Flüchtlingskrise in Europa: “Die Hilfe funktioniert seit Wochen sehr gut”

Viele Österreicher helfen den Flüchtlingen
Viele Österreicher helfen den Flüchtlingen - © AP/APA
Zahlreiche Menschen auf der Flucht und viele Privatpersonen, die sich um die Versorgung der Flüchtlinge kümmern – die Flüchtlingskrise hat Europa weiterhin fest in der Hand und ein baldiges Ende der Lage ist nicht in Sicht.

Geschehnisse am Freitag, den 11. September im Schnellüberblick:

  • Wiener Waste Watcher klären Flüchtlinge über Müll auf und sammeln ihn ein
  • “Train of Hope” am Wiener Hauptbahnhof
  • In NÖ aktuell 950 Plätze in zwei Transitquartieren
  • Auf Brennerroute laut Polizei “business as usual”
  • Fischer besuchte die Flüchtlinge in Wien
  • UNICEF-Apell: Kinder müssen geschützt werden
  • Golf-Staaten gegen Aufnahme von Syrern

Überzählige Sachspenden, die im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen abgegeben werden, gehen ab sofort an andere Hilfsorganisationen wie beispielsweise die Wiener Gruft. Für Verteilung und Sortierung sorgt die MA 48, also die Wiener Müllabfuhr. Zudem sind ab sofort auch Waste Watcher unterwegs. Sie sollen die Flüchtlinge in Sachen Abfalltrennung beraten, wie der MA 48-Chef Josef Thon der APA sagte.

“Vieles wird derzeit nicht gebraucht”, meinte Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler (SPÖ). In den vergangenen Wochen sei es – auch aufgrund einer fehlenden zentralen Abgabestelle – daher immer wieder vorgekommen, dass Sachen weggeworfen werden mussten. “Was brauchbar ist an Spenden, soll daher jetzt einer anderen Verwertung zugeführt werden”, erklärte er gegenüber der APA. Die MA 48 hat Traiskirchen nun in ihre Sammelroute aufgenommen. Sachspenden wie etwa Kleidung werden abgeholt, sortiert und wieder verteilt.

“Train of Hope” am Hauptbahnhof

“Ein Arabisch-Dolmetscher zur Krankenstation bitte!”, tönt es aus den Funkgeräten von Johannes und weiteren Helfern, die sich am Wiener Hauptbahnhof um ankommende Flüchtlinge kümmern. Die Organisation liegt komplett in der Hand von Privatpersonen, die sich unter dem Namen “Train of Hope” zusammengetan haben. Die Kooperation mit NGOs, ÖBB und Behörden funktioniert gut, sagt Johannes zur APA.

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Das Gebiet am Ostende des Hauptbahnhofs ist komplett von den “Train of Hope”-Helfern in Beschlag genommen worden. Unter der Schienenstrecke am Ende der Rolltreppen zu den Bahnsteigen ist ebenerdig die Essensausgabe zu finden. Auf der Seite Richtung Schweizer Garten ist in einer noch nicht fertiggestellten Fahrradgarage des neuen Bahnhofs eine Notschlafstelle mit 130 Betten untergebracht, die von der Caritas betreut wird. Auf der dem Bezirk Favoriten zugewandten Seite wurde die Koordinationszentrale der Helfer und eine provisorische Krankenstation eingerichtet.

Privatpersonen spenden

Auf dem Gehsteig davor stehen mehrere Partyzelte, unter anderem für die Sachspendenannahme sowie ein Kleider- und ein Lebensmittellager. “Die Räumlichkeiten rund um die Eingangshalle Ost und der dazugehörige Vorplatz wurden ‘Train of Hope’ von uns zur Verfügung gestellt”, erläuterte ÖBB-Sprecher Michael Braun auf APA-Nachfrage. “Wir haben am Hauptbahnhof kein größeres Haus so wie am Westbahnhof zur Verfügung.” Die Station sei aber derzeit wegen der ICE-Verbindungen nach Passau und Frankfurt ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt.

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“Die Flüchtlinge bleiben für maximal 24 Stunden hier”, erzählt ein Caritas-Helfer im Notquartier mit Blick auf die Großbaustellen rund um den Hauptbahnhof. Am Freitagvormittag sind nach seinen Angaben auf den 130 Feldbetten vor allem Menschen aus Syrien und Libyen untergebracht, die auf Anschlusszüge warten. “Vor ein paar Tagen war hier richtig die Hölle los”, sagt der Helfer, aber auch diese Nacht war die Schlafstelle voll.

Organisation über Social Media

“Wir organisieren sehr viel via Social Media, wir schreiben auf Facebook und Twitter, was wir brauchen – ob das jetzt Helfer sind, welche Sachspenden das sind, woran es eben gerade mangelt”, sagt Johannes, der für Koordinationsarbeit beim “Train of Hope” zuständig ist. “Auf wundersame Weise funktioniert das ganz großartig. Die Leute kommen und helfen und bringen die Sachen, die gerade benötigt werden.”

Privatpersonen bieten Übersetzerdienste und medizinische Hilfe an, an Ort und Stelle wird über Walkie-Talkies kommuniziert. “Das Team, das hier hilft, ist sehr gut vernetzt, dennoch ist die Frage, ob es nicht eigentlich Aufgabe vom Staat sein müsste, das zu bewältigen und sinnvoll und menschenwürdig mit Flüchtlingen umzugehen”, betont Johannes. Da das “offensichtlich nicht passiert”, sei nichts tun auch keine Lösung. “Deswegen ist das hier entstanden”, erzählt der 23-Jährige. Er sei Student und habe noch Sommerferien, “es wird aber trotzdem weniger geschlafen zur Zeit”, merkt er an.

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“Wir bitten die Leute, dass sie uns vor allem vegetarisches Essen bringen, weil dann das Problem mit Halal nicht besteht. Kochen können wir hier im Moment leider nicht, wir haben aber Kontakt zu Privatpersonen, die in der Umgebung wohnen, wo wir Essen aufwärmen können.” Organisationen bringen warmes Essen in großen Töpfen vorbei, Unternehmen spenden laufend Lebensmittel und Mineralwasser. Privatpersonen aus der näheren Umgebung hätten sogar angeboten, dass Flüchtlinge bei ihnen duschen können.

“Die Hilfe funktioniert seit zwei Wochen sehr gut”, betont Johannes. Hunderte Menschen wurden vom “Train of Hope”-Team und den ständig wechselnden privaten Helfern seither betreut. “Es ist echt unglaublich großartig, hier zu arbeiten”, erzählt der junge Mann am Ende des Rundgangs durch den Bahnhofsabschnitt. “Es ist von allen hier eine Herzensangelegenheit, zu helfen.”

The president of Austria” am Westbahnhof

Bundespräsident Heinz Fischer hat am Freitag die Lage am Westbahnhof, wo sich seit Tagen unzählige Flüchtlinge auf der Durchreise befinden, inspiziert. Er dankte den zahlreichen Helfern und suchte auch den Kontakt zu den Flüchtlingen. Bei denen stieß der Besuch auf reges Interesse, als sich herumsprach, dass es sich um “the president of Austria” handelt. Fischer machte sich ein Bild von den Spendenannahmestellen der Caritas, der Krankenstation und sprach mit freiwilligen Helfern, Mitarbeitern der Polizei, Rettung und ÖBB. Vor den zahlreichen Medienvertretern erklärte er, er sei vor allem gekommen, “um Dankeschön zu sagen” sowie um sich ein genaues Bild zu machen.

FL†CHTLINGE: BP FISCHER AM WESTBAHNHOF

Der Bundespräsident hob die Hilfsbereitschaft der Österreicher hervor: “Rot-weiß-rot zeigt sich hier von der schönsten Seite.” Die Polizei agiere als wahrer “Freund und Helfer”, und auch auf die ÖBB sei er “sehr stolz”, so Fischer. Begleitet wurde er bei seinem Besuch von Caritas-Präsident Michael Landau sowie der Wiener Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). Der Pulk wurde auf den Bahnsteigen des Westbahnhofs von den Flüchtlingen mit großer Aufmerksamkeit bedacht.

In NÖ aktuell 950 Plätze in zwei Transitquartieren

In Reaktion auf den Flüchtlingsstrom aus Ungarn stehen in Niederösterreich derzeit zwei Transitquartiere für insgesamt 950 Menschen zur Verfügung, sagte Landesrat Maurice Androsch (SPÖ) am Freitag. Man sei mit vielen Gemeinden – wie etwa auch St. Pölten – in Kontakt, um bei Bedarf und nach Absprache mit dem Bund am Wochenende weitere Plätze anbieten zu können. Das Multiversum Schwechat bietet 500 Plätze, die Messe Tulln 450. An beiden Standorten hat das Rote Kreuz die Betreuung übernommen.

In der Nacht standen – zusätzlich zum Regeldienst und der Betreuung der Asylwerber am Flughafen und an den Bezirksstellen – 129 Rotkreuz-Helfer aus ganz Niederösterreich für Flüchtlinge in NÖ und im Burgenland im Dienst. Auch der Landesführungsstab des Roten Kreuzes Niederösterreich sei kontinuierlich im Einsatz.

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Auf Brennerroute laut Polizei “business as usual”

Während die Flüchtlingsströme im Osten Österreichs immer mehr zunehmen, stellt die Tiroler Fremdenpolizei auf der Brennerroute im Westen “keine große Änderung” fest. Im heurigen Jahr habe es in Tirol bisher 5.818 Aufgriffe von illegal eingereisten Migranten gegeben. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 4.647, hieß es im Gespräch mit der APA.  “Das Ausmaß ist noch im Rahmen, business as usual”, sagte der stellvertretende Leiter der Fremdenpolizei, Marius Meisinger. Die Ereignisse an der österreichisch-ungarischen Grenzen hätten sich bisher im Westen des Landes nicht niedergeschlagen.

Pro Monat verzeichne man auf der Brenneroute rund 700 Flüchtlings-Aufgriffe, der weitaus überwiegende Teil finde in Zügen statt. In den Sommermonaten würden mehr illegal Eingereiste angehalten als im Rest des Jahres. Die Polizei kontrolliere “lagebedingt”, sowohl in regionalen wie internationalen Reisezügen als auch auf der Straße. In puncto Kontrollen habe es auch durch die Ereignisse der vergangenen Woche im Osten Österreichs keine Änderung gegeben. Zudem operiere man mit sogenannten “trinationalen Streifen” ab Trient in Norditalien.

FL†CHTLINGE: FL†CHTLINGE AUS UNGARN IN …STERREICH ANGEKOMMEN

UNICEF-Appell an EU: Kinder jetzt schützen

Vor dem EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise am kommenden Montag hat das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF “das wachsende Engagement von Europäischen Regierungen” begrüßt. Gleichzeitig mahnt die Organisation in einer Aussendung vom Freitag, dass den Beschlüssen jetzt konkrete Taten zum Schutz von Flüchtlingskindern folgen müssten. “Der Schutz von Flüchtlingskindern muss absolut im Zentrum der europäischen Initiative stehen, vor allem jetzt, angesichts des nahenden Winters”, sagte Yoka Brandt, stellvertretende UNICEF-Exekutivdirektorin laut Aussendung. “Alle diese Kinder, die schon so viel durchgemacht haben, haben das Recht auf Schutz und auf Würde. Jetzt ist es an der Zeit, diese Rechte in die Realität umzusetzen.”

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Schweizer Rotes Kreuz erhöht Hilfsgelder

Das Schweizer Rote Kreuz (SRK) erhöht seine Hilfe für Menschen auf der Flucht und auf dem Weg nach Europa um 2,75 Millionen Franken (2,52 Mio. Euro). Es beteiligt sich damit an der Rotkreuzhilfe im Libanon, in Griechenland und in Serbien, wie das SRK am Freitag in Bern bekannt gab.

Das SRK hat im In- und Ausland für Menschen auf der Flucht in den letzten drei Jahren bereits rund sieben Millionen Franken eingesetzt und leistet nun mehr Hilfe für die Menschen, die über das Mittelmeer und die Balkanroute nach Westeuropa kommen. Laut SRK-Direktor Markus Mader unterstützt es das Griechische Rote Kreuz mit 250.000 Franken, das Serbische Rote Kreuz soll 100.000 Franken erhalten.

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Golf-Staaten gegen Aufnahme von Syrern

Die arabischen Golf-Staaten bleiben hart. Trotz aller Kritik und Appelle, wie andere Länder auch Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Politik ändern würden. Sie geben Geld. Aber ihre Grenzen bleiben dicht. Keiner der sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) hat die UNO-Flüchtlingskonvention unterzeichnet, die das Asylrecht in der Welt regelt

>> Details nach Drama auf der A4 bekannt

(APA/ Bilder: AP/APA)

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