Wien Modern: Wiener Philharmoniker ohne Dirigent auf der Bühne

Gestern wurde die 31. Ausgabe von Wien Modern eröffnet.
Gestern wurde die 31. Ausgabe von Wien Modern eröffnet. ©APA/Georg Hochmuth (Themenbild)
Bei der 31. Ausgabe von Wien Modern standen die Wiener Philharmonika ohne Dirigent auf der Bühne.

Böse Zungen behaupten, dass die Wiener Philharmoniker meistens ohne Dirigent spielen – auch wenn ein Maestro am Pult steht. Am Sonntag war es im Konzerthaus nun aber definitiv soweit. Dabei spielten die Musiker erst einmal aber gar nicht – stand zur Eröffnung der 31. Ausgabe von Wien Modern doch John Cage klassisches Stillestück “4’33”” am Programm.

Stille, Nacht und die wilden 68er

Der exakt vier Minuten und 33 Sekunden dauernde Klassiker der Moderne hat seit seiner Uraufführung 1952 nichts von seiner Spannkraft verloren, ersetzt die Töne des Orchesters doch die jahreszeitlich bedingte und durch Nervosität im Publikum befeuerte Hustchoreografie. Es ist die Stille, die keine ist und durch die Leerstelle auf das Fehlende verweist.

Danach verlegten sich die Philharmoniker mit Arnold Schönbergs “Verklärte Nacht” in der Streichorchesterfassung von 1943 eher wieder auf ihr Kernrepertoire. So wird das spätromantische Werk am Weg zur Atonalität auch ohne Maestro klangbezaubernd und intonationssicher interpretiert.

Dann aber hatte man das vielleicht ultimative Individualistenwerk angesetzt, nutzte die Freiheit vom regelnden Dirigenten mit John Cages “Sixty-Eight”. Wenn schon, denn schon. Schließlich ist den 68 Musikern des Stücks der Einsatz mit ihren je 15 Tönen innerhalb eines vorgegebenen Zeitraumes selbst überlassen. Mehr Jazz mit den Philharmonikern geht nicht.

Den Abschluss bildete dann mit Johannes Maria Stauds “Scattered Light” noch eine Uraufführung. Dabei sind die Musiker der Philharmoniker mit dem Werk des 44-jährigen Tirolers durchaus vertraut, wird man nicht zuletzt am 8. Dezember in der Staatsoper sein Musiktheaterstück “Die Weiden” uraufführen. Beim Orchesterstück nun verzichtet Staud auf die tiefen Streicher und die hohen Bläser, versammelt den Klang mithin um eine Mitte, die vom pulsierenden Klavier als Zentrifugalachse besetzt ist.

Wien Modern bis 30. November

Es ergibt sich meist ein Spiel der Extreme zwischen den in die Höhe entschwindenden Geigen und den wagnerianischen Bläsern. Die Anspannung bleibt dabei auch über die ruhigen Passagen erhalten, müssen die einzelnen Instrumentengruppen doch die Koordination nicht nur innerhalb ihrer Formationen, sondern auch mit dem Gegenüber aktiv suchen, ohne dass die helfende Hand eines Dirigenten die Richtung weist.

Setzt “Sixty-Eight” auf die Individualisten, ist hier die demokratische Gruppe gefragt, das Aufeinander-Hören. Und das ist doch auch ideologisch ein schöner Auftakt für die 31. Ausgabe von Wien Modern, die nun bis zum 30. November dauert.

(APA/Red)

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