Sieglos, planlos, Stadionruine: Rapids EL-Gegner Valencia im freien Fall

Von David Mayr
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Gary Neville hat in Valencia einen schweren Stand.
Gary Neville hat in Valencia einen schweren Stand. - © AFP/José Jordan
Vom spanischen Meister und Champions-League-Finalisten zum Chaos-Klub. Der FC Valencia, Rapid Wiens Gegner in der ersten K.o.-Runde der Europa League, ist ein ins Wanken geratener Riese, der seit Jahren die Balance sucht, sie aber partout nicht findet.

Das waren noch Zeiten: Spanischer Meister, Supercupsieger, zweifacher Champions-League-Finalist und UEFA-Cup-Sieger. Die bisher letzte Erfolgsära des FC Valencia liegt keine zwei Jahrzehnte zurück – und scheint den Fans doch so fern.

Seit zehn Jahren herrscht bei einem der prestigeträchtigsten Klubs Spaniens Chaos – sportlich wie wirtschaftlich. Im Nordwesten der knapp 800.000-Einwohner-Stadt liegt eine gigantische Stadionruine, den Schuldenberg auf dem Konto sollte eine Übernahme aus Singapur abtragen und in der Primera División befindet sich der Klub als Elfter im Niemandsland der Tabelle.

Die goldene Ära des FC Valencia

Der finanzielle Absturz folgte ausgerechnet auf die goldene Ära um den Jahrtausendwechsel, in die die eingangs genannten Erfolge fielen. Trainer Claudio Ranieri hatte Valencia 1999 zum Sieg in der Copa del Rey geführt, sein Nachfolger, der argentinische Konterpapst Héctor Cúper, brachte das Team um Kapitän Gaizka Mendieta gar ins Endspiel der UEFA Champions League (2000). Ein Kunststück, das der in der Gegenwart kürzlich von Real Madrid vor die Tür gesetzte Rafael Benítez gleich im Folgejahr wiederholte.

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Posted by Valencia CF on Dienstag, 19. Januar 2016

Zwar wurden beide Finali – gegen Real klar, gegen Bayern München erst im Elfmeterschießen – verloren, doch Valencia hatte sich als Mitglied der europäischen Klubelite konsolidiert. Unter Benítez beendeten die “Fledermäuse” ihre 30-jährige Durststrecke in der spanischen Meisterschaft und gewannen 2002 und 2004 den Titel. Der Abgang des Coaches aus Madrid im Sommer jenen Jahres sollte jedoch den Absturz des FC Valencia einleiten. Während Benítez mit Liverpool 2005 doch noch seine Champions League gewann, ging es mit Valencia fortan bergab.

Eine symbolträchtige Stadionruine

Auf Präsident Jaime Ortí Ruiz folgte Juan Bautista Soler, unter dem die desaströse Finanzpolitik des Klubs ihren Lauf nahm. Höhepunkt der Misswirtschaft war die Vorstellung des neuen Stadionprojekts Nou Mestalla, einer – im Gegensatz zum zentral gelegenen, altehrwürdigen Mestalla-Stadion – topmodernen Arena etwas außerhalb, im Nordwesten der Stadt. Die neue Spielstätte sollte über 75.000 Besuchern Platz bieten – 20.000 mehr als das aktuelle Mestalla – und Valencias Aufstieg zum internationalen Topklub eindrucksvoll repräsentieren.

Zehn Jahre später stellt sich dieser Traum als riesige Betonruine dar, die wie ein warnendes Sinnbild für Größenwahn ins Stadtbild eingebettet liegt. Die Schulden des Vereins waren inzwischen auf knapp 550 Millionen Euro angewachsen und die Arbeiten mussten 2009 – zwei Jahre nach Baubeginn und inmitten der spanischen Immobilienkrise – wieder eingestellt werden. Jahrelang blieb das Betongerüst der Super-Arena praktisch unangetastet, nach der Klubübernahme durch Peter Lim, einem Geschäftsmann aus Singapur, soll es – mit reduzierter Kapazität von 60.000 Zuschauern – bis 2020 fertiggebaut werden.

Valencia: Der Trainerstuhl als Schleudersitz

Lim übernahm den Verein 2014, zwischen der von ihm als Klubchefin eingesetzten Layhoon Chan und dem 2008 zurückgetretenen Bautista Soler verschliss Valencia in sechs Jahren ebenso viele Präsidenten. Ähnlich hoch ist bei den “Fledermäusen” auch der Bedarf auf der Bank. Gary Neville, der – wohl dank seiner Nähe zu Lim – Anfang Dezember den in Valencia unbeliebten Nuno Espírito Santo (ja, heiliger Geist, aber der Mann heißt wirklich so) nachfolgte, ist der siebte Trainer seit 2012. Davon, die Mannschaft nach einer turbulenten Hinrunde wieder auf Kurs zu bringen, ist der frühere Manchester-United-Verteidiger bei seiner ersten Station als Chefcoach allerdings noch weit entfernt.

Schaut immer besser aus! #AllianzStadion #scr2016 Ein von SK Rapid (@skrapid1899) gepostetes Foto am

Der Last-Minute-Punktgewinn beim 2:2 zu Hause gegen Rayo Vallecano vergangenen Sonntag war bereits Valencias neuntes Ligaspiel in Serie ohne Sieg. “So können wir nicht weitermachen”, machte Toptorschütze Paco Alcácer seinem Ärger nach dem Match Luft. “Das einzige, was hilft ist gewinnen und das gelingt uns nicht.” Dass man noch Zeit brauche, um sich auf den neuen Trainer einzustellen, lässt der 22-jährige, spanische Nationalspieler nach eineinhalb Monaten nicht mehr gelten. “Das ist keine Entschuldigung mehr!”

Undankbare Aufgabe gegen Rapid

Zumindest im Cup ist Nevilles Bilanz nach zwei Zu-Null-Siegen (4:0 und 3:0) im Achtelfinale gegen Granada noch makellos, doch letzten Sonntag bekam er erstmals Pfiffe der eigenen Fans zu hören. Vier Punkte hat Valencia in den bisherigen sechs Meisterschaftsspielen mit dem Engländer auf der Bank geholt, in der Tabelle liegt man nur auf Rang elf. Die Champions-League-Plätze sind außer Reichweite und auch die Qualifikation für die Europa League ist Stand heute weit entfernt. Dies als zu wenig für die Ansprüche in Mestalla zu bezeichnen, wäre eine heillose Untertreibung.

Gegen Rapid (18. und 25. Februar, VIENNA.at wird von beiden Spielen vor Ort berichten) hat Neville wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Das Weiterkommen gegen die Wiener im Sechzehntelfinale der Europa League wird von Fans und Vorstand vorausgesetzt, ungeachtet der starken internationalen Auftritte der Grün-Weißen während dieser Saison. Ein Ausscheiden gegen Rapid käme in Valencia hingegen einer Blamage gleich. Und dann könnte auch bald der achte Trainer in den letzten vier Jahren in Mestalla übernehmen.

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