Experte: Sitzenbleiben für alle "schlechteste Lösung"

Es ist bereits das zweite Schuljahr, das von der Pandemie betroffen ist.
Es ist bereits das zweite Schuljahr, das von der Pandemie betroffen ist. ©APA/HARALD SCHNEIDER
Eine Wiederholung des Schuljahres für alle ist laut OECD-Experte Schleicher die "schlechteste Lösung". Alle durchwinken führe umgekehrt zu "Stigmatisierung" am Arbeitsmarkt.
Schüler lernten während Schulschließung nichts

Für differenzierte Maßnahmen beim Umgang mit Lernrückständen bei Schülern aufgrund der coronabedingten Schulschließungen plädiert der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Alle Schüler einfach das Schuljahr wiederholen zu lassen bezeichnete er bei einem Webinar am Mittwoch als "allerschlechteste Lösung". Umgekehrt bringe es auch nichts, alle einfach durchzuwinken. Das könne zu einer Stigmatisierung am Arbeitsmarkt führen.

Lernrückstände über mehrere Jahre aufholen

Die im vergangenen Jahr entstandenen Lernrückgänge würden sich nicht in nur einem Jahr wieder aufholen lassen, meinte Schleicher. "Das muss über mehrere Jahre gehen." Dafür brauche es zusätzliche Lernangebote mit stärkerer individueller Förderung, den Pädagogen müssten zusätzliche Ressourcen angeboten werden. "Das ist auch billiger als alle wiederholen zu lassen."

Darüber hinaus müsse man sich auch überlegen, was man denn genau unterrichte, so Schleicher. Gerade in der Pandemie habe sich gezeigt, dass die Förderung von selbstständigem Lernen von überragender Bedeutung sei. Ziel dürfe es nicht sein, Kinder wie "zweitklassige Roboter zu unterrichten, die das wiedergeben, was wir ihnen vorgegeben haben". Die durch die Pandemie vorangetriebene Digitalisierung könne dabei enorm helfen.

Nicht alle durchwinken

Für falsch hält Schleicher auch die Vorgangsweise mancher Staaten wie Spanien, alle Schüler einfach durchzuwinken. Das habe etwa zu einem sprunghaften Anstieg der Abschlussraten geführt. Ähnliches war auch in Frankreich zu beobachten, wo man bei der Benotung der Abschlussklassen auf den standardisierten Teil verzichtet hatte.

Unterschiede in den einzelnen untersuchten OECD-Staaten gibt es bei der Impfstrategie: Rund zwei Drittel priorisieren bei den Impfungen die Lehrkräfte wie etwa auch Österreich - ganz normal beim Impfen anstellen müssen sich die Pädagogen dagegen in Ländern wie der Schweiz, Belgien, England, Frankreich oder in Skandinavien.

Präsenzunterricht in Volksschulen wichtig

Etwas aus der Reihe tanzt Österreich beim Umgangs mit Volksschulen: Eine der wichtigsten Lektionen, die die meisten Staaten in der Pandemie gelernt hätten, sei gewesen, dass "digitale Alternativen an den Grundschulen kaum funktionieren", so Schleicher. Deshalb seien in vielen Staaten Grundschulen offen geblieben, obwohl weiterführende Schulen geschlossen worden seien. In Österreich dagegen wurden die Volksschulen bei den Schließungen stets wie die AHS-Unterstufen und Mittelschulen behandelt (allerdings dürfen sie - wenn sie offen sind - täglichen Präsenzunterricht statt Schichtbetrieb anbieten, Anm.).

Kaum ein Land hat auf die Pandemie mit einer Verlängerung des Schuljahrs reagiert: In der OECD taten dies nur Portugal und Brasilien.

Einkommensschwache Familien betroffen

Generell müssten sich die Staaten Gedanken machen, wie man mit jenen Schülern umgehen soll, die von der Pandemie am stärksten getroffen wurden, meinte Schleicher. Im Regelfall seien dies Kinder aus den sozial schwächsten Schichten. Dabei gehe es nicht nur um die Ausstattung mit Endgeräten: So zeigen etwa Daten aus den USA über die Nutzung einer Online-Matheplattform, dass es dort vor der Pandemie kaum Unterschiede bei der Inanspruchnahme zwischen den einzelnen Schichten gab. Unmittelbar nach den Schulschließungen sackte die Nutzung dann in allen Gruppen ab - etwas später waren dann aber die Kinder aus der einkommensstärksten Schicht wieder fast vollzählig zurück, während beim Rest die Inanspruchnahme je nach sozialem Status hinterherhinkte.

(APA/red)

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