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Wien Museum besucht die Weltausstellung 1873

Eine Anhäufung von Superlativen - und unterm Strich ein gewaltiger finanzieller Verlust: Die gigantische Weltausstellung 1873 rückte Wien ein halbes Jahr lang ins internationale Rampenlicht und spiegelte zugleich die Anstrengungen wider, zu den damals führenden Metropolen London und Paris aufzuschließen. Dieser Epoche des rasanten Umbruchs widmet das Wien Museum nun eine facettenreiche Großschau.


Bei der Ausrichtung der globalen Leistungsschau am Prater-Gelände sparte man durchaus nicht mit Protzereien: Eine Fläche fünfmal so groß wie beim Vorgänger-Event in Paris (1867), 53.000 Aussteller aus 35 Ländern, 194 Pavillons in diversen Baustilen, eine 800 Meter lange Maschinenhalle und der Industriepalast samt weltgrößtem Kuppelbau – der 85 Meter hohen und später abgebrannten Rotunde – als Herzstück sollten den Gastgeber als Großstadt auf dem Weg zu Fortschritt und Moderne in Szene setzen.

Pläne und Fotografien der unterschiedlichsten Präsentationshallen bzw. deren Errichtung, Original-Ausstellungsstücke wie ein Dampfmaschinenmodell, ein Webapparat, Thonetstühle oder ein feuerfester Safe, Werbeplakate für “Vergnügungs-Züge” bzw. Eintrittskarten für das Wiener Spektakel oder Weltausstellungssouvenirs – von bedruckten Raucherutensilien bis zum bestickten Herrenhemd – lassen Gigantomanie und Erlebnischarakter der von 1. Mai bis 2. November abgehaltenen Veranstaltung ein wenig erahnen. 40 Tagesmärsche hätte es gebraucht, um sämtliche Pavillons zu besichtigen, errechneten die Ausstellungsmacher des Wien Museums.

Die Weltausstellung stellt in der auf drei Räume aufgeteilten und rund 1.000 Objekte umfassenden Panorama-Schau im Haus am Karlsplatz allerdings nur einen Angelpunkt dar und steht gewissermaßen als Symptom für eine wichtige Transformationszeit, die Wien in diesen Jahren durchmachte. “Nie zuvor hat sich die Stadt so schnell und so radikal verändert”, betonte Museumsdirektor Wolfgang Kos, der gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Ralph Gleis kuratierte, am Mittwoch in einer Pressekonferenz.

Ausgehend vom Wirtschaftsboom in den späten 1860er-Jahren wurden zahlreiche Bauprojekte in Angriff genommen – darunter die repräsentativen Bahnhöfe, Brücken über Donau und Wien-Fluss, das Rathaus als Symbol für die wachsende Bedeutung der Kommunalpolitik gegenüber der höfischen Obrigkeit und freilich die Ringstraße mit ihren “Logenplätzen der Superreichen”. Die Nachfrage nach Milliarden von Ziegeln machte den damaligen Wienerberger-Chef Heinrich Drasche übrigens zum reichsten Wiener. Ein ausgestellter Apparat zur Versendung von Rohrpost verweist auf die Beschleunigung der Kommunikation.

Um Epidemien in den Griff zu bekommen, gewannen Medizin und Hygiene an Bedeutung. In die Zeit rund um die Weltausstellung fiel der Bau der ersten Hochquellwasserleitung, die Donauregulierung, die Rettung des Wienerwalds vor geplanten Rodungen und Verkäufen oder die Eröffnung des Zentralfriedhofs. Ein kleiner Übernahmeschein, der die Aufnahme eines unehelichen Kindes in ein sogenanntes Findelhaus dokumentiert, gibt ebenso Zeugnis von grassierender Armut wie die Besiedelungspläne vorstädtischen Territoriums wie Favoriten oder Ottakring in Form elender Zinshäuser.

Die letzten Kapitel der mit “Experiment Metropole – 1873: Wien und die Weltausstellung” betitelten Schau, die ab Donnerstag bis 28. September zu sehen ist, beschäftigt sich mit Bilanz und Folgen des Wiener Großspektakels. Aufgrund explodierender Kosten, einer erst kurz zuvor überstandenen Choleraepidemie und nicht zuletzt wegen des Börsenkrachs, der nur kurz nach der Weltausstellungseröffnung eine ökonomische Wende markierte, blieben die Besucherzahlen mit 7,25 Millionen Gästen weit unter den Erwartungen. In Summe standen 4,2 Mio. Gulden an Einnahmen 19 Mio. Gulden an Ausgaben gegenüber – ein Riesenverlust. Die damalige Wirtschaftskrise befeuerte zudem antisemitische Tendenzen, wie etwa zeitgenössische Karikaturen zeigen. Es ist wohl kein Zufall, dass der spätere Bürgermeister und “Erfinder” des modernen Antisemitismus Karl Lueger 1874 die politische Bühne betrat.

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