Bei der Shades Tour Vienna: Wenn Obdachlose durch “ihr” Wien führen

Von Daniela Herger
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Bei den Shades Tours Vienna lernt man Wien aus der Sicht von Obdachlosen kennen
Bei den Shades Tours Vienna lernt man Wien aus der Sicht von Obdachlosen kennen - © Shades Tours - Faruk Pinjo
Stadtführungen der etwas anderen Art bietet das Unternehmen Shades Tours Vienna an. Auf den Spuren der Obdachlosigkeit kann man die Stadt hinter der Stadt kennen lernen – mit einem Guide, der selbst Erfahrung mit dem Leben als Obdachloser in Wien hat. VIENNA.at hat eine der Touren in “das andere Wien” für Sie besucht.

Robert, Jahrgang 1984, Turnschuhe, schwarze Jacke, sportliche Hose – ein absolut unauffällig wirkender Mann, der da vor dem Prinz Eugen-Denkmal mitten am Wiener Heldenplatz auf uns wartet. Nichts an seinem Äußeren verrät, dass der gebürtige Deutsche in Wien drei Jahre lang Obdachlosigkeit am eigenen Leib erlebt hat – und genau weiß, was das für einen Menschen bedeutet und wie sich die Wahrnehmung der Stadt, in der wir alle leben, verändert, wenn man kein Dach über dem Kopf hat und keine vier Wände sein eigen nennen kann.

Zahlen und Fakten zur Obdachlosigkeit in Wien

Rund zehntausend Menschen in Wien sind offiziell obdachlos – und die Dunkelziffer ist noch wesentlich höher. Robert, der uns im Rahmen der Shades Tour Vienna durch die Stadt führen wird, gibt uns zunächst ein paar Eckdaten zur Thematik und klärt uns auf, welche Formen der Obdachlosigkeit generell unterschieden werden: jene im öffentlichen Raum, also auf der Straße lebende Menschen, jene von Menschen, die temporär in Sozialeinrichtungen unterkommen und etwa in einer Notschlafstelle nächtigen, sowie die “verdeckte Obdachlosigkeit” – jene von Menschen, die vorübergehend ohne Wohnung sind, aber bei Freunden oder Verwandten auf der Couch schlafen können. Weiters gibt es noch die Wohnungslosigkeit, worunter jede Form von betreutem Wohnen zu verstehen ist – etwa in Frauenhäusern, betreuten WG’s, aber auch Seniorenheimen.

Auch mögliche Gründe für die Obdachlosigkeit gehen wir kurz miteinander durch – vom Verlust des Jobs oder des Partners bis hin zu Süchten, wobei neben Alkohol- und Drogensucht laut unserem Guide als aktueller Trend die Spielsucht auf dem Vormarsch ist und dazu führen kann, dass man alles verliert, was zu einem “geregelten” Leben gehört. Derart ins Thema eingestimmt, geht es mit der eigentlichen Shades Tour durch die Wiener Innenstadt los – zwei Stunden zu Fuß, fünf Stops und jede Menge Informationen erwarten uns.

Im Zwiespalt zwischen “Anspruchsberechtigung” und Scham

Fakten, von denen man wenig weiß, wenn man nicht selbst betroffen ist, etwa zur “Anspruchsberechtigung”, die in Sachen Obdachlosigkeit sozusagen die Spreu vom Weizen trennt. Es ist nämlich nach der Flüchtlingskrise seit Jänner 2016 rechtlich Bedingung, die letzten fünf Jahre lang einen festen Wohnsitz in einem Bundesland gehabt und ein Jahr am Stück gearbeitet zu haben, um als Obdachloser als anspruchsberechtigt zu gelten. Mit der Anspruchsberechtigung geht die Abdeckelung von fünf wichtigen Ansprüchen einher: Anspruch auf eine Postadresse, einen Notschlafplatz, den Bezug von Mindestsicherung, einen betreuten Wohnplatz und einen Gemeindewohnplatz. 70 Prozent der von Obdachlosigkeit Betroffenen sind Robert zufolge nicht anspruchsberechtigt, die üblichen 30 Prozent würden teils nicht nutzen, was ihnen zusteht – aus Scham über die eigene Lage. Das Thema begleitet uns die gesamte Shades Tour über, spielt es doch im Leben vieler Obdachloser eine tragende Rolle.

Und selbst, wer alle Vorgaben ideal erfüllt, kann sich aus der Obdachlosigkeit meist nicht so schnell wieder befreien. “Das ist die größte Problematik der letzten drei Jahre in Wien: Rund ein bis eineinhalb Jahre braucht selbst der ‘perfekte Obdachlose’, bis eine endgültige Lösung da ist,” erklärt uns Robert. Nicht zuletzt, weil einem die eigene Lage so unangenehm ist.

“Scham ist eine große Hürde,” gibt unser Guide zu bedenken. “Schätzungen zufolge entsprechen nur 8 Prozent der Obdachlosen dem Klischeebild, das man so im Kopf hat – der Rest ist sehr bemüht, es niemanden merken zu lassen. Jeder siebte Obdachlose hat Matura, jeder zehnte einen Uni-Abschluss.” Jeder kenne laut Robert Obdachlose in den Öffis, deren Körpergeruch dafür sorge, dass man lieber Abstand halte. “Aber jeder von euch könnte genauso gut schon neben einem Obdachlosen in der U-Bahn gesessen sein, ohne es zu merken.”

Dunkles Kapitel der Wiener Geschichte: Kanalobdachlosigkeit

An unserem ersten Stop hinter dem Goethe-Denkmal vor dem Wiener Burggarten erfahren wir, dass sich hier ehemals zwei Litfasssäulen und ein Abgang in die Kanalisation befunden haben. Kanalobdachlosigkeit sei vom 19. Jahrhundert bis in die frühen 1970er Jahre in Wien ein großes Problem gewesen, wie uns Robert erklärt. Sogar eigene Berufsstände hätten sich für Obdachlose entwickelt – etwa jener des Fettschöpfers, der in der Kanalisation Fett abschöpfte, um es zu Seife zu verarbeiten oder direkt weiterzuverkaufen. Todesfälle durch die giftigen Dämpfe im Kanal seien jedoch keine Seltenheit gewesen, bis das Rote Wien hier gegengesteuert habe.

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Wenn öffentlicher Raum “gegen” Obdachlosigkeit gestaltet wird

Wir sprechen über die Kampierverordnung, die im öffentlichen Raum gilt und besagt, dass man diesen nicht “privat machen” dürfe, weshalb das Übernachten auf der Parkbank mit Isomatte und Schlafsack illegal ist und mit Strafen von inzwischen 272 Euro geahndet wird. Robert macht uns bewusst, dass die hängenden Mülleimer in Wien bewusst so entworfen worden sind, dass sie nicht zum Hineingreifen einladen, und weist auf Metallschienen in der Mitte von Bänken hin, die mit Absicht so gestaltet wurden, damit man sich nicht hinlegen kann.

Hinter der Staatsoper erfahren wir, dass bis 2011 große Kulturhäuser ihre Hintereingänge in der kalten Jahreszeit geöffnet haben, um temporäre Notschlafstellen für Obdachlose zu bieten, und beim Haus der Musik sprechen wir über den von dort aus ins Leben gerufenen Musikpass, einen Vorläufer des Kulturpasses, der Betroffenen in Wien Kulturgenuss zum Nulltarif ermöglicht.

Ein ehemals Obdachloser erzählt

Und auch seine persönliche Geschichte teilt der Guide mit uns: Von seiner von Gewalt geprägten Kindheit in Deutschland bei alkohol- und spielsüchtigen Eltern über seinen Bruch mit dem Elternhaus und die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, Abitur im zweiten Bildungsweg, seine Pläne, Lehrer zu werden bis hin zu seinem angefangenen Studium in Mathematik und Deutsch. Die Fernbeziehung mit einer Wienerin, der er übers Internet kennengelernt hatte, führte ihn schließlich dazu, in Deutschland alle Zelte abzubrechen und mit einer fixen Job- und Wohnungszusage seitens der Familie seiner Freundin nach Wien zu ziehen. Doch in der Bundeshauptstadt angekommen, sah es mit Unterkunft und Arbeit plötzlich ganz anders aus. Die muslimische Familie lehnte den deutschen Atheisten als Partner ihrer Tochter doch strikt ab, als dieser tatsächlich mit Sack und Pack anklopfte, die Eltern wollten ihre “Prinzessin” lieber in Mazedonien verheiraten, und Robert stand nach einem Monat im Hotel praktisch mittellos in Wien auf der Straße.

Sein Weg führte zurück zum Westbahnhof, an dem er aus Deutschland angekommen war und wo er das Glück hatte, Hilfe durch einen Streetworker zu erhalten, der ihn über seine Möglichkeiten aufklärte. Fast drei Jahre als Obdachloser in Wien folgten, wobei der junge Deutsche alle Höhen und Tiefen der Obdachlosigkeit kennenlernte. Ob seiner Herkunft habe er sich unter den Obdachlosen in Wien als “Paradiesvogel” gefühlt. Sich die eigene Lage nicht anmerken zu lassen, war auch bei Robert ein Thema: Während der Zeit seiner Obdachlosigkeit war er als Nachhilfelehrer tätig, der seine Schüler zuhause besuchte – und insgesamt 34 Schüler durch die Mathe-Matura begleitete.

Obdachlos in Wien: Leben mit reduzierten Bedürfnissen

Dass Robert dieses Schicksal in Wien ereilte, war seiner Aussage nach noch ein Glück. Hat Wien doch eines der besten Sozialsysteme in Europa und verfügt über durchschnittlich 2 bis 3 Tageszentren pro Bezirk. Hotspots für Obdachlose seien etwa nahe der Bahnhöfe, bei Stadtpark und Prater. Die Streetworker, die in diesen Bereichen – gut erkennbar in roten Jacken – im Einsatz sind und von Organisationen wie “sam”, “wieder wohnen” und der Caritas ausgeschickt werden, tragen dicke Mappen mit Infos zu allen Einrichtungen in 34 Sprachen mit sich. Als zentrale Anlaufstelle gilt das “P7” am Wiedner Gürtel, die größte Obdachloseneinrichtung ist die Wiener Gruft – die übrigens 1986 als Projekt von acht 16-jährigen Schülern und einem Pfarrer ins Leben gerufen wurde. Rasch lernte Robert, sich in der neuen Situation zurechtzufinden – auch wenn er sagt: “Obdachlosigkeit verändert die Menschen. Jeder Obdachlose muss schauen: Wo ist meine tägliche Route, wo kann ich schlafen, wo bekomme ich etwas zu essen.”

Die vielfach bekannte Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow verändere sich. Sicherheitsbedürfnisse seien etwa nicht mehr gegeben – Robert selbst wurde in seiner Zeit der Obdachlosigkeit sechs Mal ausgeraubt. Persönliche Hygiene und ein Arztbesuch würden für Obdachlose zum nicht mehr relevanten Luxusbedürfnis, da dies zum Überleben nicht nötig sei. “Es gibt einige Tageszentren, aber die sind schon morgens schnell voll. Und wenn auf 250 bis 350 Personen zwei Duschen und eine Waschmaschine kommen, wird es schwierig,” so Robert. Nur Essen und Schlafen gelte für einen Obdachlosen mehr als Muss. 

Happy End für den Guide des Shades Tour Vienna

Die Geschichte unseres Guides hat übrigens ein Happy End: Seit rund sieben Monaten hat Robert wieder eine eigene Wohnung  – und auch eine Karriere als Salesmanager bei Shades Tour.

Der Applaus, der Robert am Ende unserer Shades Tour am Franziskanerplatz zuteil wird, gilt einem Menschen, der uns nicht nur eine höchst informative Führung durch Wien an Orte geboten hat, die für Obdachlose eine wichtige Rolle spielen, sondern auch mit seiner berührenden Geschichte am eigenen Beispiel zeigte, dass Obdachlosigkeit in Wien keine Endstation sein muss.

Shades Tours Vienna ist ein Sozial-Projekt, das seit Oktober 2015 mit Führungen in Wien präsent ist und (ehemals) Obdachlosen bei der Re-Integration in die Arbeitswelt behilflich sein will. Mehr dazu hier.

>>Notunterkünfte für Obdachlose in Wien: Adressen und Kontaktdaten

(DHE)

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