Wahlkampf als "Königsdisziplin": Über Slimfit, Lederhose und Spindoktoren

Luschnik, Köstinger, Niedermühlbichler und Donig diskutierten über die "Königsdisziplin" Wahlkampf.
Luschnik, Köstinger, Niedermühlbichler und Donig diskutierten über die "Königsdisziplin" Wahlkampf. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Kommunikationsprofis beschäftigten sich bei einer Podiumsdiskussion mit der "Königsdisziplin" Wahlkampf. Besonders wichtig sei es, den Spitzenkandidaten einer Partei als authentische Marke zu etablieren. "Ich hätte Michael Häupl auch nie in einen Slimfit-Anzug gesteckt", meinte SPÖ-Manager Georg Niedermühlbichler.

Eine der Herausforderungen im Wahlkampf ist, dass man die Strategie nicht bis zum Wahltag vorausplanen könne, waren sich die Parteimanager bei einer Podiumsdiskussion einig. Eine politische Kampagne sei schon etwas anderes als Werbung für irgendein Produkt zu machen, betonte Grünen-Geschäftsführer Robert Luschnik bei der Veranstaltung der Wirtschaftskammer-Fachgruppe “Werbung und Marktkommunikation” Donnerstagabend, 28. September. “Man kann einen Wahlkampf nicht vom ersten Tag bis zum Wahltag durchplanen”, deshalb brauche es auch ein kleines Kernteam, das schnell Entscheidungen treffen könne. Man könne nicht jedes Thema Monate vorher voraussehen, stimmte Niedermühlbichler zu, deshalb lasse man die Schlussphase normalerweise recht offen, um flexibel reagieren zu können.

Spindoktoren im Wahlkampf

Großes Thema waren heuer Spindoktoren – ein gebranntes Kind ist dabei die SPÖ, deren externer Berater Tal Silberstein mitten im Wahlkampf verhaftet wurde. “Manchmal hat man ein gutes Händchen, manchmal hat man ein weniger gutes Händchen”, räumte Niedermühlbichler ein. Prinzipiell habe es manchmal schon Sinn, eine Außensicht zu bekommen. Im Nachhinein sei es ein Fehler gewesen, Silberstein zu engagieren, und man habe ihn korrigiert. Jetzt funktioniere es sehr gut und man komme in Fahrt – “vielleicht werden auch externe Berater dort und da überbewertet”, resümierte Niedermühlbichler. Man habe sich bewusst entschieden, ohne externe Experten zu arbeiten, erklärte ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger. Je mehr Berater, desto mehr Meinungen und Ratschläge – das sei letztlich nicht wirklich zielführend, befand auch Luschnik.

Spitzenkandidaten können schwierig sein

Einig war sich das Podium über die Bedeutung der Spitzenkandidaten – die aber auch herausfordernd sein können, etwa bei der Positionierung der Partei. So hatten etwa die NEOS die Schwierigkeit, “dass wir mit dem Matthias Strolz jemanden haben, der täglich zu neuen Ufern aufbricht”, erklärte Generalsekretär Nikola Donig. “Ja, der ist wirklich so wie im Fernsehen”, sorgte er für Erheiterung im Publikum.

Slimfit-Image Kerns komme gut an

Unbestritten ist für die Parteimanager auch, dass die Spitzenkandidaten äußerlich authentisch daherkommen müssen – wobei man sich mit Styling-Tipps durchaus die Zähne ausbeißt. Er habe Christian Kern schon öfter gebeten, bei Parteiveranstaltungen eine rote Krawatte zu tragen, “und wieder hat er eine blaue Krawatte”, plauderte Niedermühlbichler aus dem Nähkästchen. “Christian Kern zieht das an, was er für richtig hält.” Man habe durchaus intern besprochen, ob das Slimfit-Image des Kanzlers überall gut ankommt – “der hat keinen Bauch, das wollen eigentlich die Leut’ gar nicht” -, aber “das ist sein Style”. Hauptsache, der Spitzenkandidat sei authentisch, findet Niedermühlbichler. “Ich hätte Michael Häupl auch nie in einen Slimfit-Anzug gesteckt.”

Sebastian Kurz in Lederhose gibt es nicht

Auch ÖVP-Chef Außenminister Sebastian Kurz fragt laut Köstinger durchaus mal nach, “ob das in Jeans geht oder ob er das Trachtensakko braucht”. Echtheit hob auch Köstinger hervor: “Was es nicht geben wird – und wenn ich persönlich dafür sorgen müsste: einen Sebastian Kurz in einer Lederhose, weil das ist er nicht”, so lustig könne ein Volksfest gar nicht sein.

Dass Plakate von gestern sind, glauben die Wahlkampfstrategen auch in Zeiten von Social Media nicht. Es gehe um integrierte Kommunikation, “die Verschränkung ist es, die es macht”, erklärte Donig. Köstinger verwies aber darauf, dass es durchaus ein Problem sei, dass im Netz auch mit Fake Accounts schlechte Stimmung gemacht und Dirty Campaigning betrieben werde.

Angriffe auf Kurz als unbezahlbarer “Werbewert”

Negatives sieht Köstinger aber nicht automatisch als etwas Schlechtes, im Gegenteil erkannte sie einen quasi unbezahlbaren “Werbewert” darin, wenn Kurz von allen angegriffen werde, etwa auch in TV-Debatten, wo er gar nicht dabei sei. “Natürlich ist das ein Vorteil, weil man permanent präsent ist.” Niedermühlbichler wiederum stört sich nicht daran, dass die ÖVP mit “Gerechtigkeit” und die FPÖ mit “Fairness” in diesem Wahlkampf mit sozialdemokratischen Begriffen auf Wählerfang gehen: Er freue sich darüber, dass die anderen Parteien Themen plakatierten, bei denen die SPÖ die größte Glaubwürdigkeit habe. Denn diese Begriffe seien so mit der SPÖ verfestigt, dass man sie der Partei nicht wegnehmen könne, so Niedermühlbichler.

APA/Red.

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