Zeitumstellung: Ein Plädoyer für die Sommerzeit

Dr. Bernd Sommer ist Verfechter der Sommerzeit.
Dr. Bernd Sommer ist Verfechter der Sommerzeit. ©APA/GEORG HOCHMUTH
Am Sonntag werden die Uhren wieder vorgestellt, wobei laut Umfragen die Mehrheit für eine Abschaffung der Zeitumstellung plädiert. Gastautor Dr. Bernd Sommer ist Verfechter der Zeitumstellung und Liebhaber der Sommerzeit. Hier Auszüge aus seinem Plädoyer.
Sommerzeit: Mehrheit mit Abschaffung zufrieden

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Zeitumstellung ist so alt wie die Zeitumstellung selbst, die am 6. April 1980 in Österreich wiedereingeführt wurde. Über den Nutzen wurde und wird viel diskutiert. Dass dabei Energie gespart würde, ist weitgehend widerlegt, dieses Thema als Hauptargument pro und contra Sommerzeit kann also vernachlässigt werden. Jedoch hat sich unser tägliches Leben in den letzten 40 Jahren, seit die Zeitumstellung gilt, erheblich verändert. Wir haben ein geändertes Arbeits- und Freizeitverhalten, und natürlich gibt es die globale Erwärmung, die bei der aktuellen Diskussion um die Abschaffung Zeitumstellung unbedingt beachtet werden muss.

Über die Folgen einer möglichen Abschaffung der Zeitumstellung ist noch zu wenig bekannt. Dass diese gravierend wären, weit unangenehmer als das zweimal jährliche Umstellen der Zeit, ist vielen Menschen gar nicht bewusst, da sie nur den Status quo kennen, da sie schlichtweg zu jung sind.

Das Hauptthema, sollte nicht das sein, dass wir einmal im Jahr eine Stunde kürzer und einmal länger schlafen können. Es geht nicht um diese zwei Nächte, sondern die Vorteile, die wir dann 5 Monate sprich 150 Tage (bei der Winterzeit) beziehungsweise 7 Monate sprich rund 210 Tage (bei Sommerzeit) durch die geänderten Uhrzeiten haben.

Die Winterzeit und die Hitze

Faktum ist, dass es im Sommer morgens zu Arbeitsbeginn schon sehr warm ist. Eine Umstellung auf permanente Winterzeit, würde dieses Problem im Sommer massiv verschärfen, da wir dadurch noch eine Stunde später zu arbeiten beginnen, schon mitten in der Vormittagshitze. Zudem würde nach Arbeitsende am Abend, jeden Tag eine Stunde Tageshelligkeit fehlen. Die zusätzliche Stunde Helligkeit frühmorgens würde nichts bringen.

Das gleiche Problem würde Schüler vor allem in den Monaten Mai, Juni, Juli betreffen, sprich bei Schulbeginn um 8 Uhr (Sommerzeit) würde die Schule bei Winterzeit eine Stunde später beginnen. Es wäre im Sommersemester also oft schon zu Schulbeginn richtig heiß, und nachmittags nach der Schule schon viel früher finster, und somit weniger Freizeit bei Tageslicht. Außerdem gibt es noch kaum Schulen, die schon mit Klimaanlagen ausgestattet sind. Das wäre vor allem in Ballungsräumen, wie in Wien oder dem Grazer und Linzer Zentralraum schon dringend notwendig.

Wie sehr achten wir noch auf unseren Biorhythmus?

Der menschliche Biorhythmus hängt vom Sonnenlicht, bzw. der Tageslänge ab. Da in unserer geografische Breite die Tageslänge (eigentlich Stunden mit Tageslicht) zwischen, gerundet 8 Stunden im Dezember, und 16 Stunden im Juni variiert, passt sich auch unser Biorhythmus den geänderten Lichtverhältnissen an. Das heißt im Sommer stehen wir früher auf, auch die Gesamtschlafdauer ist kürzer, im Winter stehen wir später auf, und schlafen auch von der Gesamtschlafdauer her länger. Das wäre jedenfalls das Natürliche.

Durch Sommerzeit, mit Vorstellen der Uhrzeit ab Ende März ist also eine Anpassung der Uhrzeit und somit Aufstehzeit an den sich mit der Jahreszeit ändernden Biorhythmus. Ende März zum Beispiel geht die Sonne schon um 5 Uhr 45 auf, mit Sommerzeit dann erst um 6 Uhr 45, was natürlich, verglichen mit Dezember oder Jänner immer noch früh genug ist. Nach dem natürlichen Rhythmus würden wir nämlich nicht das ganze Jahr über zur gleichen Zeit aufstehen und schlafen gehen. Dies ist erst durch den das Jahr über gleichbleibenden Arbeitsbeginn beziehungsweise Schulbeginn entstanden.

Freizeit: Mehr am Abend als am Morgen

Die meisten Menschen sind heute berufstätig, das Freizeitverhalten hat sich also geändert. Die meisten von uns, kommen erst am späten Nachmittag von der Arbeit, bzw. Schule nachhause. Umso wichtiger sind die langen Abende geworden, da unter der Woche kaum noch jemand am Vormittag, z.b. ins Freibad gehen kann. Das betrifft auch andere sportliche Aktivitäten, die abends noch bei Helligkeit möglich sind. Oder schlicht und einfach die Sommerabende im Freien genießen, sie es auf dem Balkon, im Garten, oder bei einem schönen Abendspaziergang in der Natur.

Gerade jetzt in der Pandemie ist die Umstellung auf Sommerzeit enorm wichtig, da durch die längeren hellen Abende mehr Bewegung im Freien bei Helligkeit gemacht werden kann. Das ist wiederum für unsere Jugend wichtig und beugt Übergewicht, Haltungsschäden und auch Kurzsichtigkeit vor. Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, wie negativ sich Lichtmangel und auch Vitamin-D-Mangel auf die menschliche Psyche auswirkt. Auch diesem wird durch die Sommerzeit entgegengewirkt.

Autor: Dr. Bernd Sommer, geboren 1973, arbeitet als Dokumentarmediziner im LKH West in Graz und beschäftigt sich mit dem Thema Zeitumstellung, sowie mit den Themen Meteorologie und Klimatologie.

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