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Wiener Staatsoper: Der "Figaro" heiratet im Bilderdepot

Regisseur Jean-Louis Martinoty hat keinen leichten Stand beim Wiener Publikum: Bei der zweiten Mozart-Premiere unter dem neuen Leitungsduo der Staatsoper hagelte es für seine Interpretation von "Le nozze di Figaro" Buhrufe - nachdem im Dezember schon seine "Don Giovanni"-Inszenierung in der Luft zerrissen worden war.
"Le nozze di Figaro" in der Wiener Staatsoper

Stattdessen überzeugte das Sängerensemble mehrheitlich, allen voran Dorothea Röschmann in der Rolle der Contessa d’Almaviva, und die musikalische Interpretation des Staatsopernorchesters. Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst, der für den “Figaro” persönlich am Pult stand, verzichtete auf Effekthascherei, sondern verlegte sich auf eine frische Deutung mit schnellen Tempi.

Röschmann führte als leidende Gräfin das Ensemble stimmlich fraglos an, beeindruckte mit Schmelz und scheinbar müheloser Strahlkraft. Ihr als Gegenspieler zur Seite Conte d’Almaviva, gesungen von Erwin Schrott, der routiniert den liebestollen Grafen gab, bei den Koloraturen jedoch eher schaumgebremst agierte und mit stimmlicher Brillanz sparte. Den beiden als Protagonisten gegenüber Susanna, von Ensemblemitglied Sylvia Schwartz als charmant-patente Zofe samt eindrucksvollem Ausschnitt gespielt und mit leichter, wenn auch nicht allzu tragender Stimme gesungen, sowie Hausdebütant Luca Pisaroni als Titelfigur. Der Schwiegersohn von Thomas Hampson, der schon 2001 sein persönliches Operndebüt am Klagenfurter Stadttheater mit dem “Figaro” feierte, unterstrich zwar sein schauspielerisches Talent in der Staatsoper, nahm gesanglich jedoch selbst seine Arienpartien eher als Halb-Rezitative.

Vom Auditorium wurde das Ensemble jedoch – mit Nuancen – weitgehend gefeiert und bereits zur Pause vor den Vorhang gebeten. Einzig Anna Bonitatibus musste für ihre allzu verklemmte, wenig pubertär-erotisierte Interpretation der Hosenrolle des Cherubino einige Buhs einstecken – Unmutsäußerungen, die allerdings hinter der klaren Ablehnung zurückstanden, als Regisseur Martinoty die Bühne betrat.

Dieser hatte für seinen “Figaro”, der Jean-Pierre Ponnelles Interpretation aus 1977 ersetzt, die an der Staatsoper zuletzt 2010 zu sehen war, auf eine Arbeit zurückgegriffen, die er 2001 unter dem neuen Staatsoperndirektor Dominique Meyer am Pariser Theatre de Champs-Elysees erstellt hatte. Mit einem Bilderdepot lösen Martinoty und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch die Raumfrage. Mit insgesamt 36 von der Decken hängenden Alten Meister gelingt in der 2003 in Frankreich zur “Opernproduktion des Jahres” gewählten Inszenierung der Spagat zwischen modernem Bühnenraum ohne Kulissenschieberei und stimmigem Zeitkolorit angesichts der auf die jeweilige Szenerie abgestimmten Motive. Wenn etwa beim nächtlichen Verwirrspiel im Garten vornehmlich Blumenstillleben gezeigt werden, bietet sich die Möglichkeit zum Versteckspiel hinter vermeintlichem Strauchwerk.

Martinoty, bekannt für sein eingehendes Studium des Librettos und dessen Vorgeschichte sowie der musikalischen Vorgaben, erweist sich dabei als großer Bewegungschoreograph der Solisten, welche die Bühne dynamisch bespielen und allesamt große schauspielerische Qualitäten unter Beweis stellen. Bei den Massenszenen mangelt es dem Regisseur dafür an der Fähigkeit, Dynamik und raumgreifende Abläufe zu koordinieren. Wirklich negativ stechen jedoch nur die unsäglich altbackenen Kostüme von Sylvie de Segonzac ins Auge, welche im Gegensatz zum Bühnenbild keinerlei Schritt in die Abstraktion wagen und in ihrer Mieder- und Posamentenlastigkeit das klare Konzept Schavernochs konterkarieren.

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