Filzmaier: Pandemie machte Österreicher zu "Hobby-Virologen"

Die Covid-19-Pandemie hat laut Peter Filzmaier die Österreicher zu "Hobby-Virologen" gemacht.
Die Covid-19-Pandemie hat laut Peter Filzmaier die Österreicher zu "Hobby-Virologen" gemacht. ©APA/HANS PUNZ (Symbolbild)
Die Covid-19-Pandemie hat dem Wiener Politikwissenschafter Peter Filzmaier zufolge die Österreicher zu "Hobby-Virologen" gemacht.

In der Aufklärungsarbeit der offiziellen Stellen gab es zahlreiche Fehler, erklärte Filzmaier in einer Online-Fortbildungsveranstaltung für Ärzte.

Corona brachte Veränderung

Keine Frage für den Politikwissenschafter, "Corona" hat die Einstellungen der meisten Menschen verändert. "Ich verstehe nichts von Medizin. Ich betätige mich nicht als Hobby-Virologe oder Hobby-Infektiologe. Davon haben wir wahrlich genug. Sämtliche Möchtegern-Fußballtrainer von früher scheinen auf Hobby-Virologe oder Hobby-Infektiologe umgesattelt zu haben", sagte Filzmaier bei der Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (OEGIT).

Bei somit mittlerweile sprichwörtlich an die neun Millionen "Experten" scheint jedenfalls eine Mischung zwischen Wahrheiten, Halbwahrheiten und Fake News charakteristisch für die öffentliche Debatte zu sein. Die Politik hätte es durchaus schwer, habe aber in Österreich erhebliche Fehler in der Kommunikation gemacht, betonte Filzmaier: "Es geht um Evidenz-basierte Politik. Am 5. November hat der Vorsitzende der Landeshauptleutekonferenz, Günther Platter, gesagt 'Wir wollen keinen Fleckerlteppich'. Am 12. Dezember endete der Lockdown - und jedes (Bundes-)Land hatte verschiedene Regeln. Und das (Bundes-)Land mit den höchsten Inzidenzen, Vorarlberg, hat am schnellsten und am meisten gelockert. Wien mit den geringsten Inzidenzen hat am wenigsten und am langsamsten gelockert. Wie soll man das kommunizieren?"

Weniger Vertrauen in Regierung

Die Politik hätte laut Experten der Wiener Universität mit ihrem Austrian Corona Project Panel durch wiederholte Umfragen eines gleich bleibenden Bevölkerungsamples enorm an Vertrauen eingebüßt. Filzmaier: "Während am Beginn der Pandemie drei Viertel der Bevölkerung von der Richtigkeit, Angemessenheit und Effizienz der Maßnahmen der Regierung überzeugt waren, sind es jetzt noch 25 Prozent, bei manchen Fragestellungen deutlich weniger." Der Verlust an Vertrauen in die Bundesregierung sei dramatisch. "Das erklärt zum Teil, dass kein Verschwörungsmythos zu blöd ist, dass er nicht geglaubt wird."

Unter diesen Umständen sei es für die Politik sehr schwer, die Einhaltung von Maßnahmen wie Abstandhalten, Kontakte zu reduzieren und die Notwendigkeit der Impfungen durchzubringen. Hier sollte mit den Politikern "eine Berufsgruppe überzeugen, die die schlechtesten Vertrauensdaten von fast allen Berufsgruppen hat. Schlechtere Vertrauensdaten haben nur noch das älteste Gewerbe der Welt, damit meine ich die Zuhälter, und die Waffenhändler", sagte Filzmaier. Krisenkommunikation sollte Vertrauensverlust und unter anderem irrationalem Verhalten vorbeugen. Stattdessen habe man in Österreich "Coronapartys, wo sich Menschen getroffen haben, um sich anzustecken. Wir haben explizit Maßnahmenverweigerung."

Was Politik verabsäumt hat

Einerseits habe die österreichische Politik es verabsäumt, über Multiplikatoren in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten ihre Botschaften rund um SARS-CoV-2 anzubringen, andererseits habe sie zu sehr auf klassische Medien gesetzt und die sozialen Medien unberücksichtigt gelassen. Auch Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) habe da eine Rolle gespielt: "Der zweite Fehler: Jeder wird jemand kennen, der an Corona gestorben ist."

Die Prognose von womöglich 100.000 Todesopfern durch Covid-19 sei faktisch und in ihrer Auswirkung falsch in mehrfacher Hinsicht gewesen, genauso die Aussage zum falschen Zeitpunkt, wonach die Pandemie bereits überwunden worden sei. In Krisen würde sich die Bevölkerung - egal ob in Demokratien oder in Diktaturen - "um den Fahnenträger" sammeln. "Dieser Effekt ist aber nicht nachhaltig", sagte der Politikwissenschafter. Sein Fazit: Angstmachen wirke schlechter als sachliche Information, konsistente Aussagen und nicht das Übernehmen inadäquater Rollen würden eher Vertrauen schaffen. "Warum sollte ich einem Bundeskanzler etwa Medizinisches glauben?", meinte der Politologe.

Kommunikation: Was laut Filzmaier im Pandemie-Krisenfall gefragt ist

Transparenz bei der Darstellung der Situation und in der Entscheidungsfindung sei im Pandemie-Krisenfall für die Kommunikation gefragt, betonte der Experte. Beratergremien sollten auch konsistent und personell möglichst stabil gehalten werden. "Das hat nicht funktioniert", sagte Filzmaier. Einander widersprechende Pressekonferenzen, zum Teil sogar zeitlich parallel, seien eindeutig kontraproduktiv.

Jedenfalls müsse man vorsichtig vorgehen, wenn es beispielsweise um das Umstimmen von Skeptikern für die Impfung gehe. Filzmaier: "Sie müssen Menschen, von denen Sie eine Meinungsänderung erwarten, immer einen Ausweg bieten." Niemand werde sagen: "Bisher war ich der größte Trottel und unsozial - und jetzt bin ich erleuchtet." Hier müsse man ohne Arroganz Möglichkeiten zum Wahren des Gesichtes schaffen. Politiker seien darauf getrimmt, sich fast ausschließlich auf jene Menschen zu konzentrieren, die zumindest eventuell noch für die nächsten Wahlen zu gewinnen seien. "In der Pandemie stehen wir aber vor der Herausforderung, mit jenen zu kommunizieren, die uns nicht mögen und uns nicht glauben."

(APA/Red)

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