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Wiener Philharmoniker "blicken mit großer Sorge in die Zukunft"

Die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert 2020.
Die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert 2020. ©APA/HANS PUNZ
Im Gespräch mit der APA zieht Vorstand Daniel Froschauer (54) eine sehr zufriedene Bilanz und freut sich auf die kommende erste Staatsopernsaison mit Direktor Bogdan Roscic und Musikdirektor Philippe Jordan. Er bekennt aber auch: "Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft."

Nach dem Shutdown mussten auch die Wiener Philharmoniker ihren Konzert- und Probenbetrieb einstellen. "Wir haben nie eine Zeit gehabt in 179 Jahren Geschichte unseres Orchesters, in der die Philharmoniker dreieinhalb Monate nicht miteinander gespielt haben." Doch sie wurden aktiv, organisierten Aerosoltests und ließen ihre Verbindungen spielen: "Ich habe damals mit dem Bundeskanzler gesprochen, und der hat Grünes Licht gegeben. Wir haben gesagt, wir werden getestet, wir tragen Masken, wir halten die Abstände hinter der Bühne rigoros ein. Das haben wir gemacht und mit diesen acht Konzerten im Juni bewiesen, dass man etwas machen kann in der Coronazeit", sagt der Geiger, der im September 2017 Andreas Großbauer als Vorstand des Orchesters ablöste.

Corona-Pandemie trifft auch Wiener Philharmoniker

"Nach unserem ersten Konzert mit Daniel Barenboim im Juni hat er gesagt, er hat die Fünfte von Beethoven noch nie so erlebt: Jeder spielt um sein Leben. So soll es auch sein. Wir waren ja auf dem Beethoven-Zyklus in München, da haben wir die ersten zwei Abende noch gespielt, da war das letzte Stück auch die Fünfte Beethoven. Das war für uns die große Klammer. Dort haben wir schon gespürt, es kommt eine Veränderung, man hat nur noch nicht wissen können, welche. Auch da haben wir ums Leben gespielt. Am nächsten Tag hat Kanzlerin Angela Merkel zur Solidarität gegen das Virus aufgerufen, und da war uns klar, dass wir nicht mehr spielen können. Es war eine schreckliche Zeit."

Sicherheitskonzept für Salzburger Festspiele

Doch mittlerweile habe man sich mit der Situation weitestgehend arrangiert. "Die Salzburger Festspiele haben unser Sicherheitskonzept in Wien genau verfolgt und viel davon übernommen." Die Maßnahmen nehme "jeder von uns sehr, sehr ernst, weil wir wissen, das muss gut gehen, damit wir im September spielen können. Wenn bei den Festspielen in Salzburg etwas passiert ist, wird der September für uns wegbrechen." Im Einzelnen bedeute dies u.a.: "Bevor ein Konzertblock anfängt, testen wir am Tag davor. Das sind stressvolle Stunden, bis der Test zurückkommt, aber bis jetzt waren alle immer negativ. Einmal war ein Test nicht eindeutig, und der Betreffende durfte sofort die Probe nicht spielen. Da hat man schon gesehen: Das ist alles nicht zum Spaß." Auch die sozialen Kontakte habe man drastisch reduziert: "Die Wiener Philharmoniker waren in Salzburg zu einigen Veranstaltungen eingeladen, da ein Empfang, hier ein Abendessen. Wir haben alles abgesagt, weil wir gesagt haben: Für uns ist es so wichtig, dass wir im September spielen können, dass wir uns wirklich so wenig wie möglich einer Gefahr aussetzen wollen."

Und wie beurteilt der auf einer Stradivari spielende Primgeiger, der seit 1995 dem Orchester der Wiener Staatsoper und seit 1998 dem Verein der Wiener Philharmoniker angehört, das musikalische Geschehen der vergangenen Wochen? "Unsere künstlerische Bilanz für Salzburg ist großartig. Wir haben ein tolles Team gehabt, Frau Mallwitz haben wir sehr positiv erlebt. Sie ist zu uns gekommen und hat ein klares Konzept gehabt. Das hat Spaß gemacht. Das Schöne ist auch, wenn man einander hier in Salzburg kennenlernt, mit fünf oder sechs Proben und dann sechs Vorstellungen, dann kann man auch einen künstlerischen Weg sehen. Frau Mallwitz ist eine tolle Musikerin, die Sänger waren großartig und die Kürzungen sehr geschickt gemacht. Es war für mich ein tolles Erlebnis. Ich hatte ja dreieinhalb Monate davor keine Oper mehr gespielt. Und auch die 'Elektra' war ein großes Erlebnis für jeden Musiker bei uns. Das ganze Musikerlebnis ist jetzt intensiver geworden."

Saison in der Wiener Staatsoper startet am 7. September

In der Wiener Staatsoper startet die neue Saison am 7. September mit der Premiere von "Madama Butterfly", und Froschauer hofft, dass die rigiden Anti-Corona-Maßnahmen "auch von der Staatsoper übernommen werden - dass wir dort auch wöchentlich Tests haben und genauso auf alles geachtet wird." Wie ist die bisherige Zusammenarbeit des Staatsopernorchesters mit der neuen Direktion? "Als Michael Bladerer und ich vor drei Jahren zum Vorstand und Geschäftsführer gewählt worden sind, war Bogdan Roscic der Erste, der per SMS gratuliert hat, und er war auch unser erster Termin, den wir gemeinsam gehabt haben. Bis jetzt ist das amikabel. Natürlich, er ist Chef in der Oper, und die Philharmoniker wollen auch reisen, es wird sicherlich Knackpunkte geben, aber ich glaube, er ist lösungsorientiert. Es ist immer ein Miteinander, kein Gegeneinander. Bogdan Roscic, den wir ja schon viele Jahre kennen, ist ein Mann, der auf die Qualität schaut, und wir werden gemeinsam das Beste daraus machen."

Und das Verhältnis zum neuen Musikdirektor? "Ich freue mich auch auf Philippe Jordan. Er war jetzt lange nicht bei uns, aber wir sind da offen. Jordan bringt viel Erfahrung von der Pariser Oper mit. Wir Philharmoniker arbeiten gerne, um uns zu verbessern. Wenn jemand sich konstruktiv einbringt, sehen wir das positiv." Zuletzt kam die Staatsoper ja ohne Musikdirektor aus. Braucht es die Position überhaupt? "Es hat immer wieder Zeiten gegeben, in denen es keinen Musikdirektor in der Oper gegeben hat. Wir sind philharmonisch, wir haben so unsere Dirigenten, die das Neujahrskonzert dirigieren. Riccardo Muti und Franz Welser-Möst und einige andere - das sind so unsere Musikdirektoren, wenn man das sagen kann. Wir sind froh, wenn sie kommen, und wir sind auch wieder froh, wenn sie wieder gehen. Das ist aber absolut liebevoll gemeint."

"Einige Millionen Euro, die da nicht erwirtschaftet wurden"

Wie ist die wirtschaftliche Situation von Froschauer und seinen Kollegen nach vielen Monaten radikal reduzierter Tätigkeit? "In der Oper sind wir angestellt, als Wiener Philharmoniker sind wir selbstständig. Als in der Oper Angestellte haben wir 80 Prozent Kurzarbeit bekommen, und als Philharmoniker haben wir nichts bekommen, weil wir nicht gespielt haben. Wir haben 31 Konzerte nicht gespielt, das sind schon einige Millionen Euro, die da nicht erwirtschaftet wurden. Aber das ist als Unternehmer einfach so. Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft. Wir haben ja eigentlich eine Asienreise geplant für Mitte Oktober bis Mitte November. Natürlich, man kann auch mehr in Europa spielen, aber wir sind nicht nur als Botschafter in der ganzen Welt tätig, sondern das ist auch ein wirtschaftlicher Faktor, der dann wegbricht."

Froschauer hofft, dass sich der globale Konzertbetrieb wieder erholen wird. "In den schönsten und größten Konzerthallen der Welt haben wir unsere eigenen Serien. Ich glaube, dass das bleiben wird. Es ist allerdings schon so, dass Leute, die vorher nicht gut gewirtschaftet haben, jetzt Probleme haben. Das sehe ich im Umfeld anderer Orchester. Ein ganz großer Wermutstropfen ist die Situation der klassischen Musik in Amerika. Ich glaube nicht, dass es die Politik dort interessiert, ob die Metropolitan Opera spielt oder nicht. Da bin ich sehr stolz und froh, dass ich in Österreich bei den Philharmonikern spiele."

Wiener Sommernachtskonzert weitgehend ohne Publikum

Das coronabedingt auf den 18. September verschobene Sommernachtskonzert in Schönbrunn, mittlerweile ein weltweit gefragtes TV-Ereignis, findet diesmal weitgehend ohne Publikum statt. "Dieses Jahr müssen wir halt die Menschen bitten, das im Fernsehen anzuschauen. Wir müssen bei jedem Sitz wissen, wer dort sitzt. Wir haben einfach nicht die Ressourcen im Kartenbüro, das für 10.000 Menschen zu machen, geschweige denn für 20.000 oder 30.000." Eine "kleine Anzahl an Einladungen" macht allerdings heuer aus einem Massenereignis ein exklusives Event. "Ich glaube, die Menschen werden das verstehen. Die Leute, die wir einladen, sind Menschen, die unserem Orchester immer wieder geholfen haben."

Planungen für das Wiener Neujahrskonzert

Ist auch ein Neujahrskonzert vor leerem Musikvereinssaal denkbar? "Bei unseren konkreten Planungen sind wir nicht einmal über den September hinaus gekommen, weil sich so viele Dinge verschieben. Uns sind schon zwei Reisen weggebrochen, die Luzern-Reise und eine Schiffsreise. Wir haben daher über das Neujahrskonzert noch gar nicht nachgedacht. Das Wichtigste für uns sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die müssen gegeben sein. Das Neujahrskonzert soll da keine Ausnahme sein. Ich sage jetzt nicht, dass es im leeren Saal stattfinden wird, das kann ich mir auch nicht vorstellen, aber man muss die Entwicklung abwarten. Ob in vier Monaten quasi Normalbetrieb ist, lässt sich einfach nicht sagen. Wir hängen alle an der Hoffnung. Wir wollen ja spielen!", sagt der Wiener, der seine musikalische Laufbahn als Sängerknabe begann und in Wien und New York studierte. "Wir sind Musiker, da geht es nicht ums Geld, da geht es um den Beruf, unsere Liebe zu dem, was wir tun. Ich mache das ja mein ganzes Leben lang. Wenn das wegbricht, wäre es furchtbar."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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