicher Auseinandersetzungen mit seiner zu Recht kritisierten politischen Haltung. Auf die Rezeption des Abwurfs von Nato-Bomben als pazifistisch reagierte er mit der Verehrung faschistischer Mörder. Ich vermute, er meinte das weniger profaschistisch als vielmehr antijournalistisch." Die Berichterstattung über Handkes jüngsten Besuch in seinem Heimatort Griffen habe ihn beschämt: "Am Ende weidete sich die Welt am hilflosen Zorn des Autors. In einer Nachrichtensendung wurde er als lächerlicher, alter Grantler vorgeführt."

"Wir müssen streiten lernen"

Echte Auseinandersetzung finde nicht mehr statt. Einerseits werde immer schneller und immer gedankenloser reagiert, andererseits habe sich in Österreich nach 1945 "eine Streitvermeidungskultur etabliert. (...) Ja, wir müssen streiten lernen." Gegen Ende kam Thurnher auf die nächste Regierung zu sprechen. Diese müsste mindestens fünf Dinge tun: "Erstens müssen wir uns politisch entscheiden zwischen Autoritarismus und demokratischem Kapitalismus. Demokratisch kann dieser nur sein, wenn nicht die Konzerne ihn, sondern wenn er die Konzerne zähmt. Die größten Konzerne der Welt sind die Kommunikationskonzerne. Sie agieren geradezu exemplarisch außerhalb des Rechtsstaats." Zweitens müssten "demokratisch legitimierte Parteien sich auch demokratisch legitimer Kommunikationsformen bedienen". Drittens brauche es die Stärkung des öffentlich-rechtliches Prinzips, wozu eine Debatte darüber gehöre, "ob Social Media, die als Rahmen des gesellschaftlichen Gesprächs nicht in private Hand gehören, als daseinsvorsorgende Infrastruktur nicht besser öffentlich rechtlich organisiert wären". Viertens bedürfe es "einer fairen, sinnvollen Medienförderung", fünftens brauche es "eine nicht marktkonforme Schule".

Ein Loblied auf das Buch

Thurnher riet allen zu einem "Mindestmaß an Empathie", zu Respekt und Toleranz und "im digitalen Austausch" zu einem Verzögerungsmechanismus, "der unüberlegte Soforthandlungen unterbindet". Das Buch stehe "für Autonomie, für das Prinzip des informierten Gesprächs, für das Ertragen des anderen, ohne sich wegzuducken und ohne ihn zu unterdrücken. Es steht gegen Desinformation und für alles, was uns wichtig ist und wichtig sein sollte", schloss Armin Thurnher.

Highlights auf der Buch Wien

Auf die offizielle Eröffnung folgte ein Konzert der Band "Fuzzman & The Singin' Rebels", bei dem sich die Reihen der Zuseher merklich lichteten. Zu verlockend war es in dieser entstehenden Pause, etwa die Messestände aller namhaften Verlage, den Thalia-Verkaufsbereich sowie die Ausstellung "Die letzten Tage der Menschheit" der Künstlerin Deborah Sengl zu frequentieren, in welcher Szenen aus dem Werk von Karl Kraus unter Zuhilfenahme ausgestopfter weißer Ratten nachgestellt wurden.

Clemens J. Setz über Köhlmeier, "Bot" und ein "Audienzsystem"

Weiter ging es im kurzfristig geänderten Programm auf der ORF-Bühne unter Moderation von Florian Scheuba, der ebenfalls mit eigenem Buch ("Schrödingers Ente") auf der Buch Wien vertreten ist. Denn die krankheitsbedingten teils kurzfristigen Absagen nicht nur der österreichischen Erzähl-Legende Michael Köhlmeier, sondern auch von "Jedermann"-Schauspieler Tobias Moretti und dem jüngst gekrönten Träger des österreichischen Buchpreises Norbert Gstrein sorgten etwa für ein spontanes Einspringen von Autor und Übersetzer Clemens J. Setz, der unter anderem über seine Begeisterung für den abwesenden Köhlmeier sowie sein aktuelles Buch-Experiment "Bot" sprach, in dem er ein fiktives Interview mit sich selbst als Schriftsteller durch Auszüge aus seinen Tagebüchern bestritten hatte. Zudem erläuterte er das "Audienzsystem", das er bei Autoren wie Chuck Palahniuk ("Fight Club") sowie Davis Sedaris ("Naked") beobachtet hatte, die bei Lesungen grundsätzlich dramatische Geschichten aus dem Leben ihrer Leser anvertraut bekämen und diese "Lebensbeichten" teils in das eigene Werk einfließen ließen - womit Setz auch selbst Erfahrungen gemacht hätte.

Vea Kaiser: "Grande Dame" statt Fräuleinwunder

Gefolgt wurde dessen im Plauderton und von einer kurzen Lesung aus seinem neuen Erzählband "Der Trost runder Dinge" begleiteter Auftritt von Erfolgsautorin Vea Kaiser, die sich unter anderem in flammenden Worten über die ihr verhasste Bezeichnung "Fräuleinwunder der Literatur" ausließ und stattdessen für "künftige Grand Dame der Literatur" plädierte. Sie habe immer wieder die Erfahrung gemacht, als Autorin auf ihr Aussehen reduziert zu werden und sich mit Fragen konfrontiert zu sehen, die einem männlichen Autor nicht gestellt werden würden, und beanstandete dies vehement.

Kaiser plauderte aus dem Nähkästchen und berichtete von ihren teils leidvollen Lesereisen-Erfahrungen, ihrem Eheleben an der Seite eines "Spatzidoktors" und Leserbriefen, die es mit dem "Wahrheitsgehalt" ihrer Bücher allzu genau nähmen. Eine durch inbrünstig vorgebrachten Vortrag geprägte Lesung aus ihrem aktuellen Roman "Rückwärtswalzer" bildete den Abschluss ihres Auftritts. Beschlossen wurde die "Lange Nacht der Bücher" mit Auftritten von Veit Heinichen und Dirk Stermann, der über die Entstehung seines aktuellen Romans "Der Hammer" sprach und daraus las.

Buch Wien: Hunderte Lesungen noch bis Sonntag

Die Buch Wien kann noch bis Sonntag, 10. November 2019 besucht werden. Lesen und diskutieren werden hier insgesamt über 500 Autorinnen und Autoren. Mit regen Besucherzuströmen ist dabei zu rechnen - im Vorjahr verzeichnete die Buchmesse mit 51.000 Interessierten einen Rekordbesuch.

Nähere Informationen zur Buch Wien 2019 erhalten Sie hier.

(Red./ APA)

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