Dritte Welle

©APA/AFP/ALEX HALADA
Gastkommentar von Johannes Huber. Österreich hat erschreckend wenig gelernt in den vergangenen elf Monaten. Das macht die Corona-Mutationen noch viel gefährlicher.

Seit März befindet sich Österreich mit vielen anderen Nachbarländern voll in der Coronakrise. Anfangs glaubte man, gut durchzukommen, wie etwa Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) immer wieder betonte. Im Nachhinein betrachtet könnten jedoch zwei Dinge entscheidend gewesen sein dafür: Disziplin im Rahmen des ersten Lockdowns; und sehr viel Glück. Mittlerweile ist beides dahin.

Einige Nachbarländer sind bisher jedenfalls besser durch die zweite Welle gekommen: Italien beispielsweise. Oder Deutschland, das gemessen an der Bevölkerung weniger Infektionen verzeichnet. Die Schweiz hat es ähnlich hart getroffen, sie aber beweist, dass man klüger werden kann.

Sehr früh haben die Eidgenossen Mutationen festgestellt, die erstmals in Großbritannien und Südafrika nachgewiesen worden sind und die ansteckender und daher auch wesentlich gefährlicher sind. Schärfere Beschränkungen, die zumindest bis Ende Februar andauern sollen, waren die Folge. Gesundheitsminister Alain Berset begründete sie mit Weitsicht: Der 48-Jährige wies darauf hin, dass man bei der Bekämpfung der Pandemie bisher immer nur zu spät reagieren konnte. Bis jemand merkt, dass er infiziert ist, hat er unter Umständen schon viele andere angesteckt. Bis die exponentielle Ausbreitung der Infektionen auffällt, ist es schon so weit, dass Spitäler in weiterer Folge an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen, viele Menschen sterben und es lange dauern wird, bis sich die Lage wieder entspannt. Jetzt aber, so Berset, weiß man im Voraus, dass aufgrund der Mutationen eine dritte Welle zu befürchten ist und man daher schon vorsorglich mit einem Lockdown versuchen kann, sie zumindest zu begrenzen.

Österreich bringt das nicht zusammen. Zunächst einmal werden Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen, dass keine Lockerung, sondern eine Verlängerung oder gar Verschärfung des bisherigen Lockdowns nötig wäre. Das Problem ist jedoch, dass die Beschränkungen schon so lange dauern, dass sie für zu viele Menschen nicht mehr auszuhalten und etwa Schülern gegenüber auch nicht mehr zumutbar sind. Also nehmen auch die sogenannten Disziplinlosigkeiten zu, sodass die Maßnahmen immer weniger bringen – oder überhaupt nur noch Widerstände hervorrufen.

Das ist das eine. Das andere: Wenn man aus Tirol von einer Expertin wie der Virologin Dorothee von Laer hört, dass man die Landesgrenzen aufgrund der Ausbreitung von Mutationsfällen dichtmachen sollte, die Politik aber nur versucht, zu beschwichtigen, dann ruft das Erinnerungen an Ischgl wach. Schlimmer: In fast allen Bundesländern beginnt man erst jetzt mit genaueren Untersuchungen. Sprich: Man ist wieder zu spät dran. Noch schlimmer: Ausgerechnet jetzt kommt es eben zu Schul- und anderen -Öffnungen. Das ist hochriskant.

In der Schweiz, wo man schon länger darauf achtet, stellt man ein starkes Wachstum fest: Anfang Jänner war kaum eine Infektion auf eine Mutation zurückzuführen, in der vierten Kalenderwoche dieses Jahres war es bereits bei 15 bis 20 Prozent der Fall. Bereits nächste Woche dürften es mehr als 50 Prozent werden. Wobei die einzige Hoffnung darin besteht, dass es durch die Aufrechterhaltung von Beschränkungen gelingt, die Gesamtzahl weiterhin möglichst stabil zu halten.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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