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Wifo/IHS: 2020 "tiefe, jedoch kurze Rezession in Österreich"

2020 ist Zeitpunkt der Rezession, 2021 soll der Aufschwung kommen.
2020 ist Zeitpunkt der Rezession, 2021 soll der Aufschwung kommen. ©pixabay.com (Sujet)
Österreich erfährt 2020 einen noch nie da gewesenen Wirtschaftseinbruch von rund 7 Prozent. 2021 soll jedoch der Aufschwung folgen.

Die Coronavirus-Pandemie beschert Österreich heuer einen nie da gewesenen Wirtschaftseinbruch von rund 7 Prozent sowie Rekorde bei Arbeitslosenrate und Budgetdefizit von jeweils rund 10 Prozent. Nächstes Jahr sollen die Wirtschaft aber gut 4 bis knapp 6 Prozent wachsen sowie der Konsum und die Investitionen anziehen, prognostizierten am Freitag die Fachleute von Wifo und IHS.

"Tiefe, jedoch kurze Rezession" erwartet

Es werde eine "tiefe, jedoch kurze Rezession in Österreich geben", so das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), wobei sich der Abschwung auf zwei Quartale beschränken sollte, so die Experten. Trotz des Wachstums 2021 werde das Vor-Corona-Niveau damit jedoch noch nicht erreicht sein.

Bei der Bewältigung der Krise sollte die Wirtschaftspolitik auf eine Stärkung der Wachstumskräfte setzen, da das auch die nötige Budgetkonsolidierung erleichtere, betonte das Institut für Höhere Studien (IHS). Und es hebt hervor, dass der heurige BIP-Rückgang bei einer zweiten Covid-19-Welle größer ausfallen könnte.

Nach noch 1,6 Prozent realem Wirtschaftswachstum 2019 rechnen Wifo und IHS für heuer mit 7,0 bzw. 7,3 Prozent Abschwächung, für 2021 mit 4,3 bzw. 5,8 Prozent Plus. Die Arbeitslosenrate, die 2019 nach nationaler Rechnung 7,4 Prozent betrug, dürfte heuer auf 9,7 (Wifo) bis 10,2 (IHS) Prozent klettern und 2021 mit 8,9 bzw. 9,2 Prozent recht hoch bleiben. Nach 0,7 Prozent Budgetüberschuss gemessen am BIP im Vorjahr dürften heuer 10,3 bzw. 11,5 Prozent Budgetdefizit ins Haus stehen, 2021 dann 6,0 bzw. 4,0 Prozent Minus.

Neue BIP-Prognose kaum schlechter als vor zwei Monaten

Die neue BIP-Prognose des Wifo ist übrigens kaum schlechter als jene von vor zwei Monaten. Damals, bereits fünf Wochen nach Beginn des Lockdown, hielt man 5,25 bis 7,5 Prozent BIP-Rückgang für heuer für möglich, bei der Arbeitslosigkeit freilich erst 8,7 Prozent und beim Defizit 7,4 Prozent des BIP.

APA

Wifo/IHS: "Tiefste Rezession in Österreich seit Zweitem Weltkrieg"

Ausgelöst wurde die weltweite schwere Rezession durch die umfangreichen, von der Politik verhängten Restriktionen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. "In Österreich ist dies die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg", erklärte das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) am Freitag zur neuen vierteljährlichen Konjunkturprognose.

Der Rückgang der Wirtschaftsleistung sei 2020 deutlich stärker als 2008/09 in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise - der Tiefpunkt scheine aber schon durchschritten und die Erholungsphase eingeleitet zu sein, so das Wifo. Die Unsicherheit halte aber an, auch zum weiteren Verlauf der Pandemie. Die Prognosen von Wifo und IHS stehen unter dem Vorbehalt, dass keine zweite große Welle aufflammt - denn je länger die Wirtschaft nicht aktiv wäre, desto stärker könnte sie dauerhaft geschädigt werden.

Rückgang der Wirtschaftsleistung pro Woche bei 25 Prozent

Das IHS geht fürs laufende erste Halbjahr von 9,5 Prozent BIP-Rückgang im Jahresabstand aus - und das Wifo nimmt an, dass in der zweiten März-Hälfte die Wirtschaftsleistung sogar um bis zu einem Viertel geschrumpft sein dürfte. Laut Oesterreichischer Nationalbank (OeNB) betrug der Rückgang der wöchentlichen Wirtschaftsleistung im Lockdown rund 25 Prozent (Ende März bis Mitte April) bzw. 20 Prozent (Mitte April bis Anfang Mai), erinnert das IHS. Seit Anfang Mai seien es rund 10 Prozent Minus.

Denn die Schließungsschritte lösten Angebotsschocks aus - und die Zurückhaltung bei Konsum, Investitionen und Auslandsnachfrage auch Nachfrageschocks. Binnen weniger Wochen änderten sich die wirtschaftlichen Aussichten grundlegend. Angebotsseitig unter Druck kamen Sachgütererzeugung sowie Gastronomie, Beherbergung, Verkehr. Nun zeichne sich eine Erholung ab - wegen der schrittweisen Rücknahme der Eindämmungsmaßnahmen und weil sich Privathaushalte und Firmen immer mehr an gewisse bleibende Einschränkungen anpassen, so das Wifo.

Konjunktureinbruch besonders für Arbeitsmarkt verheerende

Für den Arbeitsmarkt ist der Konjunktureinbruch verheerend - der langjährige Aufbau der Beschäftigung endete im März abrupt und die Arbeitslosigkeit stieg erheblich. Kurzarbeit schränkt die Negativeffekte ein und soll Menschen für die kommende Erholung in den Betrieben halten. Dennoch erwartet das Wifo für 2020 einen Rückgang der Beschäftigung um 2,1 Prozent, nach noch 1,6 Prozent Anstieg 2019 - das IHS geht von 2,5 Prozent Rückgang und dann 1,5 Prozent Anstieg aus. "Der größte Teil der krisenbedingten Anpassung auf dem Arbeitsmarkt dürfte über eine Verringerung der Arbeitszeit erfolgen", meint das Wifo. Heuer dürften um 7,0 Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet werden, 2021 dann 4,6 Prozent mehr.

Auch global stürzte die Konjunktur ab - das IHS spricht vom stärksten Einbruch der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren. International wurde die Wirtschaftsaktivität angesichts des weltweit rasanten Anstiegs der Infektionszahlen im ersten und vor allem im zweiten Quartal in vielen Ländern drastisch eingeschränkt - durch die schrittweisen Lockerungen wird für die restliche Jahreshälfte jedoch eine allmähliche Erholung erwartet. "Im zweiten Quartal dürfte der Tiefpunkt der weltweiten Rezession erreicht worden sein, und die Weltwirtschaft sollte ab der Jahresmitte wieder expandieren", so das IHS. Aus dessen Sicht dürfte der Euroraum heuer um 8,5 Prozent schrumpfen, stärker als Österreich, und dann 2021 um 6,3 Prozent zulegen. Die Weltwirtschaft sieht man heuer um 4,8 Prozent zurückgehen, 2021 sollte sie dann um 5,3 Prozent wachsen. Stärker trifft es den Welthandel, der dürfte heuer um 13 Prozent einbrechen und 2021 mit plus 8 Prozent wieder an Fahrt gewinnen, so das IHS.

Exporte brechen heuer stark ein

Österreichs Exporte brechen heuer wegen der weltweiten Rezession stark ein, nämlich um 14,8 Prozent aus Sicht des Wifo, dabei die Warenexporte allein um 13,5 Prozent. 2021 sollte es dann eine Steigerung um 9,5 bzw. 7,1 Prozent geben, wird erhofft. Beim IHS rechnet man für heuer mit 11,3 Prozent Rückgang der Gesamtexporte, 2021 mit 9,0 Prozent Anstieg; die Importe sieht man heuer wegen der schwachen Inlandsnachfrage 7,3 Prozent tiefer, erwartet dann aber 5,4 Prozent Plus.

Die Investitionen in Österreich dürften heuer um 6,5 Prozent sinken, 2021 dann 4,8 Prozent zunehmen. Laut Umfrage im Mai strichen 21 Prozent der Unternehmen Investitionsprojekte - besonders stark im Dienstleistungs- und Sachgüterbereich, weniger in der Bauwirtschaft, so das Wifo. Der Privatkonsum dürfte heuer um 5,5 Prozent schrumpfen, nimmt das Institut an, 2021 soll es durch eine wieder geringere Sparquote 4,5 Prozent Ausweitung geben.

Inflationsseitig gibt es eine Entspannung - vor allem durch die Rohölverbilligung. Im Mai lag die Inflationsrate bei 0,7 Prozent, die Kernrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) bei gut 1,5 Prozent. Heuer und nächstes Jahr dürfte die Teuerungsrate mit 0,6 bzw. 0,9 Prozent sehr gedämpft bleiben, nimmt das Wifo an, das IHS geht von 1,0 und 1,3 Prozent aus. Die im gesamten Prognosezeitraum negative Produktionslücke (Output-Gap) dürfte die Teuerung dämpfen - dadurch wirkt in der Covid-19-Krise der negative Nachfrageschock stärker als der negative Angebotsschock. Dagegen dürfte der Anstieg der Lohnstückkosten (wegen der recht hohen Lohnabschlüsse von 2019) den Preisauftrieb heuer verstärken, erklärt das Wifo.

Staatshaushalt durch Regierungs-Maßnahmen massiv belastet

Der Staatshaushalt wird durch die Maßnahmen der Regierung massiv belastet - allein das schon im März aufgelegte Hilfspaket umfasst 38 Mrd. Euro zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Covid-19-Folgen, samt den Mitte Juni bei einer Regierungsklausur vorgestellten Maßnahmen geht es um insgesamt 50 Mrd. Euro. Deshalb geht das IHS für heuer von einem gesamtstaatlichen Defizit von 11,5 Prozent des BIP aus, nächstes Jahr könnte das Defizit auf 4,0 Prozent zurückgehen. Beim Wifo kalkuliert man mit heuer 10,3 Prozent und 2021 dann 6,0 Prozent Defizit. 2019 hatte es noch 0,7 Prozent Maastricht-Überschuss gegeben.

Unsicherheiten gibt es laut Wifo vor allem zum erwarteten Budgetvolumen der Kurzarbeit und der Fixkostenzuschüsse. In der aktuellen Budgetprognose werden für die Kurzarbeitsbeihilfe 8,2 Mrd. Euro und für die Fixkostenzuschüsse 7,8 Mrd. Euro veranschlagt. Das liege noch deutlich unter dem vorgesehenen Höchstrahmen für beide Maßnahmen von je 12 Mrd. Euro.

Mögliche Reformen könnten Einsparungspotenziale heben

"Die Abschätzung des Budgetdefizits ist mit großer Unsicherheit behaftet", sagt auch das IHS und hält nach Bewältigung der Krise jedenfalls Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung für notwendig. "Die Wirtschaftspolitik sollte durch die Förderung von Zukunftsinvestitionen in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung, Technologie und Infrastruktur die Wachstumskräfte der heimischen Volkswirtschaft stärken", wird betont. Nötig seien auch wirksame Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele. Reformen etwa in den Bereichen Pensionen und Föderalismus könnten Einsparungspotenziale heben.

7-Prozent-Einbruch für Blümel "keine massive Überraschung"

Für Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) ist der von Wifo und IHS prognostizierte coronabedingte Wirtschaftseinbruch von rund 7 Prozent "keine massive Überraschung". Es handle sich um eine "Momentaufnahme. Ich hoffe, dass es sich noch verbessert bis zum Jahresende." Grundvoraussetzung sei, eine zweite Coronawelle zu verhindern. "In diesem Sinne bitte ich alle, sich an die Abstandsregeln zu halten."

Bezogen auf das Budgetdefizit, Maastrichtkriterien und einen finanziellen Spielraum im Staatsbudget für eine etwaige zweite Welle sprach Blümel bei einer Pressekonferenz am Freitag auf Nachfrage davon, dass die Herausforderungen derzeit für alle Staaten groß seien. Österreich habe in den vergangenen Jahren seinen Schuldenberg von rund 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf unter 70 Prozent gedrückt. Die Konditionen bei 10-Jährigen Anleihen seien derzeit "teils besser" als vor dem Ausbruch der Coronakrise. "Das zeigt, dass der Markt vertrauen in Österreich als stabilen Schuldner hat", sagte der Politiker.

Wifo/IHS: Coronahilfe der Politik richtig - Hypothek Arbeitslosigkeit

Die Geld- und Konjunkturhilfen der Regierung gegen die Coronaviruskrise waren absolut notwendig und richtig, auch wenn dies das Budgetdefizit enorm hochtreibt - das betonten am Freitag die Chefs von Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und Institut für Höhere Studien (IHS). Gegen das größte, länger bleibende Problem der hohen Arbeitslosigkeit forderten sie Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen.

"Der Arbeitsmarkt ist das sozialpolitisch dramatischste Kapitel" an der Coronakrise, meinte Wifo-Leiter Christoph Badelt, weil nicht einmal alle Betroffenen in der Statistik auftauchen würden, etwa Ein-Personen-Unternehmer, die gleich in die Mindestsicherung abzurutschen drohten. Die Arbeitslosenrate, 2019 nach nationaler Rechnung 7,4 Prozent, dürfte laut neuen Konjunkturprognosen von Freitag heuer auf 9,7 (Wifo) bis 10,2 (IHS) Prozent klettern und auch 2021 mit 8,9 bzw. 9,2 Prozent recht hoch bleiben.

"Wir werden eine aktive Arbeitsmarktpolitik brauchen, um möglichst wenig Langzeitarbeitslosigkeit entstehen zu lassen", sagte IHS-Chef Martin Kocher vor Journalisten. Vor allem Einsteiger in den Beruf seien betroffen, hier müsse man eine "verlorene Generation" vermeiden, forderte er im Radio aktive Arbeitsmarktmaßnahmen. Für den Herbst bedürfe es eines großen Pakets an Maßnahmen. Die Sozialpartner würden schon darüber verhandeln, auch zum Thema Qualifizierung. Klarheit darüber erhoffe er sich bereits für Juli: "Wir müssen schauen, dass möglichst wenig aus der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit kommen., so Kocher.

Verlängerung der speziellen Corona-Kurzarbeit teilweise vorstellbar

Sowohl IHS-Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer als auch, bedingt, Wifo-Chef Badelt können sich eine Verlängerung der speziellen Corona-Kurzarbeit für bestimmte besonders belastete Branchen vorstellen, etwa Tourismus oder Gastronomie. Ansonsten würde man zum normalen Kurzarbeitsmodell zurückkehren, wie es seit 1968 besteht, so Hofer im Pressegespräch. "Gegen die Kurzarbeit alt hab' ich nichts", meinte Badelt, warnte zugleich aber davor, die jetzigen Sonder-Alimentierungen zu lange, in eine bessere Konjunktur hinein zu geben. Wenn das Einkommen gleich hoch sei ob man arbeite oder nicht, sei das ökonomisch kein guter Anreiz, betonte der Wifo-Chef, auch wenn das die Gewerkschaft nicht freue. Großzügigere Branchenlösungen, für Tourismus oder auch einige Industriesparten wie die voestalpine, die unter Exportproblemen leide, könne er sich schon vorstellen.

Dass das Arbeitsmarktservice (AMS) für die Krise nicht die richtigen Instrumente habe, wolle er nicht sagen, so Badelt vor Journalisten, aber vor allem bei den Jungen werde das AMS oft als Substitut für Ausbildung verwendet. Junge Menschen seien besonders gefährdet, das sei "fatal". Dringend nötig seien Qualifizierungsmaßnahmen und eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Schwierig werden könnte es für kleine Selbstständige, "da kann sich eine neue Form des Proletariats bilden", sagte er im Radio.

"Das regt uns nicht wahnsinnig auf", dass das Budgetdefizit durch die "wichtigen Nothilfen" der Regierung heuer auf 10 oder 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ansteigen wird, meinte Badelt - nach einem kleinen Maastricht-Überschuss im vorigen Jahr. "Hätten wir diese Rosskur", nämlich die Regierungshilfen, nicht gehabt, hätte es "eine Katastrophe" gegeben, erklärte Badelt.

Staatsschuldenquote mit einem Wert "bis in die oberen 80 %"

Für die Staatsschuldenquote rechne man mit einem Wert "bis in die oberen 80 Prozent" gegenüber früher 70 Prozent. Bei der Defizitquote werde Österreich "bis 2024 nicht unter die 3 Prozent kommen", erwartet der Wifo-Chef: "Das 2021er Budget steht noch im Schatten von Corona, da wird man jedes Defizit akzeptieren." Auch Kocher begrüßt das rasche Handeln der Regierung: "Die Maßnahmen waren zur Bewältigung der Krise notwendig, auch wenn sie den Staatshaushalt belasten."

Nach Abflauen der Krise werde man trachten müssen, Klein- und Mittelbetrieben eine bessere Kapitalausstattung zu ermöglichen - viele KMU hätten nämlich zu wenig oder gar ein negatives Eigenkapital, so Badelt. Es gebe derzeit viele Firmen, "die es eigentlich nicht mehr geben sollte". Im Konjunkturprogramm der Regierung stehe zum Eigenkapital derzeit nicht mehr als die "Überschrift"; es gelte privates Kapital, Risikokapital "herauszulocken", auch aus den Stiftungen.

(APA/Red)

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