Weg mit dem Lockdown!

Wien steht im Bundesländervergleich am besten da.
Wien steht im Bundesländervergleich am besten da. ©APA/HELMUT FOHRINGER
Gastkommentar von Johannes Huber. Gemessen an der Bevölkerung gibt es in Wien halb so viele Infektionen wie in anderen Bundesländern. Das gehört wahrgenommen.

Als Österreicher könnte man glauben, ein Lockdown sei alternativlos zur Bekämpfung der Pandemie. Das ist jedoch ein Irrtum: Er wird allenfalls nur alternativlos gemacht. In Italien und in der Schweiz gibt es zum Beispiel keinen flächendeckenden Lockdown. Und die beiden Länder stehen alles in allem nicht viel schlechter da. Im Gegenteil: In Italien geht die Zahl der Neuinfektionen auf weniger hohem Niveau leicht zurück und in der Schweiz ist es sogar schon gelungen, sie zu halbieren.

Viel niedriger als in den beiden Nachbarländern, aber auch in Österreich insgesamt, sind die Zuwächse in Wien: 272 Fälle pro 100.000 Einwohner sind hier in den vergangenen sieben Tagen verzeichnet worden. Vom Boden- bis zum Neusiedlersee sind es 403, in Salzburg handelte es sich sogar um 619. Das sind um 130 Prozent mehr als in der Bundeshauptstadt. Auch Tirol und Oberösterreich liegen weit darüber.

Das wirft die Frage auf, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, regionale Unterschiede wahrzunehmen und punktgenau zu reagieren. In der Schweiz und in Italien ist das zur Regel geworden: In Zürich sind die Lokale offen, in Basel sind sie zu. Im einen Fall gibt es relativ wenige Infektionen, im anderen viel zu viele.

In Österreich haben bisher weder Bundes- noch Landespolitiker gefordert, nach diesem Muster vorzugehen. Ergebnis: Was für ein paar Länder, die die Kontrolle verloren haben und beim Contact-Tracing nicht mehr nachkommen, unausweichlich wird, wird für alle angewendet. Und weil das so ist, hat man in den vergangenen Wochen viel zu lange gewartet, bis man Beschränkungen verschärft hat: In Vorarlberg ist die Zahl bestätigter Infektionen im Oktober explodiert. Im benachbarten Bayern ist man bei ähnlichen Verhältnissen im Berchtesgadener Land zu einem Lockdown ebendort geschritten. In Vorarlberg passierte nichts. Klar: Wenn man nur die ganze Republik, nicht aber einzelne Länder runterfahren möchte, ist es schwierig, das nur wegen ein paar hunderttausend Alemannen zu tun.

Andererseits hatte es im Sommer in Wien überdurchschnittlich viele Fälle und auch eine besorgniserregende Entwicklung gegeben. Aber da herrschte Wahlkampf, also eine Zeit fokussierter Verantwortungslosigkeit, um es in Abwandlung eines Zitats von Ex-Bürgermeister Michael Häupl zu sagen (er hat von einer Zeit fokussierter Unintelligenz gesprochen): Sozialdemokraten um Häupl-Nachfolger Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker hatten kein Interesse daran, Wählerinnen und Wähler durch unpopuläre Maßnahmen gegen sich aufzubringen. Und ÖVP-Bundespolitikern wie Innenminister Karl Nehammer ging es beim täglichen Wien-Bashing nur darum, Stimmung gegen Ludwig und Hacker zu machen. (Sonst hätten sie Vorarlberg wenig später aufgrund der dramatischen Entwicklungen ebendort noch viel brutaler kritisiert; in diesem Fall haben sie jedoch geschwiegen.)

Um es auf den Punkt zu bringen: Gut möglich, dass in Wien schon im Sommer größere Beschränkungen nötig gewesen wären. Fix ist jedenfalls, dass sich die Stadt nicht gut genug auf die zweite Welle vorbereitet hatte. Ludwig hat das insofern gestanden, als er erst Mitte September ankündigte, weitere 1000 Mitarbeiter fürs Contact-Tracing einzustellen. Heute aber ist es absurd, Wienerinnen und Wiener unter denselben Ausgangsbeschränkungen sowie Geschäfts- und Lokalschließungen leiden zu lassen, wie Menschen in Bundesländern mit viel mehr Neuinfektionen und auch Spitalspatienten.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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