Wiens finstere und gefährliche Ecken: Stadtbau ohne Kriminalprävention

In der Wiener Innenstadt sind die meisten Straßen gut beleuchtet - in Floridsdorf sieht die Sache teils anders aus
In der Wiener Innenstadt sind die meisten Straßen gut beleuchtet - in Floridsdorf sieht die Sache teils anders aus ©Bilderbox (Sujet)
Dunkle Gänge und fehlendes Licht beim Stadtbau: Kriminalitätsbekämpfung beginnt mit der Prävention, und Verbrechensvorbeugung beginnt bei der Stadtplanung. Dass dies bei der Planung von Bauprojekten in Wien nicht immer berücksichtigt wurde und wird, dafür gibt es genug Beispiele.

“Am sichersten fühle ich mich, wenn ich an Sicherheit nicht denken muss”, sagte dazu der Stadtsoziologe und Kriminologe Günter Stummvoll am Mittwoch bei einem Lokalaugenschein in Floridsdorf in Sachen Stadtbau.

 Im Fokus: Gebäude in Wien-Floridsdorf

Die Good- und Bad-Practice-Beispiele liegen im transdanubischen Bezirk Floridsdorf gar nicht so weit auseinander, in diesem Fall etwa fünf Straßenbahnstationen: zum Beispiel der Dr. Franz-Koch-Hof in der Mitterhofergasse in Jedlersdorf und der Paul-Speiser-Hof gleich beim Floridsdorfer Bahnhof. Ersterer entstand in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre und bietet derzeit Platz für 2.900 Bewohner in 1.426 Einheiten.

Der Paul-Speiser-Hof ist ein typischer Gemeindebau, der Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre entstanden ist. In ihm leben etwas mehr als 1.000 Menschen in 469 Wohnungen.

Bauhöhe relevant in Sachen Sicherheit

Einer der signifikantesten und im kriminalpräventiven Kontext wichtigsten Unterschiede ist die Bauhöhe: Während der Speiser-Hof vier Geschoße umfasst, sind es im Koch-Hof bis zu 17. “Die Bauhöhe spielt eine wichtige Rolle. Ab einer bestimmten Zahl von Stockwerken fehlt der Bezug der Wohnung zum Umfeld”, erläuterte Stummvoll. Der Abstand zwischen der Wohnung und dem Geschehen im Hof fehle, und das geht wiederum zulasten der sozialen Kontrolle. Der Bewohner nimmt zwar wahr, was sich “unten” abspielt. Er bringt dies aber nicht mit sich selbst in Zusammenhang.

Angsträume in Gemeindebauten

In Sachen Stadtbau und Kriminalprävention seien vor allem zwei Dinge wichtig, so der Experte: Angsträume und die Identifikation mit der Anlage. Letzteres wurde zum Beispiel bei den Gemeindebauten des sozialdemokratischen Wiens in den 20er-Jahren besonders gut gelöst, nicht zuletzt wegen des historischen Kontexts der Auseinandersetzungen mit den Christlich-Sozialen und ihren faschistischen Heimwehren verständlich. Sie seien festungsartig, wird diesen Gemeindebauten meist nachgesagt.

Nicht alles im Koch-Hof ist schlecht. So gibt es freie Flächen mit Kinderspielplatz und Begegnungszonen. Die Beleuchtung wurde zum Teil modernisiert. Die neuen Lampen geben tatsächlich den Wegen Licht, die älteren strahlen hingegen nach allen Richtungen ab.

Finstere Wege mit Gebüschen

Doch es finden sich auch zahlreiche Angsträume: dunkle, verwinkelte, niedrige Durchgänge, unbeleuchtet obendrein, Wege, die von beiden Seiten durch Gebüsche gesäumt sind und wo man ebenfalls vergeblich nach einer Leuchte sucht. Die Durchgänge im Speiser-Hof sind höher und gerade. Ein Gebüsch, das Straftätern ein gutes, von den Wohnungen uneinsehbares Versteck bieten würde, war ebenfalls nicht zu finden.

Eines der Grundprobleme sprach August Baumühlner von der Kriminalprävention des Wiener Landeskriminalamtes (LKA) an: Verbrechensvorbeugung in der Planung von Stadtbauprojekten gibt es viel zu selten. “Es ist schon so, dass wir oft zu relativ fertigen Projekten gerufen werden”, sagte der Polizist. Die Kriminalprävention sei bisher auch nicht bei Wiens größtem Stadtentwicklungsprojekt, der Seestadt Aspern, eingebunden worden.

Stadtbau: “Werkzeugkiste” für Stadtplaner

 für Für Stummvoll beginnt das Grundproblem an den Universitäten. “Ich könnte mir auch vorstellen, dass das in der Architektenausbildung nachgefragt wird”, sagte der Experte. Ebenso seien Landschaftsplaner und -architekten gefragt. In England gebe es etwa eigene, als architektonische Berater ausgebildete Polizisten.

Ein geeignetes Instrumentarium wäre eigentlich auch vorhanden – die “Werkzeugkiste” nannte es Stummvoll in einer früheren Publikation einmal. In der europäischen Vornorm ENV 14383-2 wird zum Beispiel empfohlen, dass bestehende soziale und physische Strukturen von Stadtplanern zu berücksichtigen sind, Enklaven vermieden werden sollen, für Belebtheit gesorgt werden sollte oder es gut wäre, eine Nutzungsmischung zu ermöglichen, damit man Isolierung und Segregation vermeiden kann.

Die Vornorm sei ein Leitfaden. “Ich glaube, dass die EVN 14383-2 einfach noch zu wenig bekannt ist”, sagte dazu Johannes Stern, Sprecher der für Normen zuständigen Plattform Austrian Standards Institute. Die verantwortlichen Personen würden noch nicht genug über diese Vornorm wissen.

(apa/red)

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