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Experte warnt: Corona-Lage könnte sich ähnlich wie 2020 entwickeln

Die Corona-Lage könnte sich wie 2020 entwickeln.
Die Corona-Lage könnte sich wie 2020 entwickeln. ©APA/HELMUT FOHRINGER
Simulationsforscher Martin Bicher warnt davor, dass sich die aktuelle Lage ähnlich wie 2020 entwickeln könnte. Außerdem befürchtet er ein Übergreifen der Infektionen auf vulnerable Altersgruppen.

Während das Covid-Prognosekonsortium rasch steigende Infektionszahlen für Österreich vorhersagt, stagnieren indes annähernd die Erstimpfungen - eine ausreichende Durchimpfungsrate scheint in weiter Ferne. Laut AGES-Zahlen gab es zuletzt zwar die meisten Neuansteckungen in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren, doch Simulationsforscher Martin Bicher von der TU Wien warnt vor dem "Überschwappen" auf vulnerable Altersgruppen und erinnert an die Entwicklung im Vorjahr.

Übergreifen der Infektionen auf vulnerable Altersgruppen befürchtet

Aktuell habe die vulnerable Bevölkerungsgruppe im Alter von 60 Jahren und darüber noch weniger als zehn Prozent Anteil am Fallgeschehen und eine kaum sichtbar wachsende Dynamik, führt der Experte von der Technischen Universität gegenüber der APA aus. "Die Erfahrungen zeigen, dass die Infektionsdynamik schnell auch im Laufe einer Infektionswelle in andere Altersgruppen überschwappen kann", ab wann mit einer kritischen Belastung der Intensivstationen (Intensive Care Unit - ICU) und insgesamt der Krankenhausbetten zu rechnen sei, wäre aktuell wegen der starken Abhängigkeit von der Altersstruktur der Fälle schwer absehbar. "Wir rechnen zwar damit, dass dieses Überschwappen durch die Impfquoten in den vulnerablen Altersgruppen langsamer vonstattengehen wird, passieren wird es aber wohl", lautet die Annahme von Bicher.

Er verweist dabei auf die aktuellen Intensivbelagszahlen aus Großbritannien, die inzwischen mit leichter Verzögerung langsam steigen. Würde dies auch in Österreich erfolgen, so habe sich im Vergleich mit dem Vorjahr "eigentlich nichts an den Kapazitätslimits geändert", und da wurde es mit rund 2.000 bis 4.000 täglichen bestätigten Neuinfektionen "langsam enger", und bei spätestens 7.000 ging es in die Nähe der Auslastungsgrenze. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) äußerte am gestrigen Donnerstag erneut die Meinung, dass nicht die Inzidenzen, sondern die Hospitalisierungszahlen entscheidend seien. Hierzu weist der Simulationsforscher darauf hin, dass sowohl Belags- wie im weiteren Verlauf auch die Todeszahlen immer erst mit einem starken Zeitverzug zu den Inzidenzen gestiegen sind, "darum ist neben dem Monitoring der Belagszahlen natürlich auch jenes der Inzidenzen entscheidend".

Vor einem Monat war Fallgeschehen in England noch ruhig

Dem Vergleich mit der gegenwärtigen Lage im Vereinigten Königreich mit jener Ende Dezember des Vorjahres - zu beiden Zeitpunkten belief sich die Sieben-Tages-Inzidenz bei rund 500, doch aktuell werden zwanzigmal weniger Tote in Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung vermeldet - hält Bicher entgegen, dass im Vorjahr die Infektionswelle bereits einige Monate voll am Laufen war, "die erste kleine Welle hatte man sogar schon bewältigt. "Im Dezember verstarben nun diejenigen an Covid-19, die sich im November infiziert hatten und teilweise lang auf der ICU lagen - und davon gab es viele", argumentierte er. Die jetzige Situation sei hier jetzt aber grundlegend anders, denn vor etwa einem Monat war das Fallgeschehen in UK noch sehr ruhig.

Trotz geringerer Inzidenz wäre seiner Meinung nach ein Vergleich mit Mitte Oktober besser, da auch hier das Infektionsgeschehen dort einen ähnlich schnellen und starken Anstieg genommen hatte, wie es aktuell der Fall ist. "Der dennoch bestehende Unterschied der, umgerechnet auf die aktuelle Inzidenz, etwa drei bis viermal geringeren Todeszahl, dürfte an der Altersstruktur der Fälle und der durch natürliche Immunisierung und Corona-Impfung wachsenden Immunität gegen schwere Erkrankungen liegen", auch ein mittlerweile verbessertes Testsystem in Großbritannien könnte eine Rolle spielen - insgesamt sei ein Vergleich jedoch nicht angebracht, da hier zu viele Mutmaßungen ins Spiel kämen.

43,4 Prozent der Österreich sind voll immunisiert

Aktuell liegt Österreich bei der Quote der Gesamtimmunisierten knapp über dem EU-Schnitt, und erst 43,4 Prozent der Österreicher sind voll immunisiert, inzwischen stagnieren die Erstimpfungen jedoch. Erst eine Durchimpfungsrate von etwa 70 bis 85 Prozent werde in etwa ausreichen, um das Virus hinreichend einzudämmen, hob Bicher unter Hinweis auf das "Policy Briefing" des Prognosekonsortiums hervor.

"Vollständig überholt" habe sich in Anbetracht der Delta-Variante der alte Ansatz, dass 66 Prozent reichen würden, hält Bicher fest. "Durch die Varianten ist auch die Basisreproduktionszahl gestiegen. Sie dürfte aktuell wohl in der Nähe von sechs liegen". Des Weiteren gehe es nie nur um Geimpfte, sondern stets um Immunisierte, und "ob diese Immunität nun durch Impfung oder Vorerkrankung erworben wurde, spielt hierbei keine Rolle". In diesem Licht, würde eine Impfrate von 70 bis 80 Prozent wohl auch nicht ausreichen um eine Welle zu verhindern, "aber sie wird voraussichtlich dazu beitragen, dass sie klein genug bleibt, um ohne Maßnahmen das Überlasten des Systems zu verhindern".

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(APA/Red)

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