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Wiener Festwochen: Bilder-Schmarrn, süßsauer bei "Ishvara"

Am Freitag wurden die Wiener Festwochen eröffnet.
Am Freitag wurden die Wiener Festwochen eröffnet. ©APA (Sujet)
Die neue Festwochen-Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin hatte am Freitag gefällig mit einem Eröffnungskonzert, bei dem Conchita Wurst als Gastgeberin die Helene Fischer des Wiener Rathausplatzes gab, begonnen. Im Programm ist jedoch mit deutlich mehr Irritationen zu rechnen - das zeigte am Samstag gleich die erste Premiere. "Ishvara" erwies sich als exotische Bilderflut - Devise: mitschwimmen oder untergehen.
Straßenschlacht im Container

Tianzhuo Chen, Jahrgang 1985, wird von den Festwochen als “Querulant der chinesischen Kunstszene” annonciert. Der u.a. in London ausgebildete Grenzgänger zwischen bildender Kunst und Performance, Musik und Tanz, präsentierte seine mit Performance-Materialien und -Videos operierende Ausstellungs-Installation “Ishvara” im vergangenen Herbst im Long March Space in Peking. Dass sich Zierhofer-Kin die Chance nicht entgehen ließ, die Live-Auskoppelung als Europa-Premiere zu zeigen, ist gut nachvollziehbar. Das aus vielen fernöstlichen Zutaten gemischte und opulent angerichtete fast zweieinhalbstündige Bühnentreiben voller Schauwerte überfordert jedoch bei seiner Dechiffrierung.

“Ishvara” bei den Wiener Festwochen

Es beginnt und endet mit einem stehenden Bilder-Tableau zu ohrenbetäubender Rave-Party-Musik. Die Bühne ist voller Codes und Zeichen, Kunst und Religion sind dabei bunt gemischt. Ein stilisiertes rotes Neon-Kreuz, eine Gestalt in chinesischen Traditionsgewändern, ein ausgemergelter Guru mit konzentriertem Gestenrepertoire, ein Wasserbrunnen mit Bassin zum Pritscheln, rätselhafte Statuen, ein großes Bild eines abgeschlagenen bärtigen Männerkopfes. “Mit seinen szenischen Bildkompositionen schafft er Stimulationsräume, die durch gezielte Überforderung einen hypnotischen Zustand erzeugen”, preisen die Festwochen Tianzhuo Chen an. “Es entsteht ein visueller und akustischer Sog, der in seiner Assoziationsmächtigkeit und seinem Bombast als Neudefinition des Genres ‘Oper’ verstanden werden kann.” Bei wem allerdings die Hypnose keine Wirkung zeigt, dem stößt der Bilder-Schmarrn ob seiner vielen Zutaten zwischen picksüß und “very spicy” leicht süßsauer auf. Erste Buhs waren nach einer dreiviertel Stunde zu hören.

Doch der Großteil der Zuschauer in der Halle E im Museumsquartier ließ sich geduldig und neugierig auf das Gebotene ein, auch wenn sich Narrativ und Assoziationsgeflecht der gezeigten sieben Szenen, die sich mit dem hinduistischen Epos “Bhagavad Gita” und mit Shiva, dem hinduistischen Gott der Zerstörung, befassen sollen, wohl erst daheim beim Nachlesen des Programm-Leaflets in Ansätzen erschließen konnte. So musste sich jeder selbst einen Reim auf den Reigen halbnackter, bemalter Tänzer und Tänzerinnen in Raserei und Bildfindungen zwischen Kreuzigung und Pieta, Menschenfresserei, Tangotanz und Aufblastier machen.

Tianzhuo Chen wird auch in Österreich seinen Weg gehen. Schon für den nächsten steirischen herbst ist eine neue Arbeit angekündigt. Das Publikum könnte dies als Übung nehmen, sich vom Schönen, Rätselhaften nicht überwältigen und einlullen zu lassen, sondern seine Kategorien zu ordnen und sein Urteil zu schärfen. Ekstase oder Eklektizismus? Ritual oder Radau? Gottheit oder Dummheit? Bluff oder Blasphemie? Tradition oder Trick? Kunst oder Kasperltheater? Kühler Kopf oder heiße Luft? Antworten auf diese Fragen zu finden, wird künftig immer wichtiger. Nicht nur im Theater.

(APA/Red)

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