AA

Zug mit Helfern in die Wachau abgedampft

"Ich bin dem Staat schon lange genug auf der Taschen gelegen§, meinte Bertl, dessen Hilfsbereitschaft mindestens ebenso so groß wie sein Irokesenschnitt ist.

Der 20-Jährige mit mehr Sicherheitsnadeln im Gesicht als eine Näherin in ihrer Kassette hat sich heute, Samstag, früh mit Schaufel und Rechen am Wiener Westbahnhof eingefunden, um wie zahlreiche andere freiwillige Helfer den ÖBB-Sonderzug in die Wachau zu besteigen. Dort sollten sie in Spitz an der Donau und Emmersdorf bei der Beseitigung der Hochwasserschäden mitarbeiten.

Beide Wachauer Gemeinden hatten sich mit der Bitte um Hilfe an die ÖBB gewandt und dabei offene Türen eingerannt. 190 Helfer sollten die Fahrt in den frühen Morgenstunden antreten, um vor allem Hausgärten und öffentliche Grünflächen vom Schlamm der zurückgewichenen Fluten zu befreien. Und diese angestrebte Anzahl dürfte – mit den entlang der Strecke Zusteigenden – erreicht werden, meinte eine Sprecherin der Bundesbahnen.

Und selbst wenn nicht, die Hilfsbereitschaft der Gekommenen war umso beindruckender: Da war die Gruppe von rund 20 Asylanten, die bereits um 3.00 Uhr aufgestanden waren, um per Bus rechtzeitig von Girberg am Wechsel (bitte Schreibweise überprüfen) per Bus am Westbahnhof einzutreffen. „Wir wollen helfen“, meinte schlicht Dashevci Brahim aus dem Kosovo. Er und seine Bekannten, die in zwei Gasthäusern in dem NÖ-Ort untergebracht sind, waren trefflich mit Gummistiefeln und Schaufeln ausgerüstet und bester Laune. Der bunten Mischung der zahlreichen Nationen wurde von Seiten der Organisatoren Rechnung getragen: Das Bundesheer, das per Feldküche die Verpflegung übernehmen sollte, hat Schweinefleisch für diesen Tag vom Speiseplan gestrichen.

Dann war da noch die zufällig am Bahnsteig zusammen gewürfelte Gruppe dreier Arbeitsloser, die nun wie Josef Kozak „immer eine Menge Zeit“ haben. „Ich möchte helfen und einmal was anderes machen, als nur im Bad liegen“, meinte der Kfz-Fahrer, den leider manche mit 58 für zu alt für den Arbeitsmarkt halten, der aber beim Hilfseinsatz sicher seinen Mann stehen wird.

Das gilt auch für den 41-jährigen Michael Bock. Der ebenfalls beschäftigungslose Maurer hat bereits Erfahrung mit den verheerenden Auswirkungen der Fluten: Mit Freunden hatte er schon zwei Mal kurzerhand ein Auto bestiegen, war einmal nach Hadersdorf und einmal nach Gars gefahren und hatte dort kurzerhand bei den Aufräumungsarbeiten mit angepackt. „Geld zum Spenden habe ich keines – aber arbeiten kann ich.“

„Der Papa hat keine Zeit und meine Freunde sind alle auf Urlaub, da bin ich halt einfach alleine gekommen“, meinte hingegen die 18-jährige Stefanie Tomcek. Der Freund der Schülerin kommt übrigens aus Melk, war vom Hochwasser selbst aber nicht betroffen.
An einer anderen Stelle des Bahnsteigs hatte sich ein dreiblättriges Kleeblatt bereits etwas älterer Damen gefunden: Die zierliche Manuela Prinz, deren Sohn den Samstag beim Papa verbringt, die bald 60-jährige Witwe Josefa Gruber, deren Mann vor 15 Jahren in Emmersdorf beruflich tätig war, und schließlich Rosi Sommer aus dem burgenländischen Leithaprodersdorf, die nicht einmal die stundenlange Autofahrt aufhalten konnte: „Mein Haus ist einmal abgebrannt, da habe ich auch Hilfe aus ganz Österreich erhalten.“ Josefa Gruber, die auch wie die meisten bereits gespendet hat, hofft zudem, in der Wachau Leute zu treffen. „Denn ich habe eine Menge altes, aber tadelloses Bettzeug und Geschirr, das die Leute gerne haben können.“

Es waren vor allem ältere oder ganz junge Helfer – aber auch eine komplette Familie mit zwei Mädchen (sechs und acht Jahre alt) hastete in den Zug: In der Vorwoche noch auf Urlaub in der Steiermark, meinte Marlene Samstag früh: „Ich möchte helfen.“ Auch die kleine Isabella Pönisch wollte mit ihren acht Jahren „im Gatsch spielen“, wird den Tag aber mit dem Papa verbringen, während Mama Christine um 6.24 Uhr mit dem Sonderzug zum Einsatz abdampfte. „Vorige Woche habe ich in Zwettl geholfen, jetzt war sie dran“, schmunzelte Herbert Pönisch. Er gab aber zu, dass dafür nicht viel Überzeugungsarbeit notwendig war. Und um 20.38 Uhr sollte der Zug ja wieder von der Wachau in Richtung Wien abfahren.

  • VIENNA.AT
  • Hochwasser
  • Zug mit Helfern in die Wachau abgedampft
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.