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Wiener Studie beschäftigt sich mit Radikalisierung in Corona-Zeiten

Eine Wiener Studie hat sich mit Radikalisierung beschäftigt.
Eine Wiener Studie hat sich mit Radikalisierung beschäftigt. ©pixabay.com (Sujet)
Ein Wiener Forschungsteam hat untersucht, wie es in der Corona-Pandemie zu Radikalisierung in Richtung Verschwörungstheorien kommt. 600 Studenten nahmen an der Studie teil.

Mit der Frage, was es braucht, damit die sehr spezielle Situation durch die Coronapandemie zu einer Radikalisierung in Richtung der zahlreich kursierenden Verschwörungsmythen führt, hat sich ein Wiener Forschungsteam befasst. Die Befragung unter Studenten zeigte, dass rund 30 Prozent dafür anfällig sind. Das sollte man zwar "nicht überdramatisieren", aber intensiv über Auswege und Perspektiven für Betroffene nachdenken, so Studienleiter Jürgen Grimm zur APA.

Studie mit 600 Studenten durchgeführt

Entstanden ist die Untersuchung im Rahmen des Forschungsprojektes "Kommunikationsmuster der Radikalisierung" (COMRAD), das von Grimm am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien geleitet wird. Am Freitagnachmittag werden einige Ergebnisse aus dem mehrjährigen Vorhaben bei einer von der Forschungsgruppe "Empirische Kommunikationsforschung" (empcom) organisierten Konferenz mit dem Titel "Radikalisierung und Deradikalisierung. Konzepte - Effekte - Resilienz" vorgestellt.

Durchgeführt wurde Grimms Studie, an der rund 600 Studenten teilnahmen, "mitten in der Coronakrise. Wir haben untersucht, welche Faktoren zu Radikalisierungsprozessen beitragen können". Weiß man darüber mehr, könne man sich auch überlegen, wie diese Personen wieder aus dem Sog herausgeholt werden können, gab sich der Wissenschafter überzeugt, der betonte, dass sich die Gesamtwerte für Radikalisierungstendenzen in der Coronazeit nicht erhöht haben. Das zeigen Vergleichsdaten aus der Zeit vor Corona.

"Höhlenpathologie" als Erklärungsfaktor entpuppt

Speziell im Zusammenhang mit der Krise glaubt Grimm aber, dass auch tief verwurzelte evolutionsbiologische Faktoren eine Rolle spielen. So ist der Mensch im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte vermutlich mehrmals nur knapp dem Verschwinden entronnen. In derartigen Zeiten rapider Abkühlung war er zum Überleben auf Höhlen angewiesen, in denen viel Zeit in karger Umgebung verbracht werden musste.

Gerade in der erzwungenen Einschränkung der Perspektive dürfte sich Erstaunliches ereignet haben. Denn laut Paläoanthropologen brachten solche Phasen unsere Vorfahren technisch und kulturell voran, wie sich in eindrucksvollen Höhlenmalereien oder Werkzeug-Innovationen zeigt. Grimm nennt dieses Phänomen "Höhlenkompetenz".

Genau diese war auch in Zeiten der Lockdowns gefragt, so die Idee. Wer es also schafft, in der Einengung für sich sinnvoll tätig zu sein und kulturell und weltanschaulich offen zu bleiben, übersteht solche Zeiten besser.

"Komme ich in der Pandemiesituation schlecht zurecht und habe eine gewisse Neigung zum Leiden in dieser Zurückgezogenheit, dann fange ich auch an, mir Gedanken darüber zu machen, wer dafür verantwortlich ist. Auf der Grundlage entwickelt sich eine Art 'Offenheit für Verschwörungsnarrative"", erklärte Grimm. Diese "Höhlenpathologie" habe sich in den Studiendaten auch tatsächlich als Erklärungsfaktor entpuppt.

"Faktoren der Radikalisierung" erforscht

Ebenso einen Einfluss hatte es, wenn Menschen die Welt insgesamt als höchst unberechenbar und im Wertezerfall begriffen gesehen haben. Zeigten Teilnehmer die Tendenz, die Umwelt als "hostilisiert", also mit vermeintlichen Feinden gespickt, zu sehen, erhöhte das ebenso die Wahrscheinlichkeit, sich in Fundamentalopposition zu den Eindämmungsmaßnahmen und deren Verkünder zu begeben. Ähnlich verhielt es sich in der Analyse mit Menschen, die zu Einiglungstendenzen ("Cocooning") neigten. Ein weiterer Faktor ist "ein generelles Misstrauen gegenüber Institutionen und Eliten", bei einem gleichzeitig vorhandenen paradoxen Wunsch nach Unterordnung zu einem Guru oder "starken Führer - der ja natürlich auch eine Elite wäre", so Grimm.

Diesen "Faktoren der Radikalisierung" stehen die (Höhlen-)Kompetenz - nämlich kreativen Nutzen aus der unangenehmen Situation zu ziehen, nicht in paranoide Tendenzen zu verfallen und seine Fantasie im Sinne einer wie auch immer gearteten kulturellen Betätigung zu kanalisieren. Ebenso geschützter waren Menschen, die Dinge weiter von verschiedenen Standpunkten betrachten konnten und die sich ihr Mitgefühl weitgehend erhielten, ohne davon in Richtung überschießende Empörung geleitet zu werden. Gegenüber Mythen resilienter waren auch Menschen mit Vertrauen in die Wissenschaft und Institutionen.

Studie mit Möglichkeit für Deradikalisierungs-Strategien

"Das sind alles Einhakpunkte für mögliche Deradikalisierungs-Strategien", betonte Grimm. Eine der wichtigsten Rollen komme hier vor allem der Kunst und Kultur zu, die der Entwicklung von bedenklichen psychischen Tendenzen stark entgegenwirke. Dass sie jetzt diese Rolle wieder stärker spielen kann, könne man daher nur begrüßen. Kommt wieder eine derartige Situation auf uns zu, sollte diesem psychischen Stabilisierungsfaktor, der Entspannung und Anregung bringt, auch stärker Rechnung getragen werden, so der Forscher: "Das ist unser wichtigstes Instrument", um die "Gefahr von kollektiven pathologischen Prozessen" nicht zu groß werden zu lassen.

(APA/Red)

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