"Lange hätte Jürgen nicht mehr überlebt"

Hier im Nenzinger Himmel hatte Jürgen sich über Monate hinweg versteckt.
Hier im Nenzinger Himmel hatte Jürgen sich über Monate hinweg versteckt. ©VOL.AT/Mayer. handout privat
Seit Jänner fehlte von Jürgen aus Nenzing jede Spur. Nun wurde er gefunden. W&W sprach mit seinem Vater Franz.
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Von Anja Förtsch (WANN & WO)

„Es war knapp. Sehr knapp. Lange hätte Jürgen nicht mehr überleben können.“ Franz Grubers Stimme bricht im Gespräch mit WANN & WO immer wieder, er macht lange Pausen beim Sprechen. Gerade ist er aus dem Spital zurück, wo er seinen Jungen besucht hat. „Ich war ehrlich gesagt sehr nervös vor dem Besuch. Wie würde Jürgen reagieren, was sollte ich sagen? Aber in der Sekunde, als ich ins Zimmer bin, hat er vor Freude gestrahlt und wir haben zwei Stunden lang geredet.“ Darüber, wie es Jürgen in den rund vier Monaten, in denen er als vermisst galt, ergangen ist. Und darüber, wieso er überhaupt fortging.

Fall sorgte für Aufsehen

W&W hatte im Februar erstmals mit der Familie von Jürgen gesprochen und um Mithilfe in dem Fall gebeten. Als der 37-Jährige weiterhin verschwunden blieb, wandte sich auch sein Bruder Marcel im WANN & WO an die Öffentlichkeit. Doch noch immer kein Lebenszeichen. Mehrere Medien teilten den Suchaufruf. Mittlerweile ist klar, warum der 37-Jährige nicht auf die Aufrufe reagierte: Er sah sie schlicht nicht, während er um sein Überleben kämpfte.

Kampf ums Überleben

Im Jänner wuchsen Jürgen seine privaten Probleme über den Kopf. In einer Kurzschlussreaktion verließ er seine Wohnung und wanderte hinaus in die Natur – mitten im Winter, mitten in den Tiefschnee. „Er nahm nichts mit, trug nur eine dünne Jacke und nicht einmal richtige Winterschuhe.“ Keine Ausrüstung, um lange in der Natur zu überleben – und das hatte der 37-Jährige wohl auch nicht vor: „Im Krankenhaus hat mir Jürgen jetzt erzählt, dass er schon nach gut vier Wochen zurückkommen wollte“, schildert Vater Franz. „Aber er hatte einen schlimmen Unfall, bei dem er sich verletzte. So schwer, dass er die 16 Kilometer zu Fuß zurück unmöglich schaffte.“ Der Darstellung, dass sein Sohn aus Boshaftigkeit Ferienhäuser im Nenzinger Himmel aufgebrochen und nach Lebensmitteln gesucht habe, widerspricht er: „Es ging um sein Überleben, er war verletzt und kämpfte gegen das Verhungern. Jürgen ist von 90 auf 51 Kilo abgemagert, er ist nur noch Haut und Knochen. Als man ihn fand, hatte er nicht einmal die Kraft, aufzustehen“, erklärt der Vater. „Er hat sich sicher keine schöne Zeit in den Ferienhäusern gemacht.“

"Stehen hinter ihm"

Aber was auch immer noch an Nachspielen kommen mag, für Vater Franz ist klar, was das Wichtigste ist: „Jürgen lebt, er ist zurück bei uns und er wird wieder gesund. Das ist alles, was gerade zählt.“ Dennoch macht sich Jürgen selbst immense Vorwürfe, berichtet sein Vater. „Ihm tut das alles wahnsinnig leid und er befürchtet, dass jetzt viele Menschen wütend auf ihn sind – besonders wir, seine eigene Familie.“ Um ihm zu zeigen, dass das nicht der Fall ist, besuchen ihn jetzt alle im Krankenhaus. „Zuerst ich, dann seine Mama, dann seine Brüder. Eine Person pro Tag, Corona-Vorschrift. Uns ist wichtig, dass er sieht, das wir hinter ihm stehen – egal, was kommt“, bekräftigt Franz. „Wir sind einfach überglücklich, dass er wieder da ist. Und das soll er auch spüren.“

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