Beispiele aus dem Sektenbericht: Von QAnon bis zum Jüngsten Gericht

Die Verschwörungstheorien haben im letzten Jahr Fahrt aufgenommen.
Die Verschwörungstheorien haben im letzten Jahr Fahrt aufgenommen. ©AP Photo/Lisa Leutner
Die Bundesstelle für Sektenfragen hatte im letzten Jahr alle Hände voll zu tun, was vor allem mit der Coronapandemie zu tun hatte. In ihrem neuesten Bericht gibt die Stelle Beispiele, mit welchen Verschwörungstheorien sie regelmäßig zu tun haben.
Was steckt hinter der Angst?

So gefragt wie nie zuvor war im vergangenen Jahr die Expertise der Bundesstelle für Sektenfragen, ist einem aktuellen Tätigkeitsbericht zu entnehmen. Die COVID-19-Pandemie, die in allen gesellschaftlichen Bereichen ihre Spuren hinterlassen hat, trug nämlich maßgeblich zur weiteren Verbreitung von Verschwörungstheorien bei. Um einen besseren Einblick in die konkrete Arbeit zu geben, wurden im Bericht ausgewählte "Fallbeispiele" präsentiert.

Verschwörungstheorien: Von einem Randphänomen zu einem stark präsentem Thema

Aufgrund der Corona-Krise und der starken Zunahme an Verschwörungstheorien entwickelte sich die Medienbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich zu einem neuen Arbeitsschwerpunkt. Schon im Frühjahr 2020 habe sich gezeigt, dass sich Verschwörungstheorien von einem Randphänomen zu einem medial und gesellschaftlich stark präsenten Thema entwickelt haben. Fehlinformationen und Fake News haben sich laut Bericht insbesondere über Social Media wie ein Lauffeuer verbreitetet und für massive Konflikte in Familien, Freundeskreisen und im beruflichen Umfeld gesorgt.

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Erde hohl und von Echsenwesen bewohnt

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Viele der Verschwörungstheorien waren in ihren Inhalten ausgesprochen extrem und irrational, lautet die Einschätzung der Experten. Zum Beispiel wurde behauptet, dass die Erde hohl sei und von Echsenwesen bewohnt werde, die die Herrschaft auf der Erde übernehmen wollten. Ein weiterer Irrglaube: Bill Gates habe die Pandemie in Auftrag gegeben hätte, um den Menschen mit der anschließenden Impfung einen Mikrochip zu implantieren, der sie zu willenlosen Befehlsempfängern machen soll.

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Nichteintreffen von Voraussagen kümmerte nicht

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Häufig wurde vor einer angeblich bevorstehenden Katastrophe gewarnt wie einem Wirtschaftszusammenbruch, einem Militärputsch, dem Jüngsten Gericht mit der Wiederkehr von Jesus Christus oder einem weltweiten Stromausfall (Blackout). Oft wurden dafür auch konkrete Termine genannt. Das Nichteintreffen dieser Voraussagen schien keinen Einfluss auf die Betroffenen zu haben. Anweisungen wurden ausgegeben, wie man sich auf diese Szenarien vorbereiten soll und dass man auch Angehörige und Freundinnen bzw. Freunde davor warnen müsse. In Familien entstanden in der Folge Konflikte, wenn etwa ein Angehöriger Lebensmittel, Treibstoff oder Waffen hortete, Geldbestände in Gold oder virtuelle Währungen wechselte und das auch von den anderen einforderte.

Fallbeispiele aus dem Kapitel Kinder und Jugendliche

Ebenso wie im Vorjahr wurde erneut ein besonderes Augenmerk auf die Situation von Kindern und Jugendlichen gelegt, die durch ihr Umfeld mit jenen religiösen oder weltanschaulichen Ideologien oder Vorstellungen in Kontakt kommen. Extreme Ansichten von Eltern werden meist auch an deren Kinder vermittelt, urteilen die Autoren. Wenn es wenig Kontakte außerhalb des sozialen Umfeldes der Eltern gibt und auch der Schulbesuch umgangen wird, können Kinder und Jugendliche in einer Art Parallelwelt aufwachsen, deren Werte und Regeln manchmal im Gegensatz zu einer liberalen modernen westlichen Gesellschaft stehen.

Der 149 Seiten umfassende Bericht enthält einige Fallbeispiele, die dazu beitragen sollen, die tägliche Arbeit der Bundesstelle für Sektenfragen besser zu veranschaulichen. So wandte sich etwa eine Frau an die Sektenstelle, deren Gatte davon überzeugt war, dass die COVID-19-Pandemie nicht gefährlicher als eine "einfache" Grippewelle sei. Er schrieb den gemeinsamen Kindern vor, die Schutzmaßnahmen in der Schule nicht einzuhalten und wollte auch nicht, dass die achtjährige Tochter und der elfjährige Sohn Masken tragen. Außerdem sollte sich die Tochter nicht testen lassen. Den Kindern war das Verhalten des Vaters sehr unangenehm, sie wurden von Gleichaltrigen verspottet und gemieden. Der Sohn verteidigte zunehmend die Haltung des Vaters und verschickte ebenso verschwörungstheoretische Inhalte an seine Freundinnen und Freunde. Das isolierte ihn zusätzlich von den Gleichaltrigen.

Mikrochips beim Testen, Schulbildung "überflüssig"

Andere Eltern wiederum waren überzeugt, dass bei der Testung ein Mikrochip eingepflanzt würde und wollten das um jeden Preis verhindern. Ein Enkel einer Frau, die Kontakt mit der Bundesstelle aufnahm, war mit dem Homeschooling überfordert und erhielt auch wenig Unterstützung von den Eltern. Diese waren der Ansicht, dass eine Schulbildung überflüssig wäre, da sie in den nächsten Monaten den Zusammenbruch der Wirtschaft in Kombination mit einem Blackout erwarteten. Sie horteten Lebensmittel und bereiteten sich auf kriegsähnliche Zustände vor. Dem Kind machten diese Vorbereitungen große Angst, es war isoliert von Gleichaltrigen, wirkte depressiv und resigniert.

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Kinder seit Jahren per Homeschooling unterrichtet

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Eine Familie stand seit einiger Zeit in Konflikt mit staatlichen Einrichtungen, da sie als "Staatsverweigerer" deren Autorität nicht anerkannten. Sie weigerten sich, Rechnungen von Pflichtversicherungen und Kommunalsteuern zu zahlen und gerieten dadurch immer wieder in Konflikt mit gesetzlichen Bestimmungen. Versicherungen, auch Kranken- und KfZ-Versicherung, wurden von den Eltern gekündigt. Den Kindern wurde vermittelt, dass die Kinder- und Jugendhilfe Teil eines satanistischen Pädophilen-Rings wäre, der den Eltern ihre Kinder abnehmen und dann verschwinden lassen würde, um als Sklavinnen und Sklaven missbraucht zu werden. Die Kinder reagierten daher bei Kontaktaufnahme seitens der Behörden ängstlich bis aggressiv. Da die Kinder seit Jahren per Homeschooling unterrichtet wurden, hatten sie auch kaum Kontakt und Austausch mit anderen und standen sehr stark unter dem Einfluss der Eltern.

QAnon-Erzählung rund um Adrenochrom

Oft wurde auch auf die QAnon-Erzählung verwiesen, die zuvor in Österreich nahezu unbekannt war. Laut dieser Verschwörungstheorie sollen u.a. angeblich mächtige satanistische Netzwerke Kinder entführen und quälen, aus deren Blut würde dann Adrenochrom, ein Adrenalin-Stoffwechselprodukt, gewonnen und als Verjüngungsmittel für Hollywood und andere Eliten eingesetzt werden. Trump wäre gemäß dieser Erzählung eine Art messianische Erlöserfigur, die gegen die Mächte des "Deep State", jener Netzwerke, die angeblich den Staat unterwandert hätten, auftreten und eine Befreiungsaktion durchführen würde.

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Viele Inhalte sind offen oder versteckt antisemitisch

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Schon vor dem Ausbruch der Pandemie zeigten sich weite Teile der Esoterik medizin- und impfkritisch. Während der Pandemie erreichte diese Entwicklung einen neuen Höhepunkt. Viele der Menschen, die sich mit der Querdenker-Bewegung identifizierten oder im Umfeld mit dem Verweigern von Testungen und Schutzmaßnahmen auffielen, gehörten auch der Esoterik-Szene an. Auch rechtsextreme Bewegungen, Influencer bzw. Aktivisten traten verstärkt bei Querdenker-Demonstrationen auf und verbreiteten dort auch verschwörungstheoretische Inhalte. Viele Inhalte sind dabei offen oder versteckt antisemitisch.

Von Freikirchen bis hin zu Staatsverweigerern

Als zentrale österreichweite Anlaufstelle war die Bundesstelle im letzten Jahr mit einem breiten Spektrum von Themen befasst, das von religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften über Weltanschauungsfragen, Esoterik, Okkultismus, Satanismus, Wunderheilungen, fundamentalistische Strömungen, Angebote zur Lebenshilfe bis hin zu religiösem Extremismus reicht. Generell sei festzustellen, dass sich die religiöse und weltanschauliche Szene immer weiter in kleinere Gemeinschaften und Organisationen aufsplittert und zunehmend unüberschaubar sei. Ebenso führten Anfragen zu gesetzlich nicht anerkannten Freikirchen bzw. freikirchlichen Gemeinschaften, aktuellen Entwicklungen wie dem Erstarken der rechten Esoterik, Antisemitismus, Staatsverweigerern oder sogenannten Preppern und Selbstversorgern zu einer hohen Medienpräsenz der Bundesstelle.

Wie mit Verschwörungstheoretikern umgehen?

Im persönlichen Umgang rät die Bundesstelle dazu, Betroffenen mit Interesse zu begegnen, eher Fragen zu stellen als Monologe zu halten und gerade zu Beginn auf Fake News bzw. Verschwörungstheorien mit Fakten zu antworten. Werden Gegenargumente von vornherein abgewiesen, dann wird eher dazu geraten, sich auf das Hinterfragen der Quellen von Verschwörungstheorien zu beschränken. Denn wer ein "geschlossenes Weltbild" entwickelt habe, bei dem "werden Fakten und Informationen wenig Wirkung zeigen, sie können sogar kontraproduktiv wirken, weil sich die Person umso mehr in ihrer Verteidigungshaltung eingräbt", heißt es im Jahresbericht.

(APA/red)

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