Fesselmord in der Innenstadt: Plädoyers beendet, Beratung begonnen

Beim Prozess um den Fesselmord in der Innenstadt
Beim Prozess um den Fesselmord in der Innenstadt ©APA
Das Urteil im Prozess um den Angeklagten Lotfi D., jenen 27-jährige Mann, der beschuldigt wird, den Fesselmord an der 48-Jährigen Elisabeth W. begangen zu haben, soll doch noch am Donnerstag verkündet werden. Die Beweislage gegen den Angeklagten verdichtete sich, D. beteuerte jedoch bis zuletzt seine Unschuld.
Urteil verzögert sich
Angeklagter massiv belastet
"Ausgehungert nach Liebe"
Lotfi D. über die Mordnacht
Auftakt zum Prozess
Mordanklage gegen Liebhaber

Mit zwei emotionsgeladenen Schlussplädoyers endete am Donnerstagnachmittag die langwierige Verhandlung im Fesselmord-Fall Elisabeth W. Anschließend zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. In ihren Reden lieferten Verteidigung und Anklage jeweils Versionen ab, warum der 27-jährige Tunesier der logische bzw. nie und nimmer der Täter sein könne.

Prozessverlauf am Donnerstag

Am aller Voraussicht letzten Verhandlungstag waren Gerichtsmediziner, DNA-Experten und Psychiater am Wort gewesen. Sie präsentierten in ihren Gutachten durchwegs Erkenntnisse, die den Beschuldigten kaum bis überhaupt nicht entlasteten. Dem Tunesier wurde ein “verminderter Offenheitswert”, eine “sehr positive Selbstbeschreibung”, “Desinteresse an zwischenmenschlichen Beziehungen” sowie eine Persönlichkeitsstörung mit Hang zu Narzissmus attestiert. Zum möglichen Tatzeitpunkt war der 27-Jährige jedenfalls zurechnungsfähig.

Zwischenzeitlich brachte der Anwalt des 27-jährigen Angeklagten, Farit Rifaat, Beweisanträge zur Vorladung von mehr als einem Dutzend weiterer Zeugen ein. Darunter waren Freunde des Opfers sowie des Angeklagten, mögliche Ohrenzeugen einer Auseinandersetzung und auch Beamte, die am Tatort für die Sicherung der Spuren zuständig waren. Doch Richterin Bettina Körber schmetterte alle Anträge mangels Relevanz ab.

“Ich habe es nicht getan”

Er selbst fasste sich kurz und blieb bei seiner ursprünglichen Aussage: “Ich habe es nicht getan.” “Ich halte mich an die Worte der Mutter des Opfers: Der Angeklagte ist grausam und böse. Und er ist der Täter, weil kein anderer in der Wohnung war”, so der Staatsanwalt. Lotfi D. habe ein “typisches Nachtäterverhalten” an den Tag gelegt, außerdem sei das Spurenbild in der Wohnung von Elisabeth W. sowie auf ihrer Leiche “sehr klar”.

Die 48-Jährige habe “ein Martyrium erlitten” und einen “verdammt langen Todeskampf” zu ertragen gehabt. Im übrigen habe man sowohl an den Fesselungswerkzeugen, auf den Schmuckschatullen als auch am Gürtel DNA des Angeklagten gefunden.

Die brutale Tat in der Innenstadt

Laut Gerichtsmediziner, der am Donnerstag ebenfalls zu Wort kam, wurde Elisabeth W. nicht nur brutal erdrosselt, sondern auch gefesselt, geknebelt und geschlagen. Die Leiche der 48-Jährigen war im September 2011 am Bauch liegend in ihrer Innenstadt-Wohnung gefunden. Abwehrspuren wurden keine gefunden. Darüber hinaus fehlten zahlreiche Schmuckstücke mit einem geschätzten Wert von rund 250.000 Euro.

Der DNA-Analyse zufolge wurden in der Wohnung des Opfers viele sogenannte Mischspuren gefunden sowie zahlreiche Spuren von Elisabeth W. und Lotfi D. Von letzterem auch auf jenem Gürtel, mit dem die 48-Jährige erdrosselt wurde. “Es ist extrem unwahrscheinlich, dass jemand, der mit einem Gürtel jemanden erdrosselt, keine Spuren hinterlässt”, so die DNA-Spezialistin.

Details zum Fall Elisabeth W.

Lotfi D. wird beschuldigt, in der Nacht auf den 15. September 2011 Elisabeth W. in deren Wohnung ermordet und beraubt zu haben. Der gebürtige Tunesier hatte die Frau sechs Tage zuvor in der Diskothek “Take Five” kennengelernt. Zwei Tage später trafen sich die beiden zum Essen, W. nahm den damals 26-Jährigen zu sich in die Wohnung, es kam zum Geschlechtsverkehr.

Über Geld oder Geschenke sei dabei nie gesprochen worden, beteuerte der Tunesier. In der Tatnacht habe er Elisabeth W. um 4.00 Uhr verlassen, habe auf einer Bank zwei Stunden über das Leben nachgedacht und sei dann zu Freunden gefahren. Diesen zufolge hat D. dort allerdings damit geprotzt, eine Frau, die er unlängst kennengelernt und mit der er Sex gehabt hatte, bestohlen hat. Dabei soll er mehrere Schmuckstücke vorgezeigt haben. Lotfi D. blieb dennoch bis zuletzt überzeugt: “Ich bin unschuldig.”

Ungereimtheiten um Gürtel, mit dem Fesselmord geschah

Geht es nach Verteidiger Farid Rifaat, so liefert der Gürtel den Beweis für die Schuldlosigkeit von Lotfi D. Man habe nämlich lediglich an zwei Stellen DNA-Abriebe durchgeführt – viel zu wenig, um ausschließen zu können, dass nicht möglicherweise eine weitere Person den Gürtel angegriffen hat.

Was den Anwalt zusätzlich stutzig machte: “Die Sissi hatte zum Todeszeitpunkt nur 0,35 Promille Alkohol im Blut. Wenn die beiden aber mehrere Stunden durchgesoffen haben, dann geht sich das doch hinten und vorne nicht aus.” Rifaat ist der Überzeugung, dass Elisabeth W. von “mindestens zwei Tätern” umgebracht worden ist – und zwar aus Eifersucht, weil sie sich mit dem jungen Tunesier eingelassen hatte.

Nun wird über das Urteil im Fesselmord-Fall beraten, das noch am Donnerstag feststehen soll.

(apa/red)

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