Immer mehr "Impfdrängler" werden bekannt

Immer mehr "Impfdrängler" werden bekannt.
Immer mehr "Impfdrängler" werden bekannt. ©APA/dpa/Sebastian Gollnow
Österreichs Bürgermeister und Politiker scheinen oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein - zumindest, wenn es um übriggebliebene Coronaimpfungen geht. Einzelne Bundesländer wollen nun gegen die Praxis vorgehen.
Kommentar: Impfstoffraub
Vorreihungen: Pro und Contra

Um die Corona-Impfung gibt es weiterhin ein Gedränge. Täglich gibt es neue Meldungen hauptsächlich über Politiker, die sich vorzeitig eine Dosis sichern. Meistens handelt es sich um Bürgermeister, die sich in ihrer Funktion als Eigentümervertreter von Seniorenheimen, wo als erstes geimpft wird, die Vakzine vor Ort holen. Das Land Vorarlberg führt nun sogar eigene "Impfaufpasser" ein, die jede Impfaktion in Seniorenheimen dokumentieren.

Im Ländle haben sich bereits vier Bürgermeister in Altenheimen vorzeitig impfen lassen. Neben Wolfgang Matt (Feldkirch) und Katharina Wöß-Krall (Rankweil) haben auch Nobert Greussing und Martin Vallaster, die Gemeindeoberhäupter von Bizau (Bregenzerwald) und Bartholomäberg (Montafon), eine Impfung erhalten. Entsprechende Recherchen der "Vorarlberger Nachrichten" wurden der APA aus dem Büro des Landeshauptmanns am Freitag bestätigt. Die Bürgermeister argumentieren alle sehr ähnlich: Sie hätten viel in den Altersheimen zu tun und sie hätten übrig gebliebene Impfungen bekommen, für die sich keine Impfwilligen gefunden hätten.

Vorarlberg will Impfungen dokumentieren lassen

Der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) bestätigt in den "VN", dass es Anzeichen gebe, wonach in den Heimen mehrere Personen geimpft worden sein sollen, die gemäß dem Impfplan noch nicht an der Reihe gewesen wären. Die "VN" berichteten diesbezüglich etwa von "mehreren prominenten Bürgern der Landeshauptstadt", die angeblich eine Immunisierung erhalten haben. Um solche Vorkommnisse in Zukunft ausschließen zu können, wird das Land künftige Impfaktionen in Heimen von Mitarbeitern dokumentieren lassen. Der Landeshauptmann will darüber hinaus, dass zunächst Personen in der Prioritätsgruppe I den Impfstoff erhalten, bevor Impfdrängler zum zweiten Mal geimpft werden.

Vorarlberg ist freilich nicht das einzige Bundesland, aus dem von Vordrängeln berichtet wird. Auch in Tirol, Kärnten, Oberösterreich, Niederösterreich und Wien sind in letzter Zeit Fälle aufgetreten, wonach übrig gebliebene Impfstoffe nicht an Heimbewohner, Gesundheitspersonal oder über 80-Jährige verabreicht wurden, sondern an Politiker, Gemeindebedienstete, Angehörige und andere.

Impfdrängler-Politiker entschuldigen sich

Der Kärntner SPÖ-Politiker Jakob Strauß, Zweiter Präsident des Landtags und Bürgermeister von Sittersdorf, entschuldigte sich zuletzt für seine vorzeitige Corona-Impfung in einem Völkermarkter Pflegeheim.

Und auch in Oberösterreich ist ein weiterer Fall von einem geimpften ÖVP-Bürgermeister bekannt geworden. Der Ortschef von Ottnang (Bezirk Vöcklabruck) Friedrich Neuhofer hat eine Spritze im Spital erhalten. Wie er auf Anfrage der APA klarstellen wollte, habe er sich nicht in seiner Funktion als Bürgermeister in einem Altersheim impfen oder vorreihen lassen. Vielmehr gelte er nach einem schweren Herzinfarkt als Hochrisikopatient. Daher habe er als karenzierter Pfleger bei seinem Arbeitgeber, dem Spital Vöcklabruck, angefragt, ob er sich immunisieren lassen könne. Nach einer positiven Antwort habe er das Angebot "hocherfreut" angenommen.

Das Thema betrifft aber nicht nur Bürgermeister. Auch Caritas-Direktor Michael Landau (60) und Oskar Deutsch (57), Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, sind schon geimpft. Deutsch hatte sich ebenfalls nachträglich entschuldigt. Landau dagegen argumentiert in der Tageszeitung "Österreich", dass die Impfung im Rahmen seiner Tätigkeit als Seelsorger, die er seit 25 Jahren in Pflegeheimen ausübe passiert sei.

Andere Promis sind in Wien vorerst nicht auffällig geworden. Allerdings gibt es auch in der Bundeshauptstadt bereits Fälle, die zumindest diskutiert werden. Am Freitag wurde etwa bekannt, dass ein Direktor eines Pflegeheims die erste Dosis erhalten hat - noch bevor überhaupt jemand von den Bewohnern geimpft wurde. In einer weiteren Pflegeeinrichtung sollen nicht nur Bewohner und Mitarbeiter, sondern auch der 20-jährige Sohn der Pflegedirektorin bedacht worden sein. Dieser, so hieß es später, habe an einer Krebserkrankung gelitten.

Alte Nonnen und Pater in Wien geimpft

In einem Seniorenheim in Floridsdrof sollen Anstaltsfremde, darunter ältere Nonnen und ein Pater aus einer benachbarten Kirche, aber auch der Ehemann der Pflegeleiterin und eine junge Praktikantin übrig gebliebene Dosen injiziert bekommen haben. In diesem Fall war laut Krisenstab die Vorgangsweise legal gewesen sei, da es wichtig sei, keinen Impfstoff zu vergeuden, wie es hieß. In Zukunft soll die Verabreichung von bei Coronavirus-Impfaktionen übrig geblieben Dosen aber genau geregelt werden. Dazu wird eine eigene Warteliste erstellt.

IIn Niederösterreich sind bis Freitagvormittag in Bezug auf die Impfung gegen das Coronavirus keine weiteren "Vordrängler" aufgetaucht. Bereits Anfang der Woche war der Fall des Bürgermeisters von Pottendorf (Bezirk Baden), Thomas Sabbata-Valteiner (SPÖ), bekannt geworden. Er hatte sich im örtlichen Pflege- und Betreuungszentrum immunisieren lassen.

Schwechater Bürgermeisterin erhielt Corona-Impfung

Bereits geimpft ist auch Karin Baier (SPÖ), Bürgermeisterin von Schwechat. Sie erhielt ebenfalls in einem Seniorenheim die Injektion. Dort seien zahlreiche Dosen übrig geblieben, weshalb Angehörige und Risikopatienten kontaktiert worden wären. Zur zweiten Kategorie zählt Baier - aufgrund einer seit vielen Jahren vorliegenden chronischen Erkrankung.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat in der "ZiB2" Donnerstagabend klargestellt, dass Bürgermeister Kraft ihrer Funktion nicht zur Prioritätsgruppe I gehören. Einen Anspruch auf die Impfung hätte diesen nur, wenn sie beispielsweise regelmäßig als Freiwillige in den Pflegeheimen tätig wären.

Keine weiteren "Vordrängler" in Niederösterreich

In Niederösterreich sind bis Freitagvormittag in Bezug auf die Impfung gegen das Coronavirus keine weiteren "Vordrängler" aufgetaucht. Bereits Anfang der Woche war der Fall des Bürgermeisters von Pottendorf (Bezirk Baden), Thomas Sabbata-Valteiner (SPÖ), bekannt geworden. Er hatte sich im örtlichen Pflege- und Betreuungszentrum immunisieren lassen.

Die Vorgehensweise bei übrig gebliebenen Vakzinen wurde von Notruf NÖ genauer skizziert. Herangezogen werden sollen in so einem Fall regionale Ersatzlisten. Verimpft werden müsse alles, allerdings sei nach der Priorisierung des Nationalen Impfgremiums vorzugehen. Risikopatienten oder Mitarbeiter des Rettungsdienstes seien hier vorzuziehen.

Vorschlag von FPÖ und NEOS

FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl forderte indes die Spitzenpolitiker aller Parteien auf, bekannt zu geben, ob sie schon geimpft sind oder nicht. Diese Forderung umfasst den Bundespräsidenten, sämtliche Regierungsmitglieder, die Nationalratspräsidenten, die Klubobleute der Parlamentsparteien und der Landtagsklubs und die Landeshauptleute. "Täglich werden neue Impfskandale bekannt, bei denen die vorgesehene Impfreihenfolge nicht eingehalten wurde; daher ist es nur recht und billig, wenn Spitzenpolitiker ihre Verantwortung wahrnehmen und offen und ehrlich zugeben, ob sie sich Impfprivilegien erschlichen haben", begründete Kickl seine Forderung.

Die NEOS verlangten wiederum das Einschreiten der Volksanwaltschaft. Minister Anschober schaffe es nicht für Klarheit zu sorgen, während Betroffene auf Impfungen warten. "Hier muss sofort die Notbremse gezogen werden - und beim Impfen umgekehrt endlich der Turbo eingeschaltet werden. Es darf nicht sein, dass manche es sich richten können, nur weil sie Einfluss haben. Wir verlangen, dass die Volksanwaltschaft prüft", sagt NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker in einer Aussendung.

(APA/red)

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