WEGA-Chef erzählt von Anschlag in Wien

WEGA-Chef Ernst Albrecht hat sich an den Anschlag in Wien zurückerinnert.
WEGA-Chef Ernst Albrecht hat sich an den Anschlag in Wien zurückerinnert. ©APA/HERBERT NEUBAUER (Symbolbild)
Der Kommandant der Wiener Spezialeinheit WEGA, Ernst Albrecht, hat in die Vergangenheit geblickt - und zwar auf den Anschlag in Wien am 2. November 2020. Dabei unterstrich er die Zusammenarbeit sämtlicher Kräfte.
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"Vom Einsatz mitgenommen haben wir vor allem, was alles möglich ist, wenn man ohne Wenn und Aber auf Miteinander setzt." Von den Disponenten in den Leitstellen über die Bezirkspolizisten bis zu den Sondereinheiten hätten alle an einem Strang gezogen: Bei so einem Großeinsatz "kommt es auf jede Kleinigkeit an".

WEGA-Kommandant über Tag von Anschlag in Wien

"Ich möchte besonders die Bezirkskräfte hervorheben. Sie haben sich als erste dem Täter in den Weg gestellt und damit genau das verwirklicht, was die Einsatzpläne für solche Fälle vorsehen. Sie waren der Störfaktor, der ihn aus dem Konzept gebracht hat. Danach war er wie ein Gejagter unterwegs und hatte die Übersicht verloren", wie die Analyse des Bewegungsmusters später gezeigt habe.

Hätte sich der Terrorist hingegen weiter konstant vorwärtsbewegt, hätte er in den Bereichen Rotenturmstraße oder Stephansplatz eine Vielzahl von Menschen vorgefunden, die noch nicht vorgewarnt gewesen wären. "Diese Beamten haben sich mit Mut, Herz und Entschlossenheit und unter größter Lebensgefahr vor den Terroristen gestellt", dies sei ein Musterbeispiel für polizeilichen Einsatz gewesen und ein wichtiger Faktor für die rasche Ausschaltung des Täters.

Wien-Attentäter bekam es mit Funkstreife zu tun

Um 20.00.48 Uhr ging der erste Notruf ein, "Schüsse in der Seitenstettengasse", knapp dreieinhalb Minuten später konfrontierte die erste Funkstreife den Attentäter, im Schusswechsel erlitt ein Beamter schwere Verletzungen. Kaum neun Minuten nach Beginn des Terrorakts wurde der Täter durch einen WEGA-Polizisten erschossen.

Albrecht betonte das reibungslose Zusammenspiel aller eingesetzten Kräfte. In der prioritär auf Gefahrenabwehr ausgerichteten Phase 1 unterstützt die WEGA als schnelle Eingreiftruppe die "normale" Polizei, in einer Phase 2 - etwa Suche nach weiteren Tätern oder ein verschanzter Täter - kommt die Cobra mit Spezialkräften und -einsatzmitteln hinzu, die Phase 3 - zum Beispiel Wohnungsöffnungen und Hausdurchsuchungen - dominiert dann die Anti-Terror-Einheit mit ihrem technischen Equipment und Entschärfungsexperten.

Albrecht über Rolle der WEGA

Die WEGA sei das Bindeglied zwischen den Bezirkskräften und der Spezialtruppe, so Albrecht. Die derzeit laufende Installierung der Schnellen Reaktionskräfte (SRK) in den Bundesländern, vor allem der Schnellen Interventionsgruppen (SIG), erfolgt als Antwort auf den Terroranschlag nun sukzessive und nach dem Vorbild der in Wien schon seit rund 50 Jahren etablierten Sondereinheit.

Lob gab es weiters für die Bezirks- und Bereitschaftspolizisten für ihren "fürsorglichen Umgang" mit den vielen Betroffenen, die teils stundenlang in Lokalen und anderen Verstecken ausharren mussten. "Das Handling der hilflosen Bevölkerung unter extremer Anspannung ist auch eine Monsteraufgabe." Ebenso für die Beamten am Polizeifunk, die unvermutet vor einer Terrorlage gesessen seien und hochprofessionell koordiniert hätten.

Position von Rettungskräften bei Anschlag in Wien

Kopfzerbrechen bereitete dem WEGA-Chef bei der Aufarbeitung des Anti-Terror-Einsatzes der Umstand, dass Mitarbeiter der Rettungsdienste in der Tatnacht "im Auge des Sturms" gelandet seien. Ausgerückt wegen der Erstmeldung "Schussverletzung", fanden sich Helfer im Brennpunkt eines laufenden Anschlags wieder, wie sich erst dann herausstellte. Der Einsatztheorie zufolge sollten in die "rote Zone" nur Polizeikräfte vordringen, die "warme Zone" sei ein Korridor für Evakuierungen und Bergung von Verletzten, die Versorgungsstellen sollten sich in einer "kalten Zone" befinden. Beim Anschlag von Wien seien die Rettungskräfte im Bereich Schwedenplatz - Salztorgasse in der Anfangsphase zunächst "genau in der roten Zone" gewesen.

Schnell zeigte sich aber auch, wie dynamisch solche Einsätze sind und sich Voraussetzungen drehen können: Mit der "Ausschaltung" des Terroristen sei die Gegend plötzlich zum sichersten Ort geworden, die Sanitätsstelle wurde deswegen auch nicht mehr verlegt. Gleichzeitig fing eine Lawine von Notrufen aus ganz Wien an zu rollen, die Einsätze im ganzen Stadtgebiet zur Folge hatten.

WEGA hatte mit zahlreichen Einsätzen zu tun

Weitere vermeintliche Schüsse wurden berichtet, eine angebliche Geiselnahme, ein "Mann mit Waffe in der U-Bahn". Allein die WEGA arbeitete 110 solcher Einsätze ab, unterstützt von weiteren Bezirkskräften und Einheiten aus anderen Bundesländern, nachdem die Cobra zu Wohnungsöffnungen im Umfeld des nunmehr identifizierten Täters abgezogen worden sei. Die Menschen in Wien seien durch die schrecklichen Ereignisse verunsichert gewesen, es kam zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen, wiewohl manche Meldungen wohl auch bewusst falsch gewesen sein dürften. Dieses Phänomen sei schon bei einem Amoklauf 2016 in München aufgetreten. "Die Leute sind angespannt wie eine Feder, das löst Blaulichtgewitter aus." Eine einfache Lösung dafür sieht der WEGA-Chef nicht. "Man hat keine Chance in der Situation, man muss allem nachgehen", meinte Albrecht.

Solche Entwicklungen spielten den Terroristen in die Hand: "Das ist das Ziel des Terrorismus': Unsicherheit und Panik in der Bevölkerung auszulösen", so der WEGA-Chef.

(Das Interview führte Lisa Göltl-Hauptmann/APA.)

(APA/Red)

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