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Welser-Möst: "Das Neujahrskonzert ist nicht das Oktoberfest"

Franz Welser-Möst, neuer Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, wird erstmals am Pult eines Neujahrskonzerts stehen.
Welser-Möst: "Das Neujahrskonzert ist nicht das Oktoberfest"
Die APA sprach mit dem 50-jährigen, gebürtigen Oberösterreicher über den Dialekt der Wiener Philharmoniker, das Event als Nobelpreis für Dirigenten und darüber, weshalb das Neujahrskonzert nicht das Oktoberfest ist.

APA: Sie dirigieren heuer das erste Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Musikverein. Ist diese Aufgabe für einen Dirigenten eher Ehre oder Bürde?

Franz Welser-Möst: Ich würde zuerst sagen: Es ist eine Freude, dann eine Ehre und dann eine Bürde. Der Druck, der dort herrscht, ist natürlich groß. Dass es eine Ehre ist, ist auch keine Frage – es gab schließlich nur 14 Dirigenten vor mir. Das ist ein bisschen wie der Nobelpreis. Außerdem entscheidet über die Nominierung das Orchester – und da wird genau darüber nachgedacht, warum so eine Einladung ausgesprochen wird.

Und eine Freude ist es, weil ich nach langen Jahren im Ausland nach Österreich zurückgekommen bin. Ich habe 25 Jahre lang immer wieder versucht, diese sehr eigene Sprache, diesen Dialekt anderen Orchestern beizubringen. Und jetzt mit diesem Orchester – das den Dialekt spricht wie kein anderes – diese Musik zu machen, das ist schon eine wahnsinnige Freude.

Mein Gott, ich habe einmal mit den New York Philharmonic eine Fledermaus-Ouvertüre dirigiert (greift sich an den Kopf, Anm.). Der kleine Trommler – der sehr gut ist -, der war irgendwann bereit zum Selbstmord. Das sind Dinge, die kann man nicht erklären, die kann man nicht aufschreiben, die muss man spüren. Es ist wirklich schwer, wenn man diese Sprache nicht spricht. Ich kann kein Chinesisch – stellen Sie mich in Peking auf die Straße: Ich wäre verloren. Und so ähnlich muss das für diese Musiker sein.

Und dann kommt man nun zu diesem Orchester, und gewisse Dinge sind einfach so selbstverständlich. Das beflügelt dann wieder die eigene Fantasie, weil man sich nicht mit der Grammatik abgeben muss.

APA: Wie viele Proben haben Sie für das Konzert?

Welser-Möst: Fünf. Das soll man nicht unterschätzen. Diese Musik soll ja so leicht und mühelos klingen. Das ist eins vom Schwersten. Da gibt es auf so kleinem Raum permanente Änderungen – und das leicht rüberzubringen, das ist eine große Kunst. Das dauert alles nur wenige Minuten, und man muss sofort drinnen sein. In einer Bruckner-Symphonie können Sie hingegen die ersten beiden Takte erst einmal über das Tempo nachdenken.

APA: Was wird das Charakteristische des ersten Welser-Möst’schen Neujahrskonzerts sein?

Welser-Möst: Ich versuche, mich immer der Substanz zu nähern, wobei es mich interessiert, was das für uns heute bedeutet. Natürlich kann man sagen: Wir gehen ins Neue Jahr und alles muss happy sein – aber die Musik hat doch wesentlich mehr Tiefgang. Wenn man diese Melancholie herausholt, sagt diese Musik sehr viel über die österreichische Mentalität aus. Da hängt man einer alten Zeit nach – diese Dinge müssen mitschwingen. Das Neujahrskonzert ist nicht das Oktoberfest.

APA: Wird es weitere Neujahrskonzerte mit Welser-Möst geben? Ist es ein Ziel, den bisherigen Rekordhalter Willi Boskovsky vom Thron zu stoßen, der zwischen 1955 und 1979 das Event durchgängig dirigierte?

Welser-Möst: Nein. Ich bin jetzt 25 Jahre in dem Beruf. Mir geht es gut – aber man weiß nie, wie lange. Carpe diem. Was morgen ist, wissen wir alle nicht. Da bin ich egoistisch genug zu sagen, wenn ich in den Graben gehe, um zu dirigieren: Ich will Freude haben daran, ich will das genießen. Das ist vielleicht die beste Voraussetzung dafür, dass auch die anderen Freude haben. Was wir so oft übersehen, ist das Spielerische in der Kunst. Auch das gehört zum Menschen. Der Mensch ist ein komplexes Wesen, und da gibt es viele Seiten, die man entdecken kann, und keiner entdeckt alles.

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