Wiener Philharmoniker arbeiten NS-Vergangenheit auf

"Längst fällig" sei die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Wiener Philharmoniker.
"Längst fällig" sei die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Wiener Philharmoniker. ©EPA
Die Geschichte der Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus wurde von einer unabhängigen Historikerkommission untersucht. Der Blick von außen sei "längst fällig" gewesen, betonte Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker. Eine Entnazifizierung nach 1945 hatte es praktisch nie gegeben.
Gremium untersucht NS-Vergangenheit
Sommernachtskonzert am 30.5.

“Wir wissen, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind”, erklärte Hellsberg am Sonntagabend im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse der Arbeit der historischen Kommission und des Dokumentarfilms “Schatten der Vergangenheit – Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus”.

Historikerkommission fand neue Quellen

 Während der Arbeit der unabhängigen Historikerkommission, bestehend aus Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi und Oliver Rathkolb seien auch neue Quellen und Dokumente aufgetaucht, etwa Fakten zur zweiten Überreichung des Ehrenrings der Wiener Philharmoniker an den ehemaligen Reichsstatthalter in Wien Baldur von Schirach. 1942 erhielt dieser den Ehrenring der Wiener Philharmoniker. Etwa im Jahr 1966 – nach Schirachs Entlassung aus der Haft – habe ihm ein Emissär der Wiener Philharmoniker ein Duplikat des Ringes überbracht. Eine “Einzelaktion”, wie der Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg in “Schatten der Vergangenheit” betonte.

Der Historiker Wilhelm Bettelheim erzählt im Film, wer dieser mysteriöse Bote war: Helmut Wobisch, kein Unbekannter im NS-Kapitel der Geschichte der Wiener Philharmoniker. Wobisch beginnt bereits als illegaler Nationalsozialist als Spitzel zu arbeiten. Später wird er Mitglied der SS. Nach dem Krieg wird er nicht nur als zweiter Trompeter wieder eingestellt, sondern auch zum Geschäftsführer der Philharmoniker gewählt. “Das ist ein sehr plausibles Interview”, meinte Rathkolb.

NS-Vergangenheit der Philharmoniker

“Es ist immer ein Schmerz, wenn man weiß, dass man in der eigenen Familie Schlechtes getan hat. Da ist es natürlich extrem schwierig, Aufklärung voranzutreiben. Aber Fakten sind Fakten, Geschichte kann man nicht rückgängig machen. Daher ist es wichtig, dass man die Wahrheit weiß, auch wenn es Zeit braucht”, erklärte Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Er betonte zudem, dass die Aufarbeitung “nicht erst seit gestern” laufe und dass es sich sicher nicht um den Schlusspunkt, aber um eine “wichtige Etappe” handle.

Immer wieder wurde in der Vergangenheit auch eine Behinderung der Arbeit der Historiker kritisiert, etwa der fehlende Zugang zum Archiv des Vereins der Wiener Philharmoniker. Daher stellte der Regisseur von “Schatten der Vergangenheit”, Robert Neumüller, gleich zu Beginn klar: “Ich wurde von keiner Seite behindert. Mir stand alles offen, es gab keinerlei Einflussnahme.” Seine Intention sei es gewesen, die Emotionen, die dieses Thema hervorrufe, “endlich dorthin zu lenken, wo sie auch hingehören: Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.”

SS-Mitglieder bei den Wiener Philharmonikern

Neu ist auch die ungewöhnlich hohe Anzahl der Mitglieder der NSDAP unter den Philharmonikern: Von 123 aktiven Musikern waren 60 Anwärter oder Mitglieder der nationalsozialistischen Partei und zwei Mitglieder der SS. Das ist weit mehr als in der durchschnittlichen Bevölkerung. Bereits vor dem “Anschluss” sei etwa ein Drittel der Mitglieder des Vereins der Wiener Philharmoniker illegale Nationalsozialisten gewesen, erklärte Rathkolb. “Wir wollten nicht nur die Biografien der Vertriebenen und Ermordeten darstellen, sondern auch jene der Nationalsozialisten, die die schnelle Machtübernahme erst ermöglichten”, so Rathkolb. Immer wieder habe es auch “überraschende Grautöne” gegeben.

Die Entnazifizierung nach 1945 habe praktisch nicht stattgefunden: Nur vier Musiker wurden nach Kriegsende aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit gekündigt, sechs pensioniert. Auch einige geflohene Philharmoniker wurden eingeladen, zum Orchester zurückzukehren. Dieses Angebot nahm niemand an. “Ich wünsche mir, dass nach meinem Film die Geschichte mit dem Ring nicht mehr im Mittelpunkt steht”, erklärte Neumüller.

 Die Arbeit werde weitergehen, betonte Rathkolb. In den nächsten Monaten werde sicher noch einiges auftauchen: “Wir werden weiter korrigieren, verfeinern und ergänzen.” (APA)

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