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Germanistik-Institutsleiterin: "Schüler, die gar kein Deutsch sprechen, gibt es nicht"

Die Germanistik-Leiterin plädiert für zusätzliche Deutschförderung statt Extraklassen
Die Germanistik-Leiterin plädiert für zusätzliche Deutschförderung statt Extraklassen ©APA/GEORG HOCHMUTH (Sujet)
Inci Dirim, die seit Kurzem das Institut für Germanistik der Universität Wien leitet, hat in einem Interview über das Deutschlernen bei Kindern, die Auswirkungen der Umgangssprache und das heimische Bildungssystem gesprochen.
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25 Prozent der Schüler in Österreich sprechen eine andere Umgangssprache als Deutsch, in Wien sind es 50 Prozent. Das sage aber nichts darüber aus, wie gut diese Kinder Deutsch sprechen, betont Germanistik-Insitutsleiterin Inci Dirim von der Uni Wien im APA-Gespräch.

Nicht-deutsche Umgangsprache bedeutet weniger guten Bildungsabschluss

"Schüler, die gar kein Deutsch sprechen, gibt es nicht - außer sie sind gerade neu hergekommen." Allerdings hätten Schüler mit nicht-deutscher Umgangssprache in Österreich geringere Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss.

Das Bildungssystem sei also bisher nicht in der Lage, sprachliche Ungleichheiten auszugleichen, betont Dirim, die seit Kurzem das Institut für Germanistik der Universität Wien leitet. Heute, Dienstag, hält sie bei einer Online-Veranstaltung der Universität Wien einen Vortrag über "Schlechterstellung von Schüler*innen mit Migrationshintergrund im österreichischen Bildungssystem?", in dem es auch um die Verschärfung der Situation durch die Coronakrise gehen wird.

Germanistik-Leiterin: Drei Faktoren, die Bildungskarriere beeinflussen

In Österreich gebe es nach Erkenntnissen der Bildungsforschung drei Faktoren, die die Bildungskarriere beeinflussen, sagt Dirim: Sprache, soziale Herkunft und - zu einem geringeren Teil - das Geschlecht. Konkrete Auswirkungen davon: Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gehen in Österreich seltener an AHS und öfter an Mittel- und Sonderschulen als Schüler, die keine Wurzeln im Ausland haben. Gleichzeitig gibt es unter den männlichen Schülern mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch deutlich mehr Schulabbrecher.

Neben institutioneller Diskriminierung, die in Österreich bisher kaum beforscht sei, sieht Dirim zwei mögliche Gründe für diese Schlechterstellung von Schülern mit Migrationshintergrund: nicht ausreichende Deutschförderung und nicht ausreichender Ausgleich von ökonomischen Voraussetzungen durch das Bildungssystem. Gelingende Deutschförderung müsse dabei längerfristig gedacht werden, fordert Dirim. "Das ist ein Prozess, der mit ein, zwei Jahren nicht erledigt ist."

Umgang mit Schülern mit Förderbedarf

In Österreich werden Schüler mit Förderbedarf in Deutsch seit 2018/19 für 15 bzw. 20 Stunden pro Woche aus ihrer Stammklasse genommen und in separaten Deutschförderklassen unterrichtet. Dieses Konzept könne - eine gute didaktische und methodische Ausbildung der Lehrkräfte vorausgesetzt - möglicherweise funktionieren, so Dirim. Die Frage sei allerdings, wie gut die dort erlernten Deutschkenntnisse auch auf andere Unterrichtsfächer vorbereiten. "Da kommen diese segregierten Klassen ganz stark an ihre Grenze, denn wir wissen aus der Forschung, dass die Sprachförderung zum Teil auch in die Fächer integriert werden muss." Dazu komme, dass beim Modell der Deutschförderklassen die Schüler für einen guten Teil der Unterrichtszeit abgesondert werden und kaum eine Klassengemeinschaft entstehen könne. In einem Land, in dem sehr viel Segregation stattfinde, sei damit die Gefahr verbunden, dass die Schüler noch weiter ausgegrenzt werden.

Dirim über beste Lösung nach aktuellem Forschungsstand

Die beste Lösung wäre nach der aktuellen Forschungslage laut Dirim eine Kombination aus integrativer Sprachförderung, bei der Schüler mit nicht-deutscher Umgangssprache während des normalen Fachunterrichts von einem zweiten Lehrer mitbetreut werden, und zusätzliche Deutschförderstunden nach dem Unterricht. Diese zusätzliche Zeit sei auch deshalb so wichtig, weil dort Fragen zur Sprache - etwa Grammatikregeln etc. - gestellt werden können und weil die Schüler dort einen Raum haben, wo sie ohne Konkurrenz etwa Sprachformulierungen ausprobieren können.

Hamburger Konzept zu Bildungssprache Deutsch denkbar

Eine Alternative wäre noch das in Hamburg entwickelte Konzept der durchgängigen Sprachbildung, bei dem alle Fächer bei der Vermittlung der Bildungssprache Deutsch kooperieren. In Österreich wäre das allerdings nicht so einfach, weil hier der Unterricht oft bzw. teilweise sogar durchgängig im Dialekt stattfinde. Was das für die Deutschförderung bedeute, sei bisher noch nicht gut erforscht. Mehrere kleine Studien unter Studierenden würden allerdings die Vermutung nahelegen, dass der Dialekt eine zusätzliche Erschwernis für das Deutschlernen darstellt. Sie sei keinesfalls gegen die Verwendung des Dialekts, betont Dirim. "Aber er muss den Schülerinnen und Schülern zugänglich gemacht werden."

(APA/Red)

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