"Was ihr wollt" am Wiener Burgtheater

"Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Dieses Beckett-Motto scheint auch für die Shakespeare-Inszenierungen von Matthias Hartmann zu gelten. Auch sein neuester Anlauf mit "Was ihr wollt" vermochte am Mittwochabend im Burgtheater nicht vollends glücklich zu machen.
"Was ihr wollt" am Burgtheater

Gelacht wurde zwar viel, und vor allem das Trio infernal Nicholas Ofczarek (Sir Toby), Michael Maertens (Andrew Bleichenwang) und Joachim Meyerhoff (Malvolio) bot wahre Kabinettstücke der Komödienkunst, doch glich die Inszenierung lauter schillernden Perlen, denen die verbindende Schnur fehlte, um sie zu einem echten Schmuckstück zu machen.

Matthias Hartmann dirigiert ein Ensemble, das wohl auch die sprichwörtliche Telefonbuch-Lesung zur Pointen-Parade machen könnte. Das ist die eine Säule, auf der der Abend ruht. Die zweite ist die Musik von Karsten Riedel, der mit wunderbaren, rockigen Vertonungen von Shakespeare-Sonetten (als CD dem hübsch als Illyrien-Reiseführer gemachten Programmheft beiliegend) den Ton der dreieinhalbstündigen und nach der Pause ziemlich durchhängenden Aufführung vorgibt. Es ist, wie so oft bei Hartmann, eine handwerklich ordentlich gemachte Arbeit, der nicht nur der große interpretatorische Ansatz, sondern auch die Poesie weitgehend abgeht. Dass die Liebe alle zu Narren macht, wird höchst unterhaltsam vorgeführt – was bei den einzelnen Figuren dahinter steckt, bleibt im Dunkel.

Die Bühne von Stephane Laime führt den Zuschauerraum der Burg auf der Bühne weiter und baut dort eine weitere kleinere Bühne auf. Ein großes, halbtransparentes Frauengemäldeporträt ist das wichtigste Ausstattungs- und Spielelement, dass die abgebildete Schönheit zwischendurch einmal, der Herzogin gleich, Brille trägt, ist ein entzückendes Detail. Dahinter ist ein Rosenvorhang aufgespannt. Im Grunde aber reichte die leere Bühne, ein Laufsteg für die Starauftritte, eine Manege für die Nummernrevue.

Nicholas Ofczarek ist als dauerbetrunkener Sir Toby Rülp kaum wiederzuerkennen. Er hat sich einen vorsichtigen, steifen Gang und eine nuschelnde Sprechweise zugelegt und versucht auch bei steigendem Alkoholpegel, ja sogar beim dreistimmig gesungenen Kanon “Halts Maul, du dumme Sau” seine Würde zu wahren. Michael Maertens ist als Bleichenwang ein wahrer Ritter voll Furcht und Tadel, ein weinerlicher Jammerlappen, der sich in seinem Harnisch wie in einem Schildkrötenpanzer verkriechen möchte. “Das ist alles zuviel für so einen kleinen Ritter”, formuliert er einmal, den Tränen nahe, seine Anklage gegen das Leben. Joachim Meyerhoff wittert als Haushofmeister Malvolio Aufstiegschancen als künftiger Gatte der Gräfin, bietet in seiner Briefszene den komischen und in seiner Kerkerszene, die Hartmann mit Videoübertragung aus einer versenkten Kiste als Hommage an den Gruselfilm “Buried – lebend begraben” anlegt, auch den schaurigen Höhepunkt des Abends.

Simon Kirsch (Sebastian) und Oliver Masucci (Antonio) haben sehr hübsche schwule Liebesszenen, während bei der Annäherung zwischen Sebastians als Mann verkleideter Schwester Viola (Katharina Lorenz) und der Gräfin Olivia (Dörte Lyssewski) ungleich weniger knisternder Sex im Spiel ist. Maria Happel darf als Kammerzofe Maria eifrig den Staubsauger bedienen und Intrigen spinnen und letztlich den gewünschten Fang (nämlich Sir Toby) machen. Fabian Krüger bleibt als verliebter Herzog Orsino ein wenig blass, Sven-Eric Bechtolf gibt dem singenden Narren, der seine eigene Verstärker-Anlage mit sich zieht, etwas Dämonisches.

Deutlich wird gezeigt, dass sich beim Magnetismus der Herzen die Paarbildung nicht notwendigerweise zwischen den Geschlechtern vollziehen muss. Das Ende, bei dem fast jeder T(r)opf doch noch seinen Deckel findet, kommt ein wenig abrupt, erhält jedoch noch einen bösen Epilog: Der einzige echte Verlierer des Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiels, der selbstverliebte und bitter gedemütigte Malvolio, beginnt einen Rachefeldzug, der auch vor dem Publikum nicht haltmacht. “Das wird gemeldet. Euch kriege ich alle. Das machen wir alles zu. Und zwar so!” Fingerschnippen. Blackout. Und lautstarker, anhaltender Jubel.

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